Kolumbien Lieber Rache als Frieden

Die Ablehnung des Friedensvertrages mit den Farc-Rebellen in Kolumbien ist eine heftige Niederlage. Nicht nur für die Regierung. Ihr Ausmaß reicht weit über die Grenzen des Landes hinaus.

Zeitungsleser in Kolumbiens Hauptstadt Bogota
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Zeitungsleser in Kolumbiens Hauptstadt Bogota

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Die Kolumbianer hatten die Chance, in die Geschichte einzugehen. Mit einem Kreuz an der richtigen Stelle hätten sie einen historischen Friedensprozess befürwortet, der international bereits als Beispiel für vergleichbare Konflikte in der Welt gepriesen wurde. Aber sie entschieden sich dagegen. Jetzt ist völlig unklar, wie sich Akteure auf einen neuen Kompromiss verständigen sollen, die sich gegenseitig die Legitimität absprechen.

Auf der einen Seite stehen die Linksrebellen der Farc, auf der anderen Seite Ex-Präsident Álvaro Uribe und seine Rechtsaußenpartei "Centro Democrático", zweitstärkste politische Kraft des Landes. Für ihn sind die Farc keine Rebellen, die mal für ein besseres Kolumbien kämpften, sondern Terroristen und Drogenhändler, die man am besten mit Blei und harter Hand niederringt. Zwischen ihnen muss nun Präsident Juan Manuel Santos vermitteln. Doch er droht zu scheitern - und mit ihm der Friedensprozess.

Die Bevölkerung lehnte das Abkommen mit den Farc-Rebellen mit einer hauchdünnen Mehrheit ab und folgte damit dem Motto, das Uribe vorgegeben hatte: "Wir wollen Frieden, aber nicht so." Es habe sich der Sektor der kolumbianischen Gesellschaft durchgesetzt, "der Angst davor hat, die Linksrebellen als politische Kraft zu sehen und der ihnen die Straferleichterungen missgönnt", schreibt der Politologe Prudencio García in der spanischen Tageszeitung "El País".

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Kolumbien: Land in Schockstarre

So war die Ablehnung des Friedensabkommens mit den Rebellen zum einen eine Entscheidung aus Wut und Rachsucht. Denn für die Mehrheit der Kolumbianer ist es schlicht unvorstellbar, dass die Guerilleros den kürzesten Weg aus den Schützengräben in die Parlamente nehmen und dabei nicht einen einzigen Tag den Umweg über ein Gefängnis gehen. 88 Prozent der Bevölkerung will die Rebellen hinter Gittern sehen.

Seit Sonntag weiß man, dass dieser Wunsch der Kolumbianer nach Rache noch größer ist als ihre Sehnsucht nach Frieden. Das ist nach mehr als einem halben Jahrhundert Krieg eine erschütternde Bestandsaufnahme, sagt aber alles über den Zustand des Landes und der Gesellschaft aus. Der Krieg hat das Land nicht nur wirtschaftlich ausgeblutet, sondern auch bis in die Grundfesten gespalten.

Ein Sieg der Emotionen über Argumente

Es wird mehr als eine Generation brauchen, bis die Mehrheit Kolumbianer bereit sind zu vergeben, zu verstehen und sich zu versöhnen. Entführung, Ermordung, Vertreibung - zu schwer waren die Verbrechen, welche die Rebellen im Namen eines angeblichen gerechten Kampfes für eine bessere Gesellschaft begangen haben.

Das Paradoxe beim Ausgang des Referendums aber ist: Es stimmten vor allem die urbanen Zentren mit Nein - also die Regionen, die besonders weit weg vom bewaffneten Konflikt waren. Viele der Gegenden und Dörfer, die zum Teil täglich unter Farc-Attacken gelitten hatten, votierten mit überwältigender Mehrheit für eine Alternative zum Krieg. Das heißt: Es war gar nicht unbedingt immer der persönliche Leidensdruck, der den Ausschlag gab, sondern auch die kollektive Ablehnung eines alternativen Projekts und der Hass auf die Rebellen.

Farc-Führer Rodrigo Londoño alias Timochenko
Klaus Ehringfeld

Farc-Führer Rodrigo Londoño alias Timochenko

So war die Ablehnung des Friedensabkommens dann auch vor allem ein Sieg der Emotionen über die Argumente. Während die Regierung mit Statistiken, Wachstumschancen und Investitionen argumentierte, spielte das "No"-Lager in Gestalt von Uribe gekonnt mit Angst und Wut der Bevölkerung: Ein Ja zum Friedensabkommen werde die Grundwerte des Landes erschüttern, dem Linkspopulismus Tür und Tor öffnen und Kolumbien in ein zweites Venezuela verwandeln, war die Botschaft. Riesige Plakate mit einem Bild von Farc-Führer Rodrigo Londoño alias Timochenko mit Präsidentenschärpe klebten in vielen Städten des Landes wie eine Warnung.

insgesamt 81 Beiträge
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isoman 04.10.2016
1. Ich denke,
Die Menschen wollen keine Rache sondern Gerechtigkeit. Es kann nicht sein, dass Rebellen morden und danach straffrei davon kommen.
klamed 04.10.2016
2. Die Grenze der direkten Demokratie..
... scheint hier erreicht. Ähnlich wie beim Brexit sollte man sehr weitreichende Entscheidungen durch ein Parlament treffen und nicht durch Volksabstimmung. Vermutlich sind zu viele Bürger in Kolumbien durch die Verbrechen der Rebellen persönlich betroffen, dass diese keine distanzierte Entscheidung treffen können.
chinawoman 04.10.2016
3. Sehr schade
die die am meisten betroffen waren stimmten für Frieden, in den weniger betroffenen Städten dagegen. Die waren dafür mehr der Propaganda ausgesetzt. FARC-Rebellen sitzen doch nicht sofort in Parlamenten, dahin müssten sie doch erst gewählt werden. Ich hatte mir für das Land eine positive Abstimmung erhofft. Es wäre ein Zeichen in die Welt gewesen.
cato. 04.10.2016
4.
"Das Paradoxe beim Ausgang des Referendums aber ist: Es stimmten vor allem die urbanen Zentren mit Nein - also die Regionen, die besonders weit weg vom bewaffneten Konflikt waren." Was soll daran Paradox sein, dass die Regionen die von einer Forstsetzung des Konflikts besonders negativ betroffen sind, an einem Frieden um jeden Preis ein Interesse haben, während jene die nicht in Gefahr sind sich ihre Prinzipien leisten können.
wilhelm_holzmann 04.10.2016
5. Einseitige Berichtetstattung
Der Beitrag problematisiert einseitig die angeblich geplante Straffreiheit für die FARC-Rebellen. Es darf aber nicht unerwähnt bleiben, dass es in dem langen Bürgerkrieg auch massive Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen durch Polizei, Armee und rechte Paramilitärs gab. Es steht also nicht nur Frieden gegen Straffreiheit für die FARC zur Debatte, sondern auch eine sehr weitgehende Straflosigkeit für die andere Seite. Auf der Seite scheint die "Milde" offenbar nicht zu stören.
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