Gaza - Israel hat am Samstag ein mit Hilfsgütern für Palästinenser im Gazastreifen beladenes Schiff unter seine Kontrolle gebracht und zur Kursänderung gezwungen. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagte, seine Regierung werde weiter dafür sorgen, dass keine Waffen den von der radikalislamischen Hamas kontrollierten Gazastreifen erreichen.
Die "Rachel Corrie" hatte nach Angaben der Organisation Free Gata Rollstühle und Baumaterialien wie Zement geladen. US-Sicherheitsberater Mike Hammer bezeichnete die israelischen Restriktionen als unhaltbar. An Bord der unter kambodschanischer Flagge fahrenden "Rachel Corrie" waren neun Besatzungsmitglieder und elf Passagiere, darunter die irische Friedensnobelpreisträgerin Mairead Corrigan und der frühere Leiter des Uno-Programms Öl für Lebensmittel für den Irak, Denis Halliday.
Die israelischen Kriegsschiffe verfolgten das Schiff mehrere Stunden und forderten es per Funk vier Mal auf, den südisraelischen Hafen Aschdod anzulaufen. Die Satellitentelefon-Verbindungen zur "Rachel Corrie" wurden unterbunden. Schließlich enterten israelische Soldaten von Booten aus das Schiff. Sie seien auf keinen Widerstand gestoßen, sagte Militärsprecherin Avital Leibowitsch.
Deutlich vorsichtiger
Das Vorgehen am Samstag war deutlich vorsichtiger als am Montag, als sich Soldaten von Hubschraubern auf ein Schiff der Hilfsflotte abseilten und bei anschließenden Zusammenstößen neun Aktivisten getötet wurden. Free-Gaza-Sprecherin Greta Berlin sagte nach der Beschlagnahme der "Rachel Corrie", dies werde neuerliche Empörung verursachen.
Das Schiff ist nach einer amerikanischen Aktivistin benannt, die 2003 im Gazastreifen ums Leben kam, als israelische Bulldozer palästinensische Häuser einrissen. Die israelische Marine sprach im Funkverkehr das Schiff unter seinem vorigen Namen "Linda" an.
Netanjahu sagte am Samstag, er werde "die Errichtung eines iranischen Hafens im Gazastreifen" nicht erlauben. Israel wirft dem Iran vor, die Hamas im Gazastreifen mit Waffen und Geld zu beliefern. Außenamtssprecher Jigal Palmor erklärte, die Blockade werde solange gelten, wie die Hamas Israel nicht anerkenne und keinen Gewaltverzicht erkläre.
Zement geladen
Die Schiffe für den Gazastreifen am Montag und Samstag hatten Zement geladen, dessen Einfuhr in den Gazastreifen Israel nicht erlaubt. Die Regierung begründet das damit, dass Zement und andere Baumaterialien auch für militärische Zwecke genutzt werden könnten.
Daran übte der US-Sicherheitsberater Hammer harte Kritik: "Die derzeitigen Regelungen sind unhaltbar und müssen geändert werden", sagte er. Die Regierung von US-Präsident Barack Obama hat erklärt, sie wolle mit Israel und der palästinensischen Autonomiebehörde neue Verfahren und Einfuhrbestimmungen ausarbeiten. Ziel müsse die Lieferung von mehr Gütern für die 1,5 Millionen in Armut lebenden Palästinensern im Gazastreifen sein; zugleich müsse aber verhindert werden, dass Waffen in das Gebiet gelangten.
Am Montag hatten israelische Marineeinheiten eine aus sechs Schiffen bestehende Gaza-Hilfsflotte gewaltsam gestoppt. Die Militäraktion, bei der neun Menschen getötet wurden, hatte international einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Türkischen Autopsieberichten zufolge wurden die neun Personen - acht Türken und ein in den USA geborener Türke - mit rund 30 Schüssen getötet.
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Leben in Ruinen: Israel hat den Gaza-Streifen seit Sommer 2005 mit Wirtschaftssanktionen belegt, sie wurden in den vergangenen Jahren schrittweise verschärft. Die Menschen hier versuchen zurechtzukommen - mit der Blockade und der Hamas-Herrschaft.
"Leute, die nicht mit der Hamas dicke sind, sehen gar nichts von den Hilfsgütern, von den Geldgeschenken", sagt Zaed Khadar. Er ist seit dem Gaza-Krieg im Januar 2009 arbeits- und hilflos. Sein Haus wurde zerstört, mit seiner Familie lebt er in einer Notunterkunft.
Die Spenden, die von großen und kleinen Hilfsorganisationen in den Gaza-Streifen gebracht werden, kommen bei seiner Familie nicht an, sagt Zaed Khadar. "Hamas-Anhänger bekommen Fertighäuser, Möbel und bezahlte Jobs. Wir bekommen nichts."
Der Wiederaufbau der zerstörten Häuser stockt, weil es keinen Zement gibt. Damit könnten auch Tunnel und Bunker, also militärische Anlagen gebaut werden, argumentiert Jerusalem. Noch immer leben viele, die ihre Häuser verloren haben, daher in den Zeltstädten.
Auf einem Markt im Gaza-Stadt verkauft ein Mann Fisch. 1,5 Millionen Menschen leben im Gaza-Streifen - die meisten davon in bitterer Armut.
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Der Apotheker Samir Schaich fordert ein Ende der Gaza-Blockade. Hilfslieferungen allein helfen nicht, sagt er: "So werden wir zur Abhängigkeit erzogen."