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Friedensnobelpreis für die EU Richtige Idee, falscher Preisträger

Niemand kann ernsthaft etwas gegen den Friedensnobelpreis für die Europäische Union einwenden. Genau da liegt das Problem - die Entscheidung ist ziemlich wohlfeil. Mutiger wäre es gewesen, einen Mann auszuzeichnen, der verkörpert, was den EU-Politikern von heute fehlt: Jacques Delors.

Hat die Europäische Union dazu beigetragen, dass in Europa seit über sechs Jahrzehnten Frieden herrscht? Hat sie also den Friedensnobelpreis verdient? Selbstverständlich hat sie! Aber genau in diesem "selbstverständlich" liegt das Problem: Es handelt sich um eine komplett risikolose Preisvergabe. Außer ein paar schrägen Figuren vom rechten oder linken Rand wird sie niemand ernsthaft kritisieren können.

Selbst das politische Signal, das von der Entscheidung des Osloer Nobelpreis-Komitees ausgehen soll, ist ziemlich wohlfeil: Gerade mitten in der Euro-Krise ist es wichtig, an die Idee dieser Union zu erinnern. Es geht in Europa eben nicht nur um Währungsstreit und Schuldenhaftung, sondern um eine Gemeinschaft von Nationen, die jahrhundertelang gegeneinander Krieg geführt, aber endlich gelernt haben: Eigentlich sind wir einander doch ziemlich ähnlich. Vor allem aus diesem Grund, und nicht etwa wegen irgendwelcher Agrarsubventionen oder Exportvorteile, haben sich die Europäer entschlossen, in einer Staatenunion zusammenzuleben. Jetzt müssen wir aufpassen, dass das Gerede über Pleite-Griechen und Knauser-Deutsche nicht zerstört, was über sechs Jahrzehnte aufgebaut wurde.

So lautet zwischen den Zeilen die Botschaft von Oslo - und niemand, der noch ganz bei Trost ist, wird etwas gegen sie einzuwenden haben.

Gleichzeitig gehört zur Wahrheit über die Europäische Union aber, dass in ihrem Inneren gerade ziemlich viel schief läuft. Das liegt an den Regierungschefs der Mitgliedstaaten, allen voran in Deutschland und Frankreich, die längst nicht mehr so bedingungslos wie noch vor 20 Jahren für die europäische Einigung kämpfen. Das liegt aber vor allem an einer EU-Kommission, die sich unter ihrem derzeitigen Präsidenten Manuel Barroso an den Rand des Geschehens drängen ließ. Während sich die Kommission in Glühbirnenverboten und ähnlichem bürokratischen Klein-Klein verzettelt, werden die wichtigen europäischen Fragen inzwischen da entschieden, wo sie nicht hingehören: In den Hinterzimmern der Ministerien von Paris, Berlin oder Athen. Bei den informellen Treffen der Euro-Gruppe. Im Frankfurter Wolkenkratzer der Europäischen Zentralbank.

Wer soll den Preis entgegennehmen?

Es wird wahrscheinlich noch eine interessante Diskussion geben, wer eigentlich am 10. Dezember in Oslo den Preis für die EU entgegennehmen darf: Manuel Barroso, der große Zauderer und Taktierer? Oder Herman Van Rompuy, der weithin unbekannte Präsident des Europäischen Rates? Oder der Regierungschef von Zypern? Seinen Namen (Dimitris Christofias) kennen die wenigsten, aber Zypern hat nun mal zur Zeit turnusgemäß den Vorsitz im Rat der Europäischen Union inne, den man wiederum nicht mit dem Europäischen Rat verwechseln sollte.

Spätestens wenn diese drei Namen gefallen sind, wird sich wahrscheinlich auch noch Martin Schulz in Oslo in die erste Reihe drängeln, der ebenso macht- wie medienbewusste Präsident des EU-Parlaments.

Klar, ausgezeichnet wird die Institution, nicht die Person. Aber allein, dass man niemandem aus der Vierergruppe der derzeitigen EU-Repräsentanten den Preis wirklich gönnen mag, zeigt doch: Hier läuft was schief.

In seinen besten Entscheidungen hat das Komitee für den Friedensnobelpreis immer wieder Personen ausgezeichnet, die ihr Leben dem Kampf für Frieden und Freiheit gewidmet haben - und darüber hinaus für eine große Idee, eine verdiente Institution oder eine mutige Bewegung stehen. Auch in diesem Jahr hätte es die Möglichkeit gegeben, die Europäische Union zu ehren - und zugleich deutlich zu machen, dass die EU von Barroso und Merkel ziemlich weit entfernt ist von dem, was die Europäische Idee ausmacht.

Warum hat eigentlich nicht Jacques Delors den Nobelpreis erhalten? Der französische Sozialist war von 1985 bis 1994 Präsident der EG/EU-Kommission und gilt als entschlossenster lebender Vorkämpfer für die europäische Einigung. Seine Amtszeit gilt heute als beste Phase, die die EU je erlebt hat. Anders als Barroso stand er für Tat- und Entschlusskraft. Er ließ sich von den Regierungschefs nicht an den Rand drängen, sondern zog sie mit sich in Richtung Einigung. Noch heute, im Alter von 87 Jahren, setzt er sich in der sogenannten Spinelli-Group für ein Europa ein, das anders, demokratischer funktioniert: mit weniger Macht für die nationalen Regierungschefs, aber mehr fürs europäische Parlament.

Der Friedensnobelpreis für Jaques Delors wäre eine richtige und mutige Entscheidung gewesen. Der Friedensnobelpreis für die EU war nur richtig.

Jacques Delors (1993): Er steht für ein besseres Europa

Jacques Delors (1993): Er steht für ein besseres Europa

Foto: CHARLES PLATIAU/ Reuters