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02. Juni 2015, 05:13 Uhr

G7-Gipfel ohne Putin

Ein mächtiger Fehler

Ein Kommentar von

Im oberbayerischen Schloss Elmau tagen am Wochenende die Anführer der mächtigsten Wirtschaftsnationen der Welt. Wladimir Putin darf nicht dabei sein - obwohl er der wichtigste Gast gewesen wäre.

Wie kann man nur. Im Osten der Ukraine wird weiter gekämpft und gestorben, und da wagt es jemand, Verständnis für Wladimir Putin zu äußern?

Gerade wurde bekannt, dass 89 Politiker aus der Europäischen Union nicht mehr nach Russland einreisen dürfen, eine offensichtliche Retourkutsche für die europäischen Einreiseverbote und Wirtschaftssanktionen gegen Russland, und da soll man dem russischen Alleinherrscher etwa einen roten Teppich ausrollen?

Rauchender Schlot und säuselnder Sozi

Es fällt leicht, all jene verächtlich zu machen, die jetzt kritisieren, dass der russische Präsident Wladimir Putin nicht zum Gipfel der Mächtigen nach Deutschland geladen worden ist.

Helmut Schmidt? Ein rauchender Schlot aus der Vergangenheit, stecken geblieben im alten Denken, besser sollte er sich aus der Öffentlichkeit heraushalten, seine Zeit ist abgelaufen.

Der Ostausschuss der Deutschen Wirtschaft und ihr Vorsitzender Eckhard Cordes? Eine Bande von Geschäftemachern, die nur ihren Profit im Sinn haben, denen das Völkerrecht egal ist und das Schicksal der Menschen in der Ukraine gleich mit.

Matthias Platzeck, der Vorsitzende des Deutsch-Russischen Forums? Noch so ein säuselnder, Putin-verstehender Sozi, der nicht begriffen hat, dass der Russe nur mit Härte zu beeindrucken ist.

Und Thomas Schwarzenberger von der CSU, der gesagt hat, er hätte Putin gern in seiner Gemeinde begrüßt? Ja mei, ein Provinzbürgermeister halt. Der soll froh sein über die neuen Handymasten und frisch betonierten Straßen, die ihm der Gipfel beschert, und ansonsten möglichst schweigend für einen reibungslosen Ablauf sorgen.

Putin kann sich weiter einigeln

Das kann man alles sagen - und doch bleibt es dabei: Putin hätte eingeladen werden müssen. Man muss sich, um diesen Standpunkt zu begründen, nicht wie Helmut Schmidt ein historisches Verständnis für Russlands aggressive Hegemonialpolitik abringen. Es ist auch nicht nötig, sich dafür auf unter den Sanktionen leidende deutsche Unternehmen zu berufen. Man muss nicht einmal darauf verweisen, dass ohne Russland kaum ein Problem auf diesem Globus zu lösen ist, ob nun der Klimawandel, der Terrorismus, die Verbreitung von Atomwaffen oder die Konflikte in Syrien, Irak oder dem Nahen Osten.

Es reicht, festzustellen, dass der Ukraine nicht geholfen ist, wenn der russische Präsident sich weiter einigeln kann. Putin wurde wegen des Krieges in der Ostukraine nicht eingeladen - als Strafe dafür, dass er die Separatisten mit Waffen und wohl auch Soldaten unterstützt. Er destabilisiert die Ukraine, weil er Russlands Interessen vom Heranrücken der Nato bedroht sieht. Er sieht darin einen Beleg dafür, dass Russland vom Westen nicht für voll genommen wird, dass dieser riesigen Nation nicht der ihr gebührende Respekt entgegengebracht wird. Nach seiner Logik hat man seinem Land nie eine echte Partnerschaft geboten, darum lässt er alle Rücksicht fahren.

Wird ihn die Nichteinladung nun zur Einsicht bringen? Selbstverständlich nicht. Während im schönen Elmau die G7-Staatschefs ganz unter sich und einig in ihrer Ablehnung Russlands dinieren, kann Putin in Moskau nach Westen blicken und sich bestätigt fühlen: Sie wollen uns nicht. Darum wollen wir auch nicht. Sein Ausschluss, als Russlands Ausschluss aus der Weltgemeinschaft erzählt, wird daheim den Rückhalt für Putins Politik stärken. Mehr noch: Er macht es ihm innenpolitisch praktisch unmöglich, Zugeständnisse zu machen, selbst wenn er das denn wollte.

Der Krieg ist nicht mit Schweigen zu beenden. Wer, wenn nicht die sieben mächtigsten Menschen dieses Planeten, hätte die Möglichkeit, Wladimir Putin vereint zur Vernunft zu bringen? Sie hätten die Chance gehabt, von Angesicht zu Angesicht. Sie haben sie vertan.

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