Nächster britischer Premier Johnson Ab morgen wird er Versprechen brechen

Der nächste Premierminister Großbritanniens wird Boris Johnson heißen. Er muss nun schnell zeigen, dass er nicht nur verführen, sondern auch führen kann. Die Frage lautet: Schafft er den Brexit, oder schafft der Brexit ihn?

Stefan Rousseau/PA Wire/dpa

Ein Kommentar von , London


Da steht er also nun vor dieser großen schwarzen Tür, die schon so viele seiner Vorgänger einzuschüchtern vermochte. 92.153 konservative Parteimitglieder - weniger als 0,2 Prozent der britischen Bevölkerung - haben ihn dorthin gewählt. Und wenn Boris Johnson am Mittwochnachmittag dann den offiziellen Segen der Queen erhält, wird er endlich auch der offizielle Mieter von 10 Downing Street sein. Jahrzehntelang hat er davon geträumt.

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Heft 30/2019
Wie Boris Johnson seine Landsleute gegen Europa aufstachelt

Wenn er dann aber eingetreten sein wird in sein neues Leben als Premierminister, wird er sich irgendwann auch wieder vor die Tür stellen müssen, um seinen Landsleuten zu erklären, was genau er eigentlich vorhat. Nach Lage der Dinge wird Johnson das am Mittwochnachmittag tun - es wird der Moment sein, in dem er anfangen wird, seine Versprechen zu brechen.

In den vergangenen Wochen, in denen er nur einer von zwei Kandidaten für die Nachfolge von Theresa May war, hat es Johnson, wie es seine Art ist, trefflich verstanden, viel zu reden, ohne etwas zu sagen. Er hat fast allen fast alles Mögliche in Aussicht gestellt, hat Milliardengeschenke und Steuersenkungen versprochen und mit diesem Allen-wohl-und-niemand-wehe-Ansatz sogar zutiefst untereinander verfeindete Tory-Abgeordnete in sein Boot geholt. Dort saßen sie allerdings nur, weil die Boris-Barke der einzige schwimmende Untersatz weit und breit war, der Schutz vor dem Untergang bot. Und weil der Kapitän sie bis jetzt über seinen Kurs im Unklaren ließ.

Damit hat Johnson das höchste britische Regierungsamt gewonnen. Um es zu behalten, wird er nun endlich Entscheidungen treffen müssen. Und dabei ist es zweitrangig, ob er sich für bessere Schulen oder genügend Wohnraum stark machen wird - wie seine Vorgängerin wird Johnson einzig und allein daran gemessen werden, ob er den Brexit schafft. Oder dieser ihn.

Johnson hat sich festgelegt: Er will um jeden Preis am 31. Oktober raus aus der Europäischen Union; er will Theresa Mays mit Brüssel verhandeltes Abkommen neu aufschnüren und Teile streichen, die von den restlichen 27 EU-Staaten für unverhandelbar erklärt wurden. Er sagt aber auch: Die Chancen für einen vertragslosen Bruch, den sogenannten No Deal, stünden "eins zu eine Million". Alles zusammen kann nicht stimmen und in der Kürze der Zeit nicht funktionieren.

Das weiß auch Johnson.

Die Frage ist: Wen traut er sich zu vergrätzen? Die Brexit-Ultras, die schon May gnadenlos vorführten, als diese aufgehört hatte, nach ihrer Pfeife zu tanzen? Oder die eher EU-freundlichen Tories, die die vergangenen Wochen gut genutzt haben, um sich zu einer schlagkräftigen No-No-Deal-Brigade zusammenzuschließen? Johnson braucht sie alle, um in seinem neuen Amt bestehen zu können. Die Minderheitsregierung, der auch er vorstehen wird, verfügt nur noch über eine hauchdünne Mehrheit. Liefen auch nur drei Tories zu den EU-Hassern der Brexit-Partei oder den EU-Euphorikern der Liberaldemokraten über, wäre sie dahin.

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Deshalb werden Johnsons nächste Schritte so entscheidend sein. Beruft er wirklich, wie er es angekündigt hat, ein Kabinett ein, in dem nur die wahren Angehörigen des No-Deal-Glaubens einen Platz haben? Oder bindet er auch seinen Rivalen Jeremy Hunt ein? Fährt er bald nach Brüssel? Oder gar nicht? Riskiert er Neuwahlen, um das parlamentarische Patt zu durchbrechen? Oder gar ein zweites Brexit-Referendum? Er hat das ausgeschlossen, aber hat das etwas zu bedeuten? Und weiß Boris Johnson überhaupt selbst, was er will, außer möglichst lange ganz oben zu bleiben?

Sein Charisma hat ihn zuletzt weit getragen. Jetzt wird er zeigen müssen, ob er nicht nur verführen, sondern auch führen kann.

Diesen Mittwoch beginnen Boris Johnsons erste 100 Tage als Regierungschef. Wenn es dumm läuft, könnten es auch seine letzten sein.

insgesamt 194 Beiträge
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Seite 1
madameping 23.07.2019
1. Ich erinnere an die Tage nach dem Brexit-Votum
Ich erinnere an die Tage nach dem Brexit-Votum im Juni 2016; genau genommen einen Tag danach: da war dieser Mensch mit einem Mal auf und davon. Hat sich aus dem Staub gemacht. Hat vorher etwas in Gang gesetzt, wovor er sich dann feige gedrückt hat, dieser charakterlose Hasenfuß. Und dieser Heini ist jetzt Premierminister. Armes England...
claus7447 23.07.2019
2. Nun - er wird ihn schaffen ....
... was niemand weiß in welcher Konstellation. Schreckt er in letzter Sekunde zurück und will doch einen Vertrag oder nicht.... aber er wird nicht als "langjähriger MP" in die Geschichte UK's eingehen - das wage ich zu prognostizieren. Aber wenigstens müssen die Briten nicht abends in einen Komödien-Film: in den nachrichten wird es sicherlich laufend Punch & Puddy-Show geben.
cat69 23.07.2019
3. Was für ein hässlicher Artikel
So eine deutsche Grosskotzigkeit, da wünsche ich BJ wirklich viel Erfolg !
Peter A. M. K. Lublewski 23.07.2019
4. Und auf vorgezogenen Bahnen
zog die Menge durch die Flur, den entrollten Lügenfahnen folgten alle - Schafsnatur. - J. W. von Goethe In diesem Fall sind die Briten die Schafe und ich weiß nicht, wie es kommt, dass die Herrschaften von der Insel einem solchen Gebilde aus heißer Luft folgen.
vonschnitzler 23.07.2019
5. neuer Kopf
alte Zwickmühle. Er hat quasi keine Option.
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