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Kolumbien: Verhasste Ex-Rebellen lernen Demokratie

Foto: Juan Arredondo/ DER SPIEGEL

Guerilleros in Kolumbien Wenn aus Peinigern Politiker werden

Bei der Parlamentswahl in Kolumbien tritt erstmals die Farc an - als Partei. Wie machen verhasste Ex-Guerillas plötzlich Politik? Und wie reagieren die Opfer auf ihre Peiniger von damals?

Bevor sie das Büro verlässt, zieht Maria Edith Patiño ihr T-Shirt mit der roten Rose aus, dem Emblem der Farc. Die Handzettel, auf denen sie für die Partei der ehemaligen Guerilleros wirbt, verstaut sie in der Schublade. Niemand soll sie als Farc-Angehörige erkennen. Als Patiño auf die Straße tritt, blickt sie sich um.

Zweimal haben Unbekannte ihr schon aufgelauert. Einmal verfolgten drei Männer sie, als sie auf dem Weg zum Supermarkt war, eine Nachbarin brachte sie in Sicherheit. Ein anderes Mal wartete ein Mann vor ihrer Wohnung und drohte: "Wir wissen, dass du zur Farc gehörst, irgendwann erwischen wir dich!"

Patiño hat sich vor mehr als 15 Jahren der Guerillaorganisation angeschlossen. Aber sie habe nie aktiv an der Front gekämpft, sagt sie. Lieber erzählt sie, wie sie auf Kosten der Farc 100 Nähmaschinen für eine Mütterkooperative in einem Slum von Cali kaufte. Mit dem Erlös aus dem Verkauf der Kleider finanzierten sie Kindergärten und Hilfsprojekte. Vor drei Jahren durchsuchte dann die Polizei das Viertel. Patiño wurde verhaftet und musste für 17 Monate ins Gefängnis, wegen ihrer Mitgliedschaft bei den Farc. Jetzt will sie für die Farc-Partei ins Parlament einziehen. Und riskiert damit ihr Leben.

Guerilleros im Parlament

Am 11. März wählen die Kolumbianer einen neuen Kongress, etwa zwei Monate später den Präsidenten. Das Friedensabkommen zwischen der Regierung und den Farc garantiert den Ex-Rebellen bei der nächsten und übernächsten Wahl jeweils fünf Sitze in beiden Kammern des Parlaments, egal, wie viele Stimmen sie erhalten. Ihre neue Partei haben sie "Alternative Revolutionäre Kraft des Volkes" genannt, abgekürzt ebenfalls: Farc.

Patiño steht auf Platz fünf der Kandidatenliste. Die meisten Meinungsforschungsinstitute räumen der Farc höchstens zwei Prozent der Stimmen ein. "Wenn wir ein zusätzliches Mandat gewinnen, wäre das ein Riesenerfolg", sagt Patiño. Es würde zeigen, dass die Farc nicht so unbeliebt ist, wie die politische Klasse behauptet. Und dass es sich für die Guerilleros gelohnt hat, in die Politik zu gehen.

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Kolumbien: Verhasste Ex-Rebellen lernen Demokratie

Foto: Juan Arredondo/ DER SPIEGEL

Über 50 Jahre währte der bewaffnete Kampf der Farc gegen den kolumbianischen Staat, die Wunden sind noch lange nicht verheilt. Die Rebellentruppe sah Entführungen und Bombenanschläge als legitime Mittel ihres Kampfes an, sie finanzierte sich über Drogenhandel und Schutzgelderpressung. Bei vielen ist sie bis heute verhasst.

Und so droht der Farc-Partei womöglich das Schicksal ihrer Vorläufer von der Unión Patriótica (UP), einst der politische Arm der Guerilla. Über 4000 Mitglieder wurden in den Achtziger- und Neunzigerjahren von paramilitärischen Gruppen ermordet. Seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens im November 2016 sind über 50 ehemalige Kämpfer umgebracht worden. Die Farc macht dafür Anhänger des konservativen Ex-Präsidenten Álvaro Uribe verantwortlich.

Schon bei den ersten Wahlkampfauftritten wurde der Präsidentschaftskandidat der Farc, Rodrigo Londoño alias "Timochenko", mit Steinen, Eiern und Tomaten beworfen. Aufgebrachte Gegner demolierten sein Auto und schlugen mit Eisenstangen auf seine Anhänger ein. Seither vermeiden Farc-Bewerber Auftritte auf Plätzen und Straßen. Vor drei Wochen entschieden die Parteiführer, den Wahlkampf vorübergehend einzustellen, weil die Sicherheit nicht gewährleistet sei. Am Donnerstag beschlossen sie dann, bei der Präsidentschaftswahl im Mai nicht mehr anzutreten. Londoño musste sich einer Herzoperation unterziehen, er sei aus Gesundheitsgründen nicht in der Lage, Wahlkampf zu machen. Ein Ersatzkandidat ist nicht vorgesehen.

Früher militant, heute zivil

Patiño bedauert diese Entwicklung. Sie würde gern "die andere Seite der Farc" zeigen, sagt sie. Denn die Rebellen hätten ja nicht nur gekämpft und Bomben gelegt, Leute entführt und mit Drogen gehandelt. In den Elendsvierteln der Städte leisteten sie auch Sozialarbeit.

"Ich habe nie ein Gewehr in der Hand gehalten", beteuert die 52-Jährige. Vor ihrer Verhaftung war sie in der Stadtverwaltung für die Bewertung von Häusern und Wohnungen zur Festlegung der Grundsteuer zuständig. "Als ich mich weigerte, in den Armenvierteln Steuern zu erheben, wurde ich entlassen."

Heute sitzt sie im Parteibüro der Farc in Cali und plant den Internetwahlkampf. Die Ex-Rebellen residieren in einem weißen Flachbau, nur die rote Rose neben dem Eingang weist auf die neuen Mieter hin. Vor vier Wochen fanden sie einen Brief mit einer Bombendrohung unter der Tür, seither haben sie die Bewachung verstärkt.

Drinnen lehnt ein lebensgroßes Standbild von Präsidentschaftskandidat Londoño an der Wand. In einem Konferenzraum tagen ehemalige Kämpferinnen. Etwa 40 Prozent der Guerilleros waren Frauen, aber Gleichbehandlung und Anerkennung mussten sie sich mühsam erstreiten. Erst in den Achtzigerjahren, als sich viele Studentinnen der Farc anschlossen, stiegen einige von ihnen in die Führungskader auf.

Frauenpower bei der Farc

Bei den Friedensverhandlungen auf Kuba setzten die Farc-Frauen durch, dass ihre Anliegen in das Vertragswerk aufgenommen wurden. Im Wahlkampf treten sie dafür ein, dass Frauen bei der geplanten Landreform besonders berücksichtigt werden. Sie streben ein staatliches Grundgehalt für Mütter an, die sich zu Hause um ihre Kinder kümmern.

Zwei der fünf Senatsmandate der Farc sind für Frauen reserviert. Eines geht an Sandra Ramírez, die Witwe des legendären Farc-Gründers Manuel Marulanda. Das andere ist der Afrokolumbianerin Victoria Sandino vorbehalten, einer Rebellenführerin aus dem Norden. Sie hat ihr Hauptquartier in einem schwer bewachten Bürogebäude im Zentrum von Bogotá. Sandino ist die eloquenteste der Farc-Politikerinnen. Während der Friedensverhandlungen hat sie gelernt, sich gegen die Machos durchzusetzen.

Als Senatorin will Sandino für eine "neue, partizipative Demokratie" eintreten. Als erste Guerillachefin hat sie angekündigt, dass sie sich vor der für die Konfliktparteien geschaffenen Übergangsjustiz verantworten werde. "Ich werde die Wahrheit sagen, dazu habe ich mich verpflichtet", sagt sie feierlich.

"Die Farc-Bosse werden nicht einen Tag im Gefängnis verbringen"

Die juristische Aufarbeitung der Gräueltaten, die alle Akteure während des jahrzehntelangen Konflikts begangen haben, gilt als größtes Hindernis bei der politischen Eingliederung der neuen Farc-Partei. Die Übergangsjustiz erlaubt, dass die Ex-Rebellen auch dann ihr Mandat ausüben dürfen, wenn sie verurteilt werden. Als Strafe sieht das Gesetz vage "Dienst an der Gemeinschaft" vor.

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Kolumbien: Wütende Ex-Guerilleros

Foto: JOHN VIZCAINO/ AFP

"Die Farc-Bosse werden nicht einen Tag im Gefängnis verbringen, obwohl sie für zahlreiche Menschenrechtsverletzungen verantwortlich sind", empört sich der ehemalige Abgeordnete und Anwalt Sigifredo López. Er ist der einzige Überlebende einer Gruppe von zwölf Abgeordneten des Regionalparlaments in Cali, die im Jahr 2002 von den Rebellen entführt worden waren.

Nach fünf Jahren Gefangenschaft im Dschungel richteten die Guerilleros elf der Geiseln hin: Sie hatten Kämpfer ihrer eigenen Truppe, die auf das Versteck zumarschierten, mit einem Befreiungskommando der Armee verwechselt. López kam mit dem Leben davon, weil er von den anderen Geiseln getrennt war. Vor neun Jahren wurde er freigelassen. In seinem Wohnzimmer hängt ein Foto, das ihn ausgemergelt bei seiner Freilassung zeigt, er ist kaum wiederzuerkennen.

Farc-Kommandeur Pablo Catatumbo, der für die Ermordung der Geiseln verantwortlich war, hat López und die Angehörigen der Ermordeten öffentlich um Vergebung gebeten, das war eine der Voraussetzungen für das Friedensabkommen. "Ein Lippenbekenntnis", sagt López.

Er hat seinen Peinigern vergeben, wirft ihnen jedoch mangelnde Demut vor: "Sie haben doch ihre Mandate sicher, warum müssen sie jetzt auch noch in den Wahlkampf ziehen?" Statt sich sofort in die Politik zu begeben, sollten die Rebellen "vier Jahre Sozialarbeit machen".

Viele Rebellen fühlen sich von der Regierung verraten

Doch die Ex-Rebellen haben es eilig, ihnen läuft die Zeit davon. Wenn ein Vertrauter des Ex-Staatschefs Uribe die Präsidentschaftswahl gewinnt, ist der Friedensprozess in Gefahr, dann steht auch die politische Zukunft der Farc auf dem Spiel.

Zugleich müssen die einstigen Comandantes ihre Basis überzeugen, dass der Preis, den sie für die Niederlegung der Waffen bezahlen, nicht zu hoch ist. Viele ehemalige Rebellen fühlen sich von der Regierung verraten: "Sie hat die Versprechen nicht erfüllt", klagt José Acosta, 35.

Eine Autostunde südlich von Cali lebt der einstige Guerillakämpfer Acosta in den Bergen. Der Weg zu ihm führt vorbei an Kokafeldern und Bauernhöfen. Früher herrschte hier eine der großen Kampfeinheiten der Farc, fast 700 Männer und Frauen. Vor zwei Jahren gaben die Rebellen ihre Waffen ab. In Monterredondo sollten sie unter der Anleitung von Agrarwissenschaftlern lernen, wie man ökologisch korrekt Rinder züchtet und Kaffee anbaut.

"Wir müssen lernen, wie eine Demokratie funktioniert"

Doch die Fortbildungskurse fanden aus Mangel an Geld und Lehrern nicht statt. In dem Lager, das für 300 Menschen vorgesehen ist, wohnen nur 60 Ex-Rebellen. In einem Verschlag gackern knapp 500 Hühner. Das Entwicklungsprogramm der Uno hat die Anlage finanziert. Die Ex-Rebellen verkaufen die Eier, leben können sie davon nicht.

Die meisten Mitstreiter sind zu ihren Familien gezogen, einige haben sich anderen Guerillagruppen oder den "Dissidenten" angeschlossen - so werden die Farc-Kämpfer genannt, die sich dem Friedensprozess verweigern. Ein verblichenes Plakat weist die Siedlung als "Territorium des Friedens" aus. Einer der Ex-Rebellen auf dem Foto sei vor Wochen von einem Auftragskiller ermordet worden, erzählt Acosta, der Schatzmeister des Lagers ist. Der Ex-Guerillero hofft jetzt auf seine Kameraden, die in die Politik gegangen sind.

"Wir müssen lernen, wie eine Demokratie funktioniert", sagt er. Am Sonntag wird er zum ersten Mal in seinem Leben wählen gehen.

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