Kommentar Sterben für Palästina

Kaum glaubte US-Präsident George Bush "Fortschritte" im Nahost-Konflikt auszumachen, sorgt ein palästinensischer Selbstmordattentäter für ein weiteres Blutbad. Warum bloß können die verfeindeten Lager nicht zu einem Waffenstillstand bewegt werden?

Von , Jerusalem


Glaubt man den Bildern, dann hat der US-Sonderbeauftragte Anthony Zinni schon seit Tagen aufgeben. Selten sind Polit-Fotos so enthüllend wie die Aufnahme, die den pensionierten Marine-General nach einer Sitzung mit Jassir Arafat in Ramallah vergangene Woche zeigt.

Der Palästinenserchef hängt in seinem Sessel wie ein störrischer Teenager, der sich nach einer Standpauke maulend in die Ecke verzogen hat. Und Zinni hat den leeren Blick eines Mannes, der weiß, dass er nichts mehr zu erwarten hat. Die Tiefe ihrer Frustration läßt sich daran ablesen, dass beide noch nicht einmal vor den Kameras versuchen, ihre Gefühle zu verbergen.

Noch ist der einstige Elite-Kämpfer Zinni, immerhin vom US-Präsidenten persönlich entsandt, nicht wieder abgereist. Washington kann sich ein so schnelles Scheitern nicht leisten. Doch selbst ein Kompromissvorschlag, der die tiefen Differenzen überbrücken sollte, rief bisher nur neuen Streit hervor.

Und kaum sprach US-Präsident George W. Bush trotzdem beschönigend von "Fortschritten", sorgte ein palästinensischer Selbstmordattentäter am Abend ausgerechnet zum Beginn des jüdischen Pessach-Festes in einer Hotellobby wieder für Tod, Verwüstung und Verzweiflung.

Was ist so schwer daran, Israelis und Palästinenser wenigstens zu einem Waffenstillstand zu bringen? Beide Seiten seien bereit, erklärte der Uno-Sonderbotschafter Terje Larsen noch vor kurzem, beide wollten aus dem Abgrund heraus. Doch keiner will für den Ausstieg bezahlen. Die erbitterten Rivalen um einen schmalen Streifen Heimat, so scheint es, haben ihre Leidensgrenze noch immer nicht erreicht.

Schon drei Tage nach Zinnis Ankunft erschütterten gleich zwei palästinensische Terroranschläge den mühsam anlaufenden Dialog. Zumindest sichtbar unternahm Arafat bisher nicht die geringste Anstrengung, die Gewalt zu stoppen. Selbst ein in Aussicht gestelltes Treffen mit US-Vizepräsident Dick Cheney schien ihm nicht der Mühe wert.

Die Palästinenser haben im Drachenblut kriegerischer Erfolge gebadet. Das verlockt sie zum Weiterkämpfen. Israel mag eine der schlagkräftigsten Armeen der Welt besitzen, die Palästinenser haben ihre Selbstmordattentäter. Die stoppt keiner. Selbst Arafats gemäßigter Fatah-Flügel brüstet sich inzwischen mit eigenen Kamikaze-Schützen. Ehre bringen dem Volk nicht diejenigen, die einen künftigen Staat befördern, sondern jene, die sterben für Palästina - und töten.

Vor ihrem Land noch wollen die Palästinenser ihre Würde zurückhaben. Und das glauben sie zu erreichen, indem sie nach mehr als 30 Jahren Unterwerfung nun ihrerseits den Israelis Schmerzen zufügen.

Arafat war so auch nicht besonders frustriert, als ihm Scharon die Reise zum Araber-Gipfel in Beirut verweigerte. Der PLO-Chef konnte sich so wieder in seiner Lieblingsrolle als Märtyrer präsentieren. Der einstige Guerilla-Anführer hält sich, vermessen genug, für eine Art palästinensischen Nelson Mandela. Doch anders als der südafrikanische Freiheitskämpfer ist er nicht in der Lage, sich vom Gedanken der Rache und Vergeltung für erlittenes Leid zu lösen und nach vorne zu schauen.

Zur Tragik des Nahost-Konflikt gehört es, dass Arafat in Scharon seinen Zwilling gefunden hat. Auch Scharon ist vor allem darauf aus, alte Rechnungen zu begleichen. Vom baldigen Scheitern der Zinni-Mission überzeugt, bereitet der israelische Premier nach seiner Politik der Kollektivstrafe bereits die nächsten, immer massiveren Militärschläge gegen palästinensische Städte vor, obwohl selbst israelische Sicherheitsexperten wissen, dass dies nur die Saat für neuen Terror bereitet.

Warum sollen wir die Okkupation beenden, wenn sie nicht aufhören zu kämpfen, fragen die Israelis. Warum sollen wir aufhören zu kämpfen, wenn uns Israel keine politische Perspektive, keine Zukunft lässt, sagen die Palästinenser.

Die Israelis haben 2000 Jahre auf ihren Staat gewartet. Die Palästinenser scheinen entschlossen, sich mit Israel auch darin zu messen.



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