Kolumbianischer Rebellenführer Wo steckt Jesús Santrich?

Der Friedensprozess garantiert ihm Straffreiheit, doch die USA bestehen auf seiner Auslieferung. Jetzt hat sich der Farc-Guerillero Jesús Santrich abgesetzt - und Kolumbien rätselt, wo er wieder auftaucht.

Guerilla-Boss Jesús Santrich: USA hat die Auslieferung beantragt - wegen Drogenhandels
Fernando Vergara/ AP

Guerilla-Boss Jesús Santrich: USA hat die Auslieferung beantragt - wegen Drogenhandels

Von , Mexiko-Stadt


Hat er sich in den Bergen versteckt? Ist er im nahen Venezuela untergeschlüpft? Wie konnte er überhaupt untertauchen, schließlich ist er angeblich nahezu blind und bräuchte Helfershelfer? Ganz Kolumbien rätselt über das Verschwinden von Seuxis Hernández Solarte alias Jesús Santrich - so nennt sich der ehemalige Rebellenführer, seit er sich vor vielen Jahren der Guerilla Farc anschloss.

Am Morgen des 30. Juni wollten Leibwächter, die von der Regierung gestellt waren, Santrich in einem Camp ehemaliger Farc-Guerilleros im Norden des Landes abholen, um ihn in die Großstadt Barranquilla zu bringen. Dort sollte er auf einer Veranstaltung seiner Anhänger auftreten. Doch sein Zimmer war leer, das Fenster offen, draußen waren mehrere Reifen aufeinandergestapelt - sie dienten offenbar als Fluchttreppe.

Das Verschwinden des ehemaligen Guerilla-Bosses hat jede Menge Spekulationen ausgelöst. Santrich sei geflüchtet, weil seine Gegner ihn in Barranquilla ermorden wollten, behaupten seine Anhänger. Er habe sich nach Venezuela abgesetzt, wo er vor der kolumbianischen und der US-Justiz sicher sei, glauben Kritiker. Das Camp, aus dem er verschwunden ist, liegt nur wenige Kilometer von der venezolanischen Grenze entfernt.

Fest steht: Mit seinem Abtauchen hat der ehemalige Guerillaboss dem ohnehin umstrittenen Friedensprozess schweren Schaden zugefügt. Santrich habe Kolumbien "der Lächerlichkeit preisgegeben", schrieb die konservative kolumbianische Schriftstellerin María Clara Ospina in der spanischsprachigen Ausgabe des "Miami Herald". Sein Verschwinden bestärkt die Kritiker des Friedensabkommens um Ex-Präsident Álvaro Uribe: Sie hatten die juristische Sonderbehandlung der ehemaligen Guerillabosse von Anfang an beklagt, weil sie den Guerilleros Straffreiheit zusichere.

Sturm der Entrüstung

Santrich hatte die Waffen niedergelegt, so wie die meisten ehemaligen Rebellen der Farc, die vor zweieinhalb Jahren ein Friedensabkommen mit der Regierung geschlossen hatte. Die USA hatten seine Auslieferung wegen Drogenhandels beantragt, doch nach einigem juristischen Hin und Her war er Mitte Mai in letzter Minute freigekommen. Ein Richter der kolumbianischen "Sonderjustiz für den Frieden" (JEP), die für die Verfolgung besonders schwerer Verbrechen ehemaliger Farc-Guerilleros zuständig ist, hatte ihn auf freien Fuß gesetzt.

Die Entscheidung, Santrich nicht auszuliefern, hatte in Kolumbien einen Sturm der Entrüstung ausgelöst; der Generalstaatsanwalt und die Justizministerin waren aus Protest zurückgetreten. Die Staatsanwaltschaft ließ ihn erneut festnehmen, angeblich waren neue Indizien wegen seiner möglichen Verwicklung in Drogenhandel aufgetaucht. Doch der Oberste Gerichtshof setzte ihn kurz darauf wieder auf freien Fuß.

Santrich hätte im vergangenen Jahr eines von zehn Mandaten als Kongressabgeordneter antreten sollen, die den Ex-Guerilleros im Rahmen des Friedensabkommens zugesichert worden waren. Die Farc hatte sich nach dem Abschluss des Friedensabkommens in eine politische Partei verwandelt. Doch der Ex-Guerillero wurde auf Antrag der USA wegen seiner möglichen Verwicklung in Drogenhandel verhaftet, bevor er sein Mandat antreten konnte.

Für die juristische Verfolgung von Kongressabgeordneten sei allein der Oberste Gerichtshof zuständig, begründeten die obersten Richter ihre Entscheidung, Santrich auf freien Fuß zu setzen, selbst wenn der Betroffene sein Mandat noch nicht angetreten habe.

Wenn Santrich jetzt in Venezuela auftauchen sollte, hätte das Oberste Gericht sich blamiert - und die gesamte mühsam ausgehandelte "Sonderjustiz für den Frieden" (JEP), ein tragender Pfeiler des Friedensabkommens, wäre in Verruf geraten.

Kolumbiens konservativer Präsident Iván Duque stand dem Friedensabkommen schon immer skeptisch gegenüber; er hatte vergeblich versucht, die Sondergesetzgebung für die Guerilleros im Kongress auszuhebeln. Sein Mentor, der immer noch sehr beliebte Ex-Präsident Álvaro Uribe, machte vor der Unterzeichnung im November 2016 Stimmung gegen das Abkommen. Er war dabei so erfolgreich, dass eine Mehrheit der Befragten das Vertragswerk bei einem Plebiszit ablehnte.

