Kolumbien Regierung und Farc einigen sich auf historischen Friedensvertrag

Es ist das Ende eines jahrzehntealten Konflikts: Die kolumbianische Regierung und die linke Guerillaorganisation Farc haben Frieden geschlossen. Nun muss noch das Volk abstimmen.

Feiern zum Friedensvertrag in Bogotá
REUTERS

Feiern zum Friedensvertrag in Bogotá


Einer der ältesten Konflikte Lateinamerikas geht zu Ende: Die kolumbianische Regierung und die linke Guerillaorganisation Farc haben sich auf ein "abschließendes, umfassendes und endgültiges Friedensabkommen" geeinigt. Das teilten die Vermittler in Havanna mit. (Hier finden Sie die Erklärung im Wortlaut.) In der kubanischen Hauptstadt hatten die Konfliktparteien seit 2012 über den Friedensvertrag verhandelt.

Das Abkommen soll im September unterzeichnet werden. Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos setzte eine Volksabstimmung über den Vertrag für den 2. Oktober an.

In den Auseinandersetzungen zwischen staatlichen Sicherheitskräften, linken Rebellen und rechten Paramilitärs waren seit den Sechzigerjahren mehr als 220.000 Menschen ums Leben gekommen. Zudem wurden Millionen Kolumbianer aus ihren Heimatorten vertrieben. Die Regierungsstelle für Kriegsopfer zählt mehr als 7,6 Millionen direkte und indirekte Opfer des Kolumbien-Konflikts.

US-Präsident Barack Obama gratulierte seinem kolumbianischen Amtskollegen in einem Telefonat zum erfolgreichen Abschluss der Verhandlungen. Auch der Beauftragte des Auswärtigen Amts für den Friedensprozess in Kolumbien, der Grünen-Politiker Tom Koenigs, gratulierte "zum Durchbruch in den Verhandlungen um einen Friedensvertrag, der mehr als 50 Jahre Guerillakrieg beenden soll".

Was beide Seiten vereinbart haben

Bei den Gesprächen in Havanna hatten sich die Unterhändler der Regierung und der Farc bereits in zahlreichen Punkten geeinigt - zum Beispiel auf eine Landreform, auf die künftige politische Teilhabe der Rebellen, auf neue Ansätze im Kampf gegen den Drogenhandel und eine Entschädigung der Opfer.

Außerdem vereinbarten beide Seiten ein eigenes Justizwesen zur Aufarbeitung der Verbrechen des Konflikts. Für politische Straftaten wird eine weitreichende Amnestie gewährt. Wer seine Beteiligung an schweren Verbrechen einräumt, muss mit einer Freiheitsstrafe von höchstens acht Jahren rechnen.

Wer sind die Farc?

Die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc) sind die größte und älteste Guerillaorganisation Lateinamerikas. Gemeinsam mit anderen Rebellengruppen kontrollierten sie einst große Teile Kolumbiens. Seit 2002 drängte das Militär die Farc immer weiter zurück. Nach Einschätzung von Experten hat die Guerilla derzeit noch rund 8000 Kämpfer unter Waffen (Hier lesen Sie den Bericht eines Ex-Kompaniechefs: "Mein Leben im Untergrund".)

Auf dem Höhepunkt ihrer Macht führten die Farc von 1998 bis 2002 bereits einmal Friedensgespräche mit der Regierung. Damals wurde ihr eine demilitarisierte Zone von der Größe der Schweiz eingeräumt. Allerdings nutzten die Rebellen das Gebiet als Rückzugsort nach Angriffen, und die Verhandlungen scheiterten.

Die Farc finanzieren sich durch den Drogenhandel, den illegalen Bergbau und Entführungen. Eines der prominentesten Opfer war die frühere kolumbianische Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt, die bis zu ihrer Befreiung 2008 über sechs Jahre in ihrer Gewalt war.


Chronologie der kolumbianischen Friedensverhandlungen

19. November 2012: Die Friedensverhandlungen in Havanna beginnen.

26. Mai 2013: Die Parteien einigen sich über das erste von fünf Themen auf der Verhandlungsagenda, die Landfrage.

20. August 2013: Die Farc räumen erstmals eine Teilverantwortung für die Opfer des bewaffneten Konflikts ein.

6. November 2013: Die Unterhändler erzielen eine Einigung im zweiten Verhandlungspunkt, der politischen Beteiligung der Rebellen.

16. Mai 2014: Die Verhandlungsparteien einigen sich über die Drogenfrage.

22. Juni 2014: Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos wird wiedergewählt. Er hatte vor allem mit dem Friedensprozess für sich geworben.

16. November 2014: Die Gespräche werden abgebrochen, weil die Farc einen General entführen.

10. Dezember 2014: Nach der Freilassung des Generals werden die Verhandlungen wieder aufgenommen.

7. März 2015: Die Regierung und die Farc einigen sich darauf, gemeinsam Landminen zu räumen.

24. Mai 2015: Die Farc starten eine militärische Offensive gegen die Streitkräfte und die Infrastruktur des Landes.

4. Juni 2015: Die Unterhändler einigen sich auf eine Wahrheitskommission, die nach der Unterzeichnung des Friedensvertrags ihre Arbeit aufnehmen soll.

20. Juli 2015: Die Farc verkünden eine einseitige Waffenruhe.

25. Juli 2015: Die kolumbianische Regierung stellt die Luftangriffe auf die Farc ein.

23. September 2015: Präsident Santos und Farc-Kommandeur Rodrigo Londoño verkünden die Einigung im kritischen vierten Punkt, der juristischen Aufarbeitung des Bürgerkriegs.

22. Juni 2016: Die Unterhändler beider Seiten einigen sich auf eine beiderseitige Waffenruhe.

24. August 2016: Regierung und Farc geben den erfolgreichen Abschluss der Friedensgespräche bekannt.

aar/dpa/AFP/Reuters



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