Annans Syrien-Mission Das Palaver-Prinzip

Kofi Annan will in Syrien weitermachen wie bisher - auch wenn Machthaber Baschar al-Assad keinen einzigen Punkt des Friedensplans umsetzt. Es ist nicht das erste Mal, dass Annan sich von einem arabischen Tyrannen vorführen lässt.

AP/ SANA

Berlin - Kofi Annan gibt nicht auf. Auch wenn syrische Aktivisten ihn längst als Komplizen des Präsidenten Baschar al-Assad bezeichnen, will Annan mit seiner Friedensmission in Syrien weitermachen.

Gespräche mit Assad nannte er am Montag "konstruktiv".Es klingt wie Hohn, denn Assad erfüllt bisher keinen einzigen der sechs Punkte des Annan-Plans. Ein Abzug der Panzer, ein Ende der Gewalt, die Freilassung aller politischen Gefangenen, freier Zugang für Hilfsorganisation und Journalisten, Verhandlungen mit der Opposition? Fehlanzeige. Die Uno-Beobachter haben ihre Arbeit ausgesetzt.

Die bewaffnete Opposition weigert sich ihrerseits, Gespräche mit dem Regime zu führen oder als erstes ihre Waffen niederzulegen.

Was treibt den 74-jährigen Karrierediplomaten an, dennoch weiter mit Assad um Zugeständnisse zu pokern? Vom guten Ruf des Friedensnobelpreisträgers und beliebten Ex-Uno-Generalsekretärs dürfte bald kaum noch etwas übrig sein.

Annan war Chef der Blauhelme - in Ruanda und Srebrenica

Er ist nicht das erste Mal in hoffnungsloser oder hilfloser Mission unterwegs. Zusammen mit Syrien lesen sich diese Stationen in seinem Leben wie eine Geschichte des Scheiterns.

Ruanda im Frühjahr 1994. Der Uno-Beamte Kofi Annan ist gerade Chef der neu eingerichteten Uno-Hauptabteilung für Friedenssicherungseinsätze geworden. Uno-Soldaten sind in dem ostafrikanischen Land stationiert, dennoch werden in Ruanda innerhalb weniger Wochen mehr als eine halbe Million Menschen umgebracht. Eine unabhängige Untersuchungskommission, die der schwedische Ex-Ministerpräsident Ingmar Carlson leitet, macht Annan schwere Vorwürfe.

Annan habe Warnungen der Blauhelme ignoriert. Die Uno-Mission sei unzureichend geplant und mangelhaft ausgestattet. In entscheidenden Momenten kamen keine Anweisungen.

Bosnien im Sommer 1995. In Srebrenica wird das größte Massaker Europas seit Ende des Zweiten Weltkriegs begangen. Serbische Milizen marschieren in die Uno-Schutzzone ein. Rund 8000 Bosnier werden getötet. Die Blauhelme greifen nicht ein.

Kurz darauf wird Annan Uno-Generalsekretär. Er bezeichnet es als den "unmöglichsten Job". Keine Macht, kein Geld, aber die Ambition, alle großen Probleme der Welt zu lösen.

In diese Zeit fallen seine größten diplomatischen Niederlagen. Im Kosovo will er eine politische Lösung, er glaubt an Verhandlungen, keine Gewalt. Doch wie schon in Bosnien wird auch hier der Uno-Sicherheitsrat zögern und schließlich die Nato eingreifen - ohne Uno-Mandat.

Annans größte Blamage

Im Irak 1998 passiert ihm seine größte Blamage. Er trifft sich mit Saddam Hussein, um diesen zu überreden, Uno-Waffeninspektoren ins Land zu lassen. Er schmeichelt dem Diktatoren, lobt dessen Mut und Leistungen. Hussein verspricht ihm, die Inspektoren einreisen zu lassen - und Annan lässt sich als Supervermittler feiern.

"Saddam ist ein Mann, mit dem ich Geschäfte machen kann", sagt Annan. Internationale Beobachter bezeichnen den Uno-Generalsekretär daraufhin als naiv. Es dauert nicht lange, bis Hussein ankündigt, er habe keinerlei Absicht, weiter mit den Uno-Inspektoren zu kooperieren.

Annan versteht sein Verhandeln mit uneinsichtigen Tyrannen nicht als Niederlage. Nach dem Scheitern der Gespräche bombardieren die USA unter Bill Clinton in Operation "Desert Fox" vier Tage lang Bagdad. Knapp fünf Jahre später lässt US-Präsident George W. Bush amerikanische Truppen einmarschieren und Hussein stürzen.

"Bombardieren - und was dann?", sagte Annan in einem Gespräch mit der amerikanischen Zeitschrift "The New Yorker" wenige Tage vor dem US-Einmarsch im Irak 2003. "Ich bin zutiefst Afrikaner. Es gibt die Tradition des Palavers: Man setzte sich unter einen Baum und redete - so lange, bis man eine Lösung fand."



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