Tausende Ex-Guerilleros sitzen in Übergangslagern

Aber nicht nur die Konservativen kritisieren das Abkommen, das weltweit gefeiert wurde und dem damaligen Präsidenten Juan Manuel Santos zum Friedensnobelpreis verhalf. Tausende Ex-Guerilleros sitzen nach wie vor in Übergangslagern, ohne Aussicht auf Jobs oder ein Leben unter würdigen Bedingungen. Unter ihnen wächst der Frust, viele fühlen sich von der Regierung verraten.

Die Regierung hatte versprochen, die Ex-Guerilleros in Projekten unterzubringen, die eine Alternative zum Coca-Anbau darstellten. Doch dafür müssten Straßen gebaut werden, in den ehemaligen Kriegsgebieten fehlt es an einer Infrastruktur, um die Produkte zu den Märkten zu bringen. Die Sammelcamps, in denen die Ex-Guerilleros leben, sollten eigentlich ein Provisorium sein, eine erste Station auf dem Weg in ein ziviles Leben. Doch sie sind zum Dauerzustand geworden.

Hinzu kommt, dass die Streitkräfte nicht in der Lage sind, wie versprochen die Sicherheit der Ex-Rebellen zu garantieren: Über 130 ehemalige Guerilleros wurden seit dem Abschluss des Friedensabkommens ermordet.

Viele ehemalige Farc-Kämpfer haben sich deshalb den sogenannten "Dissidenten" angeschlossen, abtrünnigen Farc-Kämpfern, die nie ihre Waffen niedergelegt haben. Andere sind zur Guerilla ELN übergelaufen oder arbeiten für Drogengangs.

Santrich wäre weder der erste noch der prominenteste der ehemaligen Farc-Comandantes, die sich abgesetzt haben: Ex-Comandante Iván Márquez, der die Guerillafraktion bei den Verhandlungen mit der Regierung anführte, weilt seit August vergangenen Jahres an unbekanntem Ort. Viele vermuten, dass er sich in Venezuela aufhält.

Iván Márquez 2017: Hat er die Flucht seines Freundes eingefädelt?
Fernando Vergara/ AP

Iván Márquez 2017: Hat er die Flucht seines Freundes eingefädelt?

"Es war ein schwerer Fehler, dass wir die Waffen abgegeben haben", schrieb er Ende Mai in einem Brief, den er auf Twitter veröffentlichte. Nur der Waffenbesitz hätte garantieren können, dass die Regierung ihre Versprechen erfülle, so Márquez. Die Regierung habe das Friedensabkommen von Havanna "verraten".

Mit seinem Brandbrief wollte der ehemalige Chefunterhändler der Farc seinem Ex-Gefährten Santrich beistehen, der kurz zuvor direkt nach seiner Freilassung erneut verhaftet worden war.

Jetzt glauben viele Kolumbianer, dass Márquez die Flucht seines Freundes eingefädelt hat. Wenn sich die beiden demnächst gemeinsam zu Wort melden, würde das wohl niemanden überraschen.



insgesamt 4 Beiträge
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Stäffelesrutscher 09.07.2019
1.
Señor Duque steht dem Friedensabkommen nicht »skeptisch gegenüber«, sondern er versucht, es nach Kräften zu torpedieren. Genau wie sein Mentor Úribe. Vielleicht könnte SPON ja mal ab und zu - sozusagen als Abwechslung zu den Horrormeldungen aus Venezuela - mal ein paar Fakten aus Kolumbien berichten: Aktivitäten der Paramilitärs, Ermordung von Bürgerrechtlern, ... SPON kann da gerne bei westlichen Medien nachschauen, CNN zum Beispiel, oder man googelt mal nach María del Pilar Hurtado. Das Video von ihrem Sohn, vor dessen Augen sie erschossen wurde, kennt inzwischen fast jeder Südamerikaner - aber in Europa herrscht Schweigen. Weil Kolumbien uns Kohle liefert?
ambulans 09.07.2019
2. weiß
hier eigentlich überhaupt noch irgend jemand, >weshalb sich die FARC damals gegründet hat?
mig68 10.07.2019
3.
Er ist natürlich in Venezuela, beschützt von den venezolanischen Streitkräften und von der ELN/FARC die die Grenze zu Kolumbien kontrollieren. Die FARC hat sich nicht aufgelöst, sondern geht nach wie vor Ihren lukrativen Geschäften nach, Drogenhandel, Menschenhandel, Schmuggel, Mord und Entführungen. Jetzt halt nicht mehr als "Freiheitskämpfer", sondern als kriminelles Syndikat was sie schon immer waren. Diese europäische verklärte Ideologie des Guerilleros der für Prinzipien kämpft, seit 30 Jahren gibt es die nicht mehr. Das sind einfach kriminelle Organisationen.
mig68 10.07.2019
4. @Stäffelesrutscher
Das ändert nichts an den Horrormeldungen aus Venezuela. Wenn selbst die Bachelet, Verbündete von Insulza, Verbündeter von Chavez Horror aus Venezuela meldet, dann ist das wohl wirklich so. Da kann die Linke noch so schäumen und Ihre Unterstützung für dieses Terrorregime propagieren. Und Kolumbien bekämpft diese kriminellen Terror Verbindungen. Sowohl FARC als auch ELN setzen ihre kriminellen Machenschaften in Venezuela fort. Der Cousin meiner Frau wurde in Guasdualito von der FARC erschossen, was interessiert mich Maria del Pilar, CNN? Täglich werden Menschen in Venezuela von den kolumbianischen GuerillaKartellen erschossen.
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