Kommentar zur Kaukasus-Krise Hilflose Heißsporne, halbseidene Krieger

Der eskalierende Krieg im Kaukasus ist ein Beispiel für politischen Starrsinn auf allen Seiten. Die Diplomatie ist hilflos und kann außer warmen Worten nichts liefern. Auch der Westen hat versagt - klare Worte gegenüber Russland sind schon lange nicht mehr en vogue.

"Krieg in Südossetien", "Generalmobilmachung in Georgien", "Russland marschiert ein": Das sind die Schlagzeilen eines Wochenendes, von dem die Zeitungsmacher gedacht hatten, allein die Spiele in Peking schafften es auf Seite eins. Die Verblüffung, sprich: Verärgerung über diesen plötzlich ins Rampenlicht drängenden Konflikt ist so groß, dass selbst das Internationale Olympische Komitee – das, wie man weiß, politisch besonders feinfühlig ist – die Eskalation der Kämpfe kritisiert: "Das ist nichts, was die Welt jetzt sehen möchte."

Da hat das IOC ausnahmsweise einmal recht. Südossetien – bitte wo? Zchinwali? – Nie gehört! Ein Gebirgsländchen, anderthalbmal so groß wie das Saarland und das alles nicht mal 3000 Kilometer von Berlin entfernt? Und dort rollen nun russische und georgische Panzer, fliegen russische Kampfjäger Angriffe im georgischen Hinterland? Es ist verrückt, aber jetzt rächt sich, dass niemand – und das fast 20 Jahre lang – diese kleinen köchelnden Krisenherde im ach so unverständlichen Kaukasus wahrhaben wollte: Berg-Karabach, Abchasien, Südossetien…

Micheil Saakaschwili, der junge Heißsporn auf dem Präsidentenstuhl in Tiflis, will zwei seiner Provinzen zurückholen ins Land, die in den blutigen Sezessionskriegen Anfang der neunziger Jahre verlorengegangen sind – damals mussten Hunderttausende seiner Landsleute über Nacht ihre Heimat verlassen. Ihnen irgendwann einmal die Rückkehr in ihre angestammte Heimat zu ermöglichen war eines seiner wichtigsten Wahlversprechen – kein georgischer Präsident könnte diesen verständlichen Wunsch ignorieren, bei Strafe seines Untergangs. Man muss sich das so vorstellen, als hätten die Sorben einen Teil Brandenburgs privatisiert und den Rest der Bevölkerung von dort vertrieben – oder als ob die Bayern… Aber lassen wir die Vergleiche.

Das vergebliche Streben gen Nato

Für die Logik Saakaschwilis spricht zudem, dass ihm die (westliche) internationale Gemeinschaft seit Jahren zu verstehen gegeben hat, mit seinen ungelösten Konflikten in Abchasien und Südossetien komme er nicht in Nato oder EU. Das aber natürlich will er, und zwar aus ganzem Herzen, um endlich dem Gravitationsfeld des erdrückenden Nachbarn Russland zu entfliehen.

Und, auch das sollte man dem gelernten Juristen zugute halten, wenn es um Soll und Haben geht: Die halbseidene Führung im Separatistensprengel Südossetien, deren sogenannter Präsident im Hauptberuf Freistilringer war, hat die angebotenen Autonomiegespräche in der Regel boykottiert. Was die Vermutung nahelegt, sie sei an einer ernsthaften politischen Lösung nie wirklich interessiert gewesen, weil sie genügend russische Rückendeckung für ihren Kurs besitzt. Schon Trotzki hat über die Osseten gesagt, sie seien ein grobes und gewalttätiges Volk, was natürlich polemisch gemeint und eher auf seinen Erzrivalen Stalin gemünzt war.

Daraus folgt: Saakaschwili mag gedacht haben, dass mit Diplomatie am Kaukasus überhaupt nichts mehr zu erreichen ist, der Konflikt also nur militärisch zu regeln sei – jetzt, wo sein stärkster Gönner George W. Bush noch im Amte ist. Die Aufrufe des Westens, die Gewalt sofort einzustellen, kaschieren nur die eigene Hilflosigkeit. Auch der Plan des deutschen Außenministers Frank-Walter Steinmeier, die georgischen Flüchtlinge in die alte Heimat zurückzubringen und irgendwann später die Statusfrage der umstrittenen Gebiete zu regeln, erscheint naiv.

Stalins willkürliche Grenzen

Aber wer bitte hat an alledem nun Schuld? Stalin natürlich: Der hat seinerzeit die Grenzen der Sowjetrepubliken willkürlich gezogen, damit der Vielvölkerstaat handhabbarer für den Kreml wird. Die Osseten traf das insofern, dass sie in einen nördlichen und einen südlichen Teil gespalten wurden. Der eine gehörte zur "Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik", der andere zur Sowjetrepublik Georgien - was damals nichts ausmachte, weil ja eh alles zum selben Land gehörte. Erst als die Sowjetunion dahinschied und Georgien die Gunst der Stunde nutzte, wieder unabhängig zu werden, waren die Osseten plötzlich wirklich geteilt – denn nun war der Kaukasuskamm mitten in ihrem Sprengel zur Staatsgrenze geworden.

"Schuld" haben natürlich auch die Separatisten selbst. Nord- und Südosseten sind nun mal ein Volk. Eines, das immer schon eher in Richtung Moskau blickte, weshalb die cholerischen Georgier gern von den "Russenknechten" sprachen. So begannen die Südosseten sehr früh schon den Kampf um ihre eigene Unabhängigkeit. Bei den Abchasen war es etwas anders, sie waren nie geteilt und hatten früher sogar mal ein eigenes Königreich. Stalin aber assimilierte sie mit Zuckerbrot und Peitsche und verordnete ihnen dann sogar das georgische Alphabet. Die ersten Staatschefs des postsowjetischen Georgiens – Swiad Gamsachurdia