Kommentar Do vidjenja Slobo

Endlich ist der Spuk vorbei. Do vidjenja Slobo, auf Wiedersehen Milosevic. Das ist die erfreuliche Nachricht aus Belgrad.

Von Roland Schleicher


Die Veröffentlichung des offiziellen Wahlergebnisses brachte die Wende. Jetzt ist es amtlich, der bisherige Staatspräsident Slobodan Milosevic unterlag im ersten Wahlgang mit 40,2 zu 48,2 Prozent der Stimmen seinem oppositionellen Herausforderer Vojislav Kostunica. Klar, das Ergebnis stimmt nicht, klar, Kostunica hat die Wahl insgesamt gewonnen, denn er liegt weit über 50 Prozent in Führung. Egal.

Von einem diktatorischen Regime kann man nicht erwarten, dass es sich über Nacht selbst entmachtet. Das braucht seine Zeit. Die alte Garde sitzt bequem in den Sessels und will weiter im Warmen bleiben. Es steht für manchen Funktionär viel auf dem Spiel, nicht nur für Milosevic. Die geheime Liste des Uno-Tribunals von mutmaßlichen serbischen Kriegsverbrechern ist lang, öffentlich angeklagt sind Milosevic und einige seiner engsten Vertrauten aus dem Armee- und Verteidigungsrat. Etwa 300 Spitzenfunktionäre haben ein Einreiseverbot in die EU, gegen viele von ihnen ermitteln internationale Staatsanwälte wegen Geldwäsche, Drogen- und Waffenhandel.

Was die oppositionellen Wahlgewinner um Kostunica auf den allabendlichen Polithappenings nicht sagen, aber in Belgrads politischen Kreisen jeder weiß: Hinter den Kulissen wird fieberhaft verhandelt, wie eine einigermaßen stabile Übergangsregierung zu Stande kommen könnte und eine sanfte Ablösung an der obersten Staatspitze. Die Emissäre auf beiden Seiten stehen unter massivem Druck. Das Volk will Veränderungen sofort, der Apparat will warten. Straßenproteste und abendliche Happenings können in gewaltsame Ausschreitungen enden, Provokationen von Teilen der enttäuschten Milosevic-Anhänger in einem Blutbad. Es kann aber auch alles ganz friedlich ablaufen. Milosevic verabschiedet sich wie bei uns Kohl. Die bislang regierende Sozialistische Partei bekommt eine neue Führung und geht eine Koalition mit den Oppositionsparteien ein. Danach werden Neuwahlen ausgeschrieben, diesmal fair und von OSZE und EU überwacht - mit Einbeziehung Montenegros und des Kosovo.

Allerdings klingt dies zu schön um wahr zu werden: Ein Teil der Montenegriner träumt von Unabhängigkeit, misstraut der serbischen Opposition und ihren Vorstellungen von "nationaler Einheit zwischen Serben und Montenegrinern" (Kostunica). Die albanische Mehrheitsbevölkerung des Kosovo will überhaupt nichts mehr von Serbien wissen, auch nicht von einem demokratischen Serbien. Ob Kostunica oder Milosevic, das ist in Augen der Albaner einerlei. Sie kämpfen für ihren eigenen Staat Kosova, basta. Um diesen Knoten von Hass und Misstrauen unter den Balkanvölkern zu lösen, braucht es viel mehr als einen Machtwechsel in Belgrad - und selbst der ist noch nicht vollzogen.



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