Rückkehr der Farc-Guerilla "Kolumbien ist wieder im Krieg"

Im Dschungel Kolumbiens droht ein blutiger Konflikt neu aufzuflammen: Kämpfer der Farc-Guerilla greifen wieder zu den Waffen. Sie wollen künftig vermehrt in Städten operieren.

Federico Rios/ DER SPIEGEL

Aus Putumayo berichtet


Es ist eine Szene, die es eigentlich nicht geben dürfte: Tief im Süden Kolumbiens, nahe der Grenze zu Ecuador, trainiert eine Gruppe von 20 Männern und Frauen im Dschungel für einen Krieg, der längst beendet schien.

Sie tragen grüne Uniformen, machen Liegestütze und stellen sich in militärischen Formationen auf. An den Armen tragen sie Binden in den Nationalfarben Kolumbiens, gelb, blau und rot. Einige halten Maschinengewehre in den Händen.

Die Kämpfer sind Mitglieder der Revolutionären Streitkräft Kolumbiens (Farc), jener Guerillagruppe, die das Land in einen jahrzehntelangen Bürgerkrieg verwickelte. Der Kommandant der kleinen Einheit in Putumayo, einer Dschungelregion im Süden, heißt Danilo Alvizú. Er sagt: "In den Medien hieß es, dass es die Farc nicht mehr gebe. Dass die Regierung den Krieg gewonnen habe." Die Militärübungen aber seien der Beweis, dass dies nicht stimme. Die Rebellen seien zurück.

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Farc in Kolumbien: Unter Dschungelkriegern

Alvizú hat einem Team des SPIEGEL exklusiven Zugang zu seinen Farc-Kämpfern gegeben. Er will, dass die politische Elite in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá weiß, dass die Rebellen kampfbereit sind. Und er kündigt von seinem Camp im Dschungel eine neue Taktik an: den Angriff auf Städte.

Über ein halbes Jahrhundert lang hatten die Rebellen in einem blutigen Guerillakrieg den kolumbianischen Staat bekämpft - finanziert durch Erpressung, Entführungen und Kokainhandel. Über 220.000 Menschenleben kostete der Konflikt, die meisten davon Zivilisten. Die EU führte die Rebellen als terroristische Vereinigung. Dann verständigten sich Anführer der Farc 2016 mit dem damaligen kolumbianischen Präsidenten Juan Manuel Santos auf einen Friedensplan, der unter anderem vorsah, die Farc von einer bewaffneten, Tausende Mitglieder umfassenden Miliz in eine politische Partei zu verwandeln. Santos erhielt dafür den Friedensnobelpreis, die berüchtigte Guerilla war am Ende - vorerst.

Danilo Alvizú: "Die Welt soll verstehen, dass wir wieder da sind"

"Ein Teil der Farc hat damals die Waffen abgegeben, ein anderer Teil, nämlich dieser hier, hat das nicht getan. Unser Kampf geht weiter", sagt Alivizú nun. Rund 500 Männer befehlige er in der Region Putumayo, 2000 stünden in ganz Kolumbien bereit. Es kann, wenn es soweit kommt, der Beginn einer neuen Welle der Gewalt sein.

Fast täglich meldeten sich neue Rekruten, erzählt Alvizú. "Es hat sich nichts geändert: Wir sind Revolutionäre, Guerilleros, die zur Waffe gegriffen haben, und wir wollen den gesellschaftlichen Umsturz. Die Welt soll verstehen, dass wir wieder da sind."

Die Bilder von kampfbereiten Farc-Guerilleros dürfte viele Kolumbianer schockieren. Bis zuletzt bestand die Hoffnung, dass der Friedensprozess genau das würde verhindern können. Allerdings hat die Regierung in den vergangenen drei Jahren weite Teile der Vereinbarungen aus dem Abkommen nicht eingehalten, darunter eine Landreform für die Bauern, die die Farc traditionell unterstützten.

Ein Grund dafür war, dass mit dem Juristen Iván Duque ein Politiker des rechtskonservativen Centro Democrático voriges Jahr ins Amt des Präsidenten gewählt wurde. Duque ist kein Freund des Friedensvertrags mit den Farc. Er stößt sich vor allem an den ausgehandelten Amnestieregelungen für Ex-Kämpfer und lässt sich viel Zeit mit der Einführung der versprochenen Reformen. Auch gegen die Terrorwelle rechter Killerkommandos gegen ehemalige Guerillaeros, Aktivisten und Bauernvertreter unternahm er bisher wenig. Über 100 Ex-Farc-Kämpfer und über 500 Anführer verschiedener linker Interessenvertreter wurden in den letzten drei Jahren in Kolumbien ermordet.

Die Rebellen sollen den Kampf aus dem Dschungel in die großen Städte bringen

"Wir werden das nicht weiter hinnehmen", sagt Danilo Alvizú. Rund 40 Prozent der Rebellen sollen nicht mehr in abgelegenen Urwaldregionen gegen die kolumbianischen Streitkräfte kämpfen. "Wir müssen vielmehr in die urbanen Zentren, nach Bogotá, Medellín und Cali. Dort müssen wir Zellen aufbauen, die unabhängig voneinander operieren." So könne man die Schlagkraft und die Relevanz der Farc massiv erhöhen. Er benutzt das Wort nicht, aber es ist klar, was er meint: eine neue Form des Terrorismus.

Dass Alviúz nicht allein kämpft, ist bereits seit über einer Woche klar. Die ehemalige Nummer zwei der Farc, Iván Márquez, kündigte an, den bewaffneten Kampf wiederaufzunehmen. "Es beginnt eine neue Etappe", sagte Márquez in einem Video, das im Internet kursierte und in Kolumbien wie eine Bombe einschlug.

Das Militär nahm die Drohung von Iván Márquez sehr ernst. Bei einem Bombenangriff auf Stellungen der Guerilla starben laut kolumbianischem Verteidigungsministerium in der vergangenen Woche 14 Guerrilleros. Kommandante Alvizú in Putumayo dürfte also recht behalten mit seiner Einschätzung: "Der Friedensvertrag ist tot, Kolumbien ist wieder im Krieg."

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