Kommentar Krieg ist nicht Kino

"Vorauskommando hinkt weiter hinterher" - so oder ähnlich titeln deutsche Blätter das verspätete Eintreffen der deutschen Einsatztruppe in Afghanistan. Doch die eigentlichen Schwierigkeiten fangen erst in Kabul an.

Von Claus Christian Malzahn


Seit einer Woche kämpft die Truppe mit den Widrigkeiten des afghanischen Wetters. Ein stotternder Anflug und Schwierigkeiten mit dem Nachschub reichen offenbar schon, um die deutsche Schutztruppe an der Heimatfront so aussehen zu lassen wie Deppen auf Dienstfahrt. Doch der Spott über die "Schönwettersoldaten" lässt nicht an der Bundeswehr zweifeln, sondern an ihren Kritikern. Krieg ist nicht Kino.

Was die Landebahn in Trapson vereiste, war kein Kunstschnee. Und beim Anflug auf den Kabul-nahen Flughafen Bagram drehte am Sonntag auch eine Uno-Maschine ab, deren Piloten die Strecke von Islamabad nach Kabul inzwischen im Schlaf kennen müssten. Wer glaubt, man könne eine Herkules oder Antonow per Sichtflug erst über ein paar 5000er Berge und dann in einen nebligen Talkessel fliegen, sollte mal versuchen, ohne Licht in einer mondlosen Nacht sein Auto über zwei Drahtseile zu fahren.

Auch der von manchen Medien mit Dramatik vorgetragene Hinweis, die Lebensmittel der Truppe reichten nur noch für zwei Wochen, sind wohl eher Treppenwitze aus der Etappe als ernst gemeinte Warnungen. Die Soldaten werden in Kabul nicht verhungern. Die Gefahren liegen woanders - meist schon am Straßenrand.

Afghanistan ist eines der vermintesten Länder der Welt. Von Frieden im Land kann noch keine Rede sein, die Regierung sitzt noch lange nicht fest im Sattel. Das tatsächliche Problem, das auf die Deutschen in Kabul zukommen wird, ist nicht die 48-stündige Verspätung eines Nachschubtransporters.

Die größte Herausforderung wird sein, den riesigen Erwartungen der Afghanen gerecht zu werden, die von Deutschland nach der Konferenz auf dem Petersberg viel mehr erwarten und erhoffen als von den Amerikanern und Briten. Die haben mit ihren Bomben zwar die Taliban vertrieben - doch wenn es um den Aufbau des Landes geht, setzt man in Kabul vor allem auf Deutschland.



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