Kommentar Nichts als Drohgebärden

Von Dominik Baur


Eiszeit im Nahen Osten: Die Arabische Liga droht Israel mit dem Abbruch aller Beziehungen; Israels Premier Ehud Barak verkündet im Gegenzug eine "Auszeit" für den Friedensprozess; und Fatah-Anführer Marwan Barguti betont erneut, die Palästinenser würden Intifada Nummer zwei "bis zur Beendigung der israelischen Besatzung" fortsetzen.

Sind die "Friedenspartner" im Nahen Osten in ihre letzte Sackgasse eingebogen? Nein. Es sind die Drohgebärden der üblichen Verdächtigen, die das Bemühen um den Frieden seit jeher begleiten. Von den Führern der arabischen Welt dürfte keiner zu wirklich drastischen Maßnahmen bereit sein - in den eigenen Reihen nicht ganz ernst genommene Abenteurer wie Saddam Hussein und Muammar al-Gaddafi einmal ausgenommen. Denn militärisch - das haben alle bisherigen Kriege im Nahen Osten gezeigt - käme selbst die geballte arabische Welt gegen Israel nicht an. Außerdem wollen es Staatsmänner wie Ägyptens Präsident Husni Mubarak keinesfalls auf eine Auseinandersetzung mit den Vereinigten Staaten ankommen lassen.

Auch Baraks Drohungen müssen im innenpolitischen Kontext gesehen werden: Der Premier, der derzeit fast ohne Freunde in der israelischen Politik dasteht, meint, sich nur durch ein hartes Auftreten beim Volk gut Freund machen zu können. Doch für den Friedensprozess dürfte sich ein Barak der harten Töne noch immer segensreicher erweisen als Benjamin Netanjahu. Der Likud-Mann, vor einem Jahr von Barak aus dem Amt gejagt und fast schon von der politischen Bühne verschwunden, erfreut sich mittlerweile wieder bester Umfragewerte und hätte bei den immer wahrscheinlicher werdenden Neuwahlen gute Chancen. Während sich Barak und Likud-Führer Ariel Scharon streiten, gibt Netanjahu den Staatsmann - und wartet auf seine Stunde.

Trotzdem: Die Ereignisse der letzten drei Wochen haben den Friedensprozess um Monate, wenn nicht Jahre zurückgeworfen, keine der beiden Seiten wird ihn jedoch abbrechen. Auch wenn in der jetzigen Situation verstärkt wieder Gedankenspiele wie eine einseitige Abtrennung der Palästinensergebiete durch Israel Gehör finden, werden die Verhandlungen weitergehen. In einigen Wochen, schlimmstenfalls in ein paar Monaten werden Israelis und Palästinenser wieder an einem Tisch sitzen. Aus einem einfachen Grund: Es gibt keine Alternative.



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