Kolumbien Guerilla-Geisel Betancourt nach sechs Jahren frei

Erlösung aus Geiselmartyrium im Dschungel: Nach Angaben der kolumbianischen Regierung ist Ingrid Betancourt nicht mehr in der Gewalt der Farc-Rebellen. Die frühere Präsidentschaftskandidatin und 14 weitere Geiseln sollen durch einen spektakulären Trick des Militärs befreit worden sein.


Bogotá - Die frühere kolumbianische Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt ist nach fast sechseinhalb Jahren Geiselhaft bei den linken Farc-Rebellen am Mittwoch befreit worden. Insgesamt kamen 15 Menschen frei - außer Betancourt noch drei US-Amerikaner und elf weitere Geiseln. Die Rebellen hätten ihre im Südwesten des Landes festgehaltenen Geiseln in einem gemieteten zivilen Hubschrauber transportieren wollen, sagte Verteidigungsminister Juan Manuel Santos. Tatsächlich habe es sich aber um eine Maschine der Streitkräfte gehandelt, fügte der Minister hinzu. "Es wurde nicht ein Schuss abgegeben und die Ex-Geiseln sind in guter Verfassung", sagte Santos weiter.

Außerdem seien zwei Rebellen, darunter der Chef der Geiselbewacher mit dem Kampfnamen "César", festgenommen worden. Für politische Beobachter in der Hauptstadt Bogotá war es der bisher schwerste Schlag der Regierung des konservativen Präsidenten Álvaro Uribe gegen die marxistische Rebellengruppe Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens.

"Schönste Nachricht meines Lebens"

Frankreich bestätigte am Abend die Befreiung Betancourts. Die 46-Jährige sei frei, teilte der Elysée-Palast mit. Der Sohn der früheren kolumbianischen Präsidentschaftskandidatin, Lorenzo Delloye-Betancourt, sagte unmittelbar nach der Erklärung der Regierung: "Das ist die schönste Nachricht, die ich je in meinem Leben bekommen habe." Delloye-Betancourt, der in Frankreich lebt, sagte dem Radiosender France-Info, er sei "überrascht und glücklich".

Seit Monaten liefen internationale Bemühungen um eine Freilassung der Geiseln. Zuletzt hatten Gerüchte über den schlechten Gesundheitszustand die Sorge über das Schicksal der Geisel verstärkt. Auf Bildern, die vor einigen Monaten veröffentlicht wurden, wirkte Ingrid Betancourt schwach und gebrochen. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy hatte im April dieses Jahres in einer Fernsehansprache erklärt, für Betancourt bestehe unmittelbare Lebensgefahr. Das kolumbianische Militär erklärte heute, allen gehe es den Umständen entsprechend gut.

Die Farc hatte Betancourt im Februar 2002 entführt. Sie befand sich damals mitten im Wahlkampf. Seitdem wurde sie im Dschungel versteckt gehalten. Zuletzt verlangten die Rebellen im Austausch für 39 Geiseln von der kolumbianischen Regierung die Freilassung von 500 ihrer Guerilleros. Nach kolumbianischen Angaben hält die Farc etwa 700 Geiseln in ihrer Gewalt.

Vermittlungsversuche in Lateinamerika

Anfang Juni hatte Venezuelas Präsident Hugo Chávez den neuen Anführer der Farc, Alonso Cano, zur Freilassung aller Geiseln aufgefordert. Dies könne ein erster Schritt zur Beendigung des jahrzehntelangen innerkolumbianischen Konflikts sein, hatte er erklärt.

Zu Jahresbeginn ließ die Farc auf Vermittlung von Chávez bereits mehrere Geiseln frei, die sie zum Teil seit Jahren im Dschungel gefangen gehalten hatte. Dutzende weitere waren aber noch in der Hand der Rebellen, darunter Betancourt. Ende Mai hatte die Farc mitgeteilt, ihr Gründer und Anführer Manuel Marulanda sei Ende März einem Herzinfarkt erlegen. Neuer Chef wurde Cano. Politische Beobachter waren davon ausgegangen, dass er an Verhandlungen mit den Regierungen und langfristig an Frieden eher interessiert sei als Marulanda.

Die Farc finanziert sich vor allem durch den Kokainhandel und Entführungen. Zuletzt mussten sie aber empfindliche Verluste hinnehmen. So töteten kolumbianische Soldaten Anfang März im Dschungel Ecuadors die Nummer zwei der Gruppe, Raúl Reyes. Zudem desertierte eine prominente Kommandeurin der Farc und erklärte öffentlich, die Organisation sei dabei, sich aufzulösen.

amz/AP/AFP/Reuters/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.