Nukleargipfel Die gescheiterte Vision von einer atomwaffenfreien Welt

Barack Obama lädt die Welt zum Atomsicherheits-Gipfel. Doch mit seiner Vision, Nuklearwaffen abzuschaffen, ist der US-Präsident weitgehend gescheitert. Stattdessen droht ein neuer Rüstungswettlauf.

US-Präsident Barack Obama
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US-Präsident Barack Obama

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Amerika sei entschlossen, "den Frieden und die Sicherheit einer Welt ohne Atomwaffen zu suchen", sagte Barack Obama im April 2009. Kurz darauf lud er die Welt zum ersten Nukleargipfel, um seine Vision in die Tat umzusetzen. Jetzt findet das Treffen zum vierten und wohl auch letzten Mal statt, und es ist klar: Die Bilanz von Obamas Abrüstungspolitik ist ernüchternd.

Es gab einige beeindruckende Erfolge, etwa der New-Start-Abrüstungsvertrag mit den Russen, die Sicherung des hochangereicherten Urans der Ukraine oder das Atomabkommen mit Iran. Doch insgesamt ist die Welt heute weiter davon entfernt, atomwaffenfrei zu sein, als noch vor sieben Jahren - und daran ist auch Obama selbst schuld.

Zwar gab es Hindernisse, für die der US-Präsident nichts konnte, etwa die Blockadehaltung der oppositionellen Republikaner oder die zunehmend aggressive Politik der Russen. Doch den größten Fehler hat Obama selbst begangen: die Modernisierung der amerikanischen Atomwaffen.

Obama zahlte einen zu hohen Preis

Diese Modernisierung war der politische Preis dafür, dass der von den Republikanern dominierte Kongress dem New-Start-Vertrag mit den Russen zustimmte. Doch was als Programm zur Renovierung von teils jahrzehntealten Waffen begann, ist zu einem monströsen Vorhaben mutiert. In den kommenden 30 Jahren wird voraussichtlich eine Billion Dollar in neue Sprengköpfe, Raketen, Flugzeuge und U-Boote investiert. Es ist ein Umbau des gesamten US-Arsenals.

Die Russen reagieren auf ihre Weise und haben ebenfalls mit einer breit angelegten Modernisierung ihrer Atomstreitkräfte begonnen. Nun droht ein neuer Rüstungswettlauf, dessen Anzeichen bereits erkennbar sind.

Und wozu das alles? Atomwaffen sind in den meisten aktuellen Konflikten nutzlos: Sie haben weder den syrischen Diktator Assad vom Morden abgehalten noch den Vormarsch des "Islamischen Staats" gebremst. Sie haben weder die russische Annexion der Krim, noch Moskaus Intervention in der Ukraine verhindert. Und selbst wenn Russland erwägen sollte, mittels der hybriden Kriegführung auch die baltischen Nato-Mitglieder zu destabilisieren, wäre es fraglich, ob Atomwaffen eine glaubhafte Abschreckung böten.

Atomwaffen sichern den Frieden - das war einmal

Stattdessen stellen die weltweit rund 16.000 Nuklearwaffen heute ein echtes Sicherheitsrisiko dar - insbesondere in Ländern wie Pakistan, wo ein Atomkrieg mit Indien und der Diebstahl von Atomwaffen durch radikale Islamisten drohen. Letzteres wäre für den Westen der ultimative Albtraum.

Dessen Öffentlichkeit aber steht der Gefahr weitgehend indifferent gegenüber. So allgegenwärtig die Furcht vor Atomwaffen bis in die Neunzigerjahre war, so gründlich ist sie heute verschwunden. Das mag in der menschlichen Natur liegen: Bedrohungen, die verheerende Folgen hätten, aber nur mit geringer Wahrscheinlichkeit eintreten, werden notorisch unterschätzt. Doch hier geht es nicht um Meteoriteneinschläge oder anderen Naturkatastrophen, sondern um ein menschengemachtes Risiko, das sich mit Geld, Personal und technischen Mitteln eindämmen lässt.

Dies zu unterlassen wäre zutiefst verantwortungslos. Denn sollten Terroristen tatsächlich eine Atomwaffe in einer westlichen Großstadt zünden, wäre das nicht nur das Ende vieler Tausend Menschen. Es wäre wohl auch das Ende unserer freiheitlichen Lebensweise.

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Jeannette Corbeau
Markus Becker ist Korrespondent in der Redaktionsvertretung Brüssel.

E-Mail: Markus_Becker@spiegel.de

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insgesamt 97 Beiträge
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Seite 1
Theke 01.04.2016
1.
Was im Artikel unerwähnt geblieben ist, dass Atomwaffen auch nicht die USA davon abhalten überall in der Welt zu zündeln und sie halten auch nicht den NATO-General Breedlove davon ab öffentlich zu sagen: "Die USA sind bereit, gegen Russland in Europa zu kämpfen und es zu besiegen." Leider habe ich hier bei SPON nichts zu dieser Kriegstreiberei erfahren. Man stelle sich den umgekehrten Fall vor, in dem ein russischer General solch eine Aussage in umgekehrter Richtung gemacht hätte. Die Empörung würde überall in der deutschen Presse Wellen schlagen. Warum so einseitig SPON?
omanolika 01.04.2016
2.
Wie dumm war einst das Wettrüsten, als alle einfach dachten sie müssten, doch nur mehr Atomwaffen besitzen, um andere zu bringen ins Schwitzen? Und wie dumm sind denn heute, die ja wirklich mächtigen Leute, wenn sie Unsummen ausgeben, um nach nem größeren Nuklearwaffenarsenal zu streben? Ein großes Arsenal verschafft vielleicht Respekt, aber einer, der tatsächlich viel mehr erschreckt, ist jener, der nur eine einzelne Atombombe will, denn von ihm droht der Welt wahrhaftig Unbill...
t dog 01.04.2016
3. Frieden
Den Frieden zu erhalten wäre nicht so schwierig gewesen. Hätten die USA nicht den Irak erobert und das Staatswesen zerschlagen, hätten sie nicht durch CIA Waffenlieferungen über Türkei und Katar einen Bürgerkrieg in Syrien ausgelöst. Hätte die CIA in der Ukraine nicht Rechtsradikale zu einem bewaffneten Putsch ermächtigt, die im Anschluss im Osten auf Russenjagd gingen. Hätten die USA nicht Gaddafi in Libyen weggebombt und Anarchie erschaffen. Dann wäre auch nie der Terror in diesem Ausmaß über Tunesien und Mali hereingebrochen. Frieden ist nie die Absicht der USA gewesen.
SichtausChina 01.04.2016
4. Libyen, Afghanistan, Irak...
Einmal mehr werden unter den nicht-verhinderten Kriegen keine NATO Kriege erwähnt. Schäbig den Hauptaggressor so zu verharmlosen
BeatDaddy 01.04.2016
5. Wer so
falsch spielt, wie die Amerikaner, muss sich nicht wundern, wenn alle anderen aufrüsten, wie die Weltmeister. TTIP, Raketenschild in der Türkei, Destabilisierung des Nahen Ostens, das permanente Händchenhalten für Südkorea und damit die gleichzeitige, ständige Provokation des nordkoreanischen Oberaffen, die ständige, penetrante Überwachung aller möglichen Staatsoberhäupter, die andauernde öffentliche Verteufelung Russlands, usw....haben zwangsläufig dazu geführt. Ob da nun ein Obama oder ein Nixon im Weißen Haus sitzt, ist dabei eigentlich nebensächlich. Nicht die Person an erster Stelle ist entscheident, sondern das Verhalten der Nation als Ganzes ist ausschlaggebend dafür, wie sich der Rest der Weltbevölkerung verhält! Ob man das gut finden muss, sei mal dahingestellt.
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