Großmachtpolitik in Syrien Der Tausend-Fronten-Krieg

Der US-Militärschlag gegen Syrien ist endgültig abgesagt. Wer hat bei diesem Kräftemessen der Großmächte nun gewonnen oder verloren? Das Bomben und Morden geht vorerst weiter.
Syrische Rebellen in Aleppo: Als Staat existiert Syrien nicht mehr

Syrische Rebellen in Aleppo: Als Staat existiert Syrien nicht mehr

Foto: STRINGER/ REUTERS

Dem syrischen Präsidenten Baschar al-Assad wird durch die Uno-Resolution über die Abgabe der Chemiewaffen immerhin eine Fristverlängerung gewährt, er ist ein Gewinner auf Abruf. Das Bomben und Morden in seinem Land geht jedenfalls erst einmal weiter.

Russen und Amerikaner verhandelten bei ihrem diplomatischen Krieg eben nicht über Frieden für Syrien, sie verteidigten in erster Linie eigene Interessen. Moskau kämpft für sein Weltbild, um Staaten-Souveränität. Die Botschaft ist, niemand soll sich einmischen in innere Angelegenheiten, schon deshalb stellt sich Russland demonstrativ vor andere autokratische Machthaber.

Russland hat noch eine Rechnung offen mit der Weltgemeinschaft. Moskaus Außenminister Sergej Lawrow weiß sehr genau, dass das syrische Militär bei Damaskus Giftgas eingesetzt hat - zu drückend sind die Indizien. Seine beeindruckende Diplomatie ist deshalb eher als Retourkutsche zu verstehen: eine Revanche für den Uno-Einsatz in Libyen.

Damals, 2011, sahen sich die Russen über den Tisch gezogen, als Moskau mit seiner Stimmenthaltung den Militär-Einsatz gegen Muammar al-Gaddafi erst ermöglichte. Es ging dort eben nicht, wie behauptet, zuvorderst um den Schutz von Flüchtlingen, sondern um den Regime-Wechsel. Dafür hätte Moskau seine Stimme nie gegeben, das sollte den Russen in Syrien nicht noch einmal passieren.

Gelegenheit für Moskau, noch einmal Weltmacht zu spielen

Libyen ist nicht die einzige Wunde. Auch den Einmarsch der US-Amerikaner in Kabul 2001 betrachten die Russen als Verrat an ihrer Vereinbarung mit dem Westen nach der deutschen Wiedervereinigung. Wenn den Sowjets schon Osteuropa entglitten war, sollte der Westen wenigstens die Finger von ihrem strategischen Hinterhof Zentralasien lassen mit seinen gewaltigen Energievorkommen und Bodenschätzen.

Die ehemalige Weltmacht mochte sich an ihre Marginalisierung nach Glasnost und Mauerfall nie gewöhnen. Syrien ist die Gelegenheit für Moskau, noch einmal Weltmacht zu spielen.

Auch den USA geht es in Syrien nicht zu allererst um humanitäre Hilfe oder darum, die Zerstörung einer Kulturnation mit 23 Millionen Einwohnern zu stoppen. Ein militärisches Eingreifen wäre durch die Kriegsverbrechen des Assad-Regimes längst gerechtfertigt. Durch zahllose Untaten der sogenannten Rebellen übrigens auch.

Ein US-Militärschlag hätte den Bürgerkrieg aber auch nicht beendet, nur die Verantwortlichen des Giftgas-Einsatzes bestraft, in erster Linie um die Alliierten in der Nachbarschaft zu schützen: Israel und auch Europa. Chemiewaffen können - ob von Syriens Schergen oder islamischen Extremisten verschossen - auf einen Schlag Zehntausende Menschen töten, auch auf weite Strecken.

Wer aber rettet nun Syrien? Die Vereinigten Staaten von Amerika oder Russland wohl kaum. Keiner der beiden wird signifikant in den Wiederaufbau investieren, wenn der syrische Alptraum irgendwann vorbei ist. Der Irak war für den Westen für lange Zeit der letzte Versuch, sich mit Staatsaufbau-Hilfe im Nahen Osten zu engagieren.

Als Staat existiert Syrien schon jetzt nicht mehr. Kämpfende Milizen, aufgerüstet von Iran, Saudi-Arabien und anderen Golfstaaten, kämpfen dort nun um die Vorherrschaft in der Region. Als einzige Gewinner dieses Zerfallsprozesses dürften die Kurden gelten, die sich - außer gegenüber Extremisten von al-Qaida - weitgehend neutral und damit klug verhalten.

Große Hoffnung Iran

Ausgerechnet im säkularen Syrien wird jetzt also ein grausamer Religionskrieg ausgefochten: Sunniten gegen Schiiten, die mit den Alawiten verbündet sind. Aber auch untereinander ringen die Gruppen um die Führerschaft: Sunnitische Islamisten, die - unterstützt vom Emirat Katar und der Türkei - eine wie auch immer geartete Republik anstreben, rivalisieren mit Salafisten, die wiederum von Saudi-Arabien gefördert werden. Und dann sind da noch die Dschihadisten, die al-Qaida nahestehen und auch dem Westen feindlich gesonnen sind.

Ein Tausend-Fronten-Krieg also, in dem keine Partner für eine Lösung zu finden sind. Am Ende wird Syriens Schicksal von seinen Nachbarn bestimmt werden: Ironischerweise könnte die größte Hoffnung Iran heißen.

Das Land will sich unter seinem neuen Präsidenten Hassan Rohani dem Westen vorsichtig öffnen und strebt angeblich nach einer friedlichen Lösung im Nuklear-Streit. Zu Irans neuem Pragmatismus gehört, dass Teheran den Verbündeten Baschar al-Assad unter dem Beweisdruck des Giftgasangriffs bald fallen lassen dürfte, um seinen Einfluss in der Region und auf die künftige Führung in Damaskus nicht zu gefährden.

Der Bürgerkrieg wäre dann nicht zu Ende und auch die sunnitischen Golfstaaten nicht beruhigt. Aber es gäbe wieder Gestaltungsraum. Und noch eine Chance für Syrien.

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