Berichte von Gewaltopfern aus Kolumbien "Die Hölle ist nah"

Massaker, Zwangsrekrutierung und Mord: Kolumbiens Zivilbevölkerung leidet unter bewaffneten Konflikten. Drei Opfer berichten.

Der Rio Atrato nahe Bellavista, wo 2002 mindestens 79 Menschen bei Guerilla-Gefechten in einer Kirche starben
Philipp Lichterbeck/ Adveniat

Der Rio Atrato nahe Bellavista, wo 2002 mindestens 79 Menschen bei Guerilla-Gefechten in einer Kirche starben

Aus Bellavista und Quibdó berichtet


Jesús Nevaldo Perreia Perreia vom Bauernverband Quibdó

Philipp Lichterbeck/ Adveniat

Wenn Jesús Perreia die Gedächtnis-Kapelle für Gewaltopfer in Quibdó besucht, bereiten ihm zwei Fotos an der Wand besonderen Schmerz. Auf einem ist sein Bruder zu sehen, der vor 15 Jahren ermordet wurde. Auf dem anderen einer seiner Söhne, den es vor 13 Jahren erwischte. Das Bild eines weiteren Sohnes fehlt - er verschwand vor fünf Jahren spurlos.

"Wir wissen nicht, wer ihn entführt hat. Es gibt inzwischen so viele verschiedene kriminelle Gruppierungen hier im Departement Chocó, dass wir es nicht sagen können", sagt Perreia.

Sein ermordeter Bruder sei Bootsführer gewesen. "Er wurde sowohl von der Farc als auch von den Paramilitärs gezwungen, für sie zu arbeiten. Er konnte sich nicht weigern. Wenn er dann tat, was sie verlangten, setzte er sich der Gefahr aus, von der anderen Seite angegriffen zu werden."

So viele Menschen seien aufgrund dieser Situation getötet worden oder aus ihren Heimatdörfern geflohen. "Ganze Flussregionen sind inzwischen entvölkert, weil die Angst so groß ist." Im Bezirk Chocó werde die Minenaktivität von bewaffneten Gruppen kontrolliert, darunter auch der Goldbergbau. Dieser werde illegal praktiziert, obwohl das Gesetz es verbiete. "Viele leben davon, das produziert Gewalt und Konflikte", sagt Perreia. "Wenn der Staat den Bergbau ordentlich organisieren und kontrollieren würde, hätten wir kein Gewaltproblem."

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Gewalt in Kolumbien: "Die alte Angst wieder da"

Zwar gehöre das Territorium den Afrokolumbianern und Indigenen. "Aber wir sind nicht an gesellschaftlichen Prozessen beteiligt. Wir haben kaum Zugang zu Bildung oder Gesundheitsversorgung - wir haben überhaupt keine Rechte."

Perreia versuchte trotz großer Armut, seinen Kindern eine Ausbildung zu ermöglichen. "Mein Sohn wurde am 5. Oktober 2005 von der Farc ermordet. Er brauchte 400.000 Pesos, rund hundert Euro, für seine Immatrikulation an der Universität in Quibdó. Um das Geld zu verdienen, ist er in unser Dorf gefahren, um dort Holz zu schlagen, das er verkaufen wollte. Er wurde ermordet, weil die Farc den Generalverdacht hegt, dass alle jungen Leute, die in der Stadt studieren, automatisch Spione der Paramilitärs seien."

Fotos von Ermordeten in der Gedächtniskapelle von Quibdó
Philipp Lichterbeck/ Adveniat

Fotos von Ermordeten in der Gedächtniskapelle von Quibdó

Perreia kämpft schwer mit dem Verlust der beiden Söhne. Aber er hegt keine Rachegelüste. "Ich kenne die Farc-Kommandantin, die den Befehl zum Mord an meinem Sohn gegeben hat. Ich weiß, dass die Jungen, die ihn beschuldigt haben, ein Kollaborateur gewesen zu sein, aus der Nähe meines Dorfes stammen. Aber ich will das gar nicht genau wissen. Es würde mich zu sehr belasten."

Es sei nicht leicht zu vergeben, wenn jemand das eigene Kind töte. "Aber wir können den Friedensprozess nur anschieben, wenn wir keine Hassgefühle haben. Wir müssen dafür sorgen, dass die noch Lebenden nicht dasselbe Schicksal erleiden."

Santiago*, Guerilla-Informant aus der Region Bojayá

Rekrutierungsopfer Santiago*
Annette Langer/ DER SPIEGEL

Rekrutierungsopfer Santiago*

Ich wurde 2008 von Mitgliedern der linken Farc-Guerilla gezwungen, für sie zu arbeiten. Ich sollte ihnen einen Schleichweg zum Pazifik zeigen. Zwei Tage lang waren wir unterwegs, dann ist ein Farc-Kommandant auf eine Mine getreten und wurde schwer verletzt. Da sagten sie, ich müsse einen anderen Weg zum Fluss Opogado finden. Das habe ich auch getan.

Kurz darauf habe ich eine Frau kennengelernt und bin zu ihr in ein anderes Dorf gezogen. Im Jahr 2016 kam die Nationale Befreiungsarmee ELN, ebenfalls eine Guerilla, in diese Gemeinde. Einer der ehemaligen Farc-Kommandanten war inzwischen bei denen gelandet und hat mich wiedererkannt. "Du bist ein guter Mann", sagte er, verpasste mir einen neuen Kampfnamen und trug mich in die Liste der Kämpfer ein.

Ich wollte das nicht, aber ich hatte Angst, mich zu wehren. Ich musste dann als Informant für den Kommandanten arbeiten. Ich sollte die Bewegungen der gegnerischen Truppen auskundschaften. Ich habe auch Verpflegung in das ELN-Lager gebracht. In meiner Gemeinde machte es die Runde, dass ich für die Guerilla arbeite - es hat niemanden interessiert, dass ich dazu gezwungen wurde. Mir hat diese Arbeit nie gefallen.

Und plötzlich kamen rechte Paramilitärs mit einer Liste in mein Dorf und fragten: "Wo ist Santiago*, der ELN-Informant?" Die Leute haben mich nicht verraten. Einer hat mir heimlich gesteckt, dass ich gesucht werde. Da habe ich den Dorfältesten gebeten eine Versammlung einzuberufen, um mich zu schützen, aber er hat nichts unternommen. "Beschwer dich bei der Ombudsstelle", hat mir ein Freund geraten. Da bin ich heimlich mit einem Boot losgefahren. Seit vier Tagen warte ich jetzt auf ein Treffen mit dem Ombudsmann.

Ich habe sechs Kinder, bin an Tuberkulose erkrankt und verdiene derzeit kein Geld. Meine Frau sagt, ich solle nie wieder mit irgendeiner Guerilla arbeiten. Ich bin zu den ELN-Vertretern gegangen und habe erklärt, dass es vorbei ist. Bisher lassen sie mich in Ruhe. Aber die Paramilitärs gehen weiter davon aus, dass ich für die ELN arbeite - für sie bin ich ein Feind.

Macaria Allín, Überlebende des Massakers in Bellavista, Chocó

Philipp Lichterbeck/ Adveniat

Am 2. Mai 2002 starben in einer Kirche in Bellavista im Nordwesten Kolumbiens mindestens 79 Menschen, als ein Sprengsatz der Farc-Guerilla in einer Kirche explodierte. Macaria Allín hatte sich dort mit ihren beiden Töchtern und knapp 300 weiteren Schutzsuchenden vor den Gefechten zwischen Farc und Paramilitärs versteckt.

"Irgendwann habe ich ein seltsames, metallisches Geräusch gehört und sofort meine ältere Tochter, die in der Nähe spielte, zu mir gerufen. Dann schlug die Bombe ein. Ich habe anfangs überhaupt nicht verstanden, was eigentlich los war. Meine Tochter war schwer verletzt, wir bluteten beide heftig. Ich konnte mich nicht mehr bewegen, deshalb habe ich meine jüngere Tochter jemandem anvertraut und bin mit der älteren in der Kirche geblieben. Die ganze Nacht haben wir da gelegen, mit fünf weiteren Schwerverletzten."

Im Video: Die mutigen Frauen von Chocó

Matts Olsson

Gegen vier Uhr morgens seien Männer von der Farc gekommen und hätten gefragt, ob sie "zu den Hurensöhnen von Paramilitärs" gehörten. "Nein, wir sind Zivilisten!", hätten sie geschrien. "Da versprachen sie, Sanitäter vom Roten Kreuz vorbeizuschicken. Die kamen tatsächlich und brachten uns mit einem Boot ans andere Flussufer." Nervös seien ihre Retter gewesen: "Beeilt euch, die Hölle ist nah."

Allíns ältere Tochter wurde ausgeflogen - mit dem einzigen Flugzeug, das überhaupt kam. "Wir haben alle drei überlebt, aber nicht alle Wunden sind verheilt. Seit hier erneut gemordet wird, ist die alte Angst wieder da. Das ewige Auf-der-Hut-Sein zermürbt. Der Staat behauptet, er werde uns schützen. Aber das sind nur leere Worte. Wir haben beobachtet, wie staatliche Sicherheitskräfte die Paramilitärs aus der Kampfzone in Bojayá rausgeholt haben, sie waren miteinander im Bunde. Echte Unterstützung habe ich nur von den Ordensfrauen und der Diözese bekommen. Ich habe meinen Glauben nicht verloren, auch wenn es anfangs schwer war, wieder eine Kirche zu betreten."

*Name von der Redaktion geändert



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