Nordkorea Nur Obama kann Kim stoppen

Kim und seine Militärs halten die Welt mit ihren Drohungen in Atem. Von China ist keine ernsthafte Einflussnahme auf den Nachbarn zu erwarten. Für eine Lösung beim Konflikt mit dem Regime in Pjöngjang kommt nur Washington in Frage: Die USA müssen endlich umdenken.

Kim Jong Un nach einer Truppeninspektion an der Küste: Kalkül hinter den Drohgebärden
AFP/ KCNA

Kim Jong Un nach einer Truppeninspektion an der Küste: Kalkül hinter den Drohgebärden

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Soldaten rennen ins eiskalte Wasser, um ihrem geliebten Führer nahe zu sein. Der steht am Bug eines kleinen Bootes und winkt sie zurück ans Land.

Die Szene aus dem jüngsten Drehbuch des Kalten Krieges in Ostasien war sorgfältig inszeniert. Ihre Botschaft: Der junge Herrscher Kim Jong Un ist im Volk ebenso beliebt wie sein Vater Kim Jong Il. Und das Militär ist zu allem bereit - auch wenn ihm das Wasser bis zum Halse steht.

Kim und seine Militärs erschrecken derzeit wieder einmal mit Drohungen und Säbelgerassel die Welt. Am Freitag empfahl das Regime einigen Ländern, über einen Abzug seines Botschaftspersonals nachzudenken. Die internationale Gemeinschaft reagiert widersprüchlich: US-Präsident Barack Obama beordert Raketenabwehrsysteme, Stealth-Bomber und Kreuzer in die Region. Alle hoffen, dass die Kriegsspiele nicht aus Versehen in ein blutiges Schlachten münden, das Asien um Jahrzehnte zurückwerfen könnte. Die Aktienkurse hingegen bewegen sich kaum, und auf den Straßen von Seoul, nur ein paar Kilometer vom Norden entfernt, flanieren gelassene Bewohner.

So irrational die nordkoreanischen Militärs und ihr neuer Führer mit dem seltsamen Haarschnitt auch erscheinen, hinter all den Drohgebärden steckt Kalkül. Sie richten sich sowohl nach innen als auch nach außen: Kim muss seinen Genossen beweisen, dass er Großpapa und Staatsgründer Kim Il Sung und seinem Ende 2011 verstorbenen Papa in nichts nachsteht. In den vergangenen Monaten haben er und seine mächtigen Familienangehörigen mehrere hohe Offiziere abgesetzt, womöglich gar umbringen lassen. Nun muss Kim Jong Un zeigen, dass er selbst ein scharf kalkulierender Feldherr ist.

Gleichzeitig möchte er die Aufmerksamkeit der Amerikaner erringen, mit denen sich Nordkorea seit Anfang der fünfziger Jahre formal im Krieg befindet. Nicht mehr als Paria der internationalen Gemeinschaft, sondern als ebenbürtiger Kriegsgegner will Kim erscheinen - und auch so von Obama behandelt werden.

Als Kim kürzlich den US-Basketball-Star Dennis Rodman in Pjöngjang empfing, hieß das ganz deutlich: "Wir wollen mit euch reden."

Wie ist diesen Kims mit ihrem quasi-religiösen Führerkult beizukommen? Die Amerikaner argumentieren seit vielen Jahren formal: Zunächst müsse die nordkoreanische Regierung alle internationalen Verpflichtungen und Verträge erfüllen und sich benehmen, wie es sich geziemt. Dann könne man ja wieder miteinander reden.

Wie schon bei Vorgänger George W. Bush steht auch bei Obama ein Ziel hinter dieser Strategie: "regime change". Irgendwann, so hofft er wohl, werden die ausgehungerten Nordkoreaner das Kriegsgeschrei satt haben und die Kims mitsamt ihren Tellermützen-Marschällen vertreiben. Problem erledigt.

Doch so weit ist es nicht. Noch schaut die Welt gebannt auf Nordkorea und weiß nicht, was sie tun soll. Immer wieder haben die Kims Verträge gebrochen, Politiker an der Nase herumgeführt, Versprechungen vergessen. Politiker fordern händeringend von den Chinesen, ihrem engsten Verbündeten, endlich in den Arm zu fallen.

"Der Schlüssel zum Erfolg ... liegt in Peking. Das heißt, es ist wichtig, dass die Chinesen jetzt dringend auf die nordkoreanische Führung einreden, vor allem die Rhetorik runterzuschrauben und die Aktionen, die derzeit durchgeführt werden, runterzuschrauben." Das erklärte am Freitag zum Beispiel der Bundestagsabgeordnete Bijan Djir-Sarai in einem Radio-Interview. Der FDP-Mann ist gerade von einem Besuch in Nordkorea zurückgekehrt.

Von Peking ist wenig zu erwarten

Djir-Sarai und all die anderen, die in Peking den Wunderheiler sehen, hoffen jedoch vergeblich. Denn von Peking ist wenig zu erwarten. Dies hat viele Gründe: Chinas Einfluss auf die Nordkoreaner wird überschätzt, Pjöngjang macht seine Außenpolitik allein.

Zudem kann die neue chinesische Führung unter Staats- und Parteichef Xi Jinping Nordkorea nicht fallen lassen. Sollte das Land zusammenbrechen, weil Peking nicht mehr Nahrungsmittel und Öl liefert, droht eine Krise, die auch Chinas Wirtschaftsboom gefährden könnte. Bricht gar ein Bürgerkrieg aus, könnten Millionen Flüchtlinge über die Grenze drängen. Und wer sichert bei einer Implosion Nordkoreas die Atomwaffen?

Nicht zu vergessen ist die Rolle des chinesischen Militärs in der Außenpolitik: Die Volksbefreiungsarmee hat im Korea-Krieg Anfang der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts im Auftrag der Partei Hunderttausende von Soldaten für die kommunistischen Brüder und Schwestern geopfert. So eine Solidarität währt nach Ansicht der KP-Militärs ewig, die Kampfgefährten von damals lässt man heute nicht im Stich - so seltsam sie sich auch verhalten mögen.

Wenn also nicht Peking die Spannungen in Fernost lösen kann, wer dann? Die Antwort lautet: die USA. Die amerikanische Regierung muss umdenken, will sie den Krisenherd in Fernost beseitigen. Zunächst sollte sie als Zeichen des guten Willens das derzeitige Manöver mit den südkoreanischen Streitkräften abkürzen.

Die USA sollten ohne Vorbedingungen mit den Nordkoreanern reden

Das Training hat sein Ziel erfüllt: Amerika hat erneut bewiesen, dass es unerschrocken und schlagkräftig ist und die Südkoreaner im Falle eines Krieges unterstützt.

Ein zweiter Schritt wäre, sich mit Peking, Moskau, Seoul und Tokio über eine gemeinsame Marschroute zu verständigen - und dann ohne Vorbedingungen mit den Nordkoreanern zu reden. Dabei sollten alle das bisherige Ziel aufgeben, Pjöngjang zwingen zu wollen, die Atombomben zu verschrotten.

Denn das werden Kim und seine Marschälle niemals tun. Denn sie denken so: Atomwaffen bewahren uns davor, angegriffen zu werden. Hätten der Iraker Saddam Hussein und der Libyer Muammar al-Gaddafi welche gehabt, wären sie heute noch am Leben.

Vielmehr sollten die Amerikaner versuchen, die Nordkoreaner davon abzubringen, Materialien und Kenntnisse für den Bau von Atombomben an Iran oder andere Regimes zu verkaufen. Als Gegenleistung könnten ein Friedensvertrag mit den USA und Nahrungsmittelhilfen dienen.

Geht es den Nordkoreanern besser und ist das Feindbild der USA erst einmal verschwunden, kommt der "regime change" womöglich schneller als man denkt.

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Seite 1
Nekromant 05.04.2013
1. ....
Zitat von sysopAFP/ KCNAKim und seine Militärs halten die Welt mit ihren Drohungen in Atem. Von China ist keine ernsthafte Einflussnahme auf den Nachbarn zu erwarten. Für eine Lösung beim Konflikt mit dem Regime in Pjöngjang kommt nur Washington in Frage: die USA müssen endlich umdenken. http://www.spiegel.de/politik/ausland/kommentar-zu-krise-in-korea-nur-obama-kann-kim-stoppen-a-892755.html
Wie umdenken? Die USA haben sich schonmal die Finger dort verbrandt, warum sollten sie es nochmal tun. Seien wir doch froh, dass sie aus der Geschichte gelernt haben und vorsichtig geworden sind.
richardheinen 05.04.2013
2. Scharf kalkuliert
hat Kim sicherlich. Ihm kann man vieles nachsagen, aber nicht Dummheit. Aber ihm dafür den Hintern vergolden,"ohne Vorbedingungen verhandeln", über seine A-Bombe, die er nie aufgeben wird? Was sollen denn Verhandlungen (mit oder ohne vorheriges Einvernehmen mit Peking, Moskau, Tokyo und meinethalben Oberammergau), deren Ziel von vornherein nicht erreicht werden kann?
JürgenKo 05.04.2013
3. So einen naiven...
Kommentar habe ich selten gelesen. Es wird so lange geredet, bis die Nordkoreaner die Atombombe haben. Und dann wird im Land weiter gemordet, gefoltert und unterdrückt.
Zorpheus 05.04.2013
4.
Stimmt schon, auf Dauer müsste man das wohl machen. Aber andererseits wird Nordkorea weiter alle Verträge verletzen, wenn es ungestraft mit den Atomwaffen davonkommt. Und andere Länder werden es genauso tun. Der Preis dafür muss hoch sein.
mai78 05.04.2013
5. USA sollte Frieden mit Korea schließen
60 Jahre Kriegszustand zwischen USA & N-Korea sollten für's erste reichen. Dann könnte auch gleich mal ein Friedensvertrag mit Deutschland her.
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