Kommentar Die Wahl der Verlierer

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Mehr als fünf Wochen mussten die Amerikaner und die Welt warten, bis mit dem Republikaner George W. Bush der Nachfolger von US-Präsident Bill Clinton endlich feststand. Eine scheinbar endlose Wahl hat nun endlich ein Ende gefunden. Aber ein Happy End konnte es nach diesem zermürbenden Streit um Stimmzettel, Lochfehler oder die Zuständigkeiten von Gerichten nicht mehr geben.

Die "Election 2000" wird als Wahl der Verlierer in die Geschichte eingehen: Beide Kandidaten büßten bei ihrem langen Ritt durch die Instanzen viel Souveränität ein, die den Ersten Mann des wichtigsten Staates dieser Welt auszeichnen sollte. Die amerikanischen Richter müssen mit dem Urteil leben, sich genauso zerstritten und damit unfähig präsentiert zu haben wie die Politiker. Parteiinteressen standen im Vordergrund. Republikaner und Demokraten, die sich ohnehin nahezu gleich stark im Kongress gegenüberstehen, werden ihre Animositäten in Senat und Repräsentantenhaus weiter austragen. Und auch die amerikanische Nation besteht aus drei Lagern: den Anhängern von Bush, den Anhängern von Gore - und den vielen Nichtwählern, die sich durch diese Farce in ihrer Politikverdrossenheit bestätigt fühlen dürften.

Bush darf sich zwar ab Januar voraussichtlich US-Präsident nennen. Doch der 43. Amtsinhaber im Weißen Haus kann sich nach diesem Wahl-Fiasko nicht als wirklicher Sieger fühlen. Sein Ansehen ist durch dieses Hickhack um die Stimmen schon vor dem Amtsantritt nicht nur in den USA selber, sondern vor allem im Ausland stark beschädigt. Russlands Putin, Großbritanniens Blair oder Kanzler Schröder dürften Mühe haben, ihn als starken Führer der einzigen Weltmacht anzusehen. Sie müssen jedoch mit ihm leben. Bush - sozusagen ein "lame duck", eine "lahme Ente", von Beginn an.

Der Glaube an das "Hightech Wunderland" USA hat sich nach diesem Debakel um die Stimmenauszählung zumindest relativiert. Als Wladimir Putin zu Beginn des Auszählungsdramas in Florida anbot, sein oberster Wahlleiter Alexander Weschnjakow könne bei der Stimmenauszählung helfen, lachte die Welt noch. Aber wenn die USA bei der nächsten Wahl in Sierra Leone, Nicaragua oder wo auch immer Wahlbeobachter entsenden wollen, könnte einem das Lachen vergehen.



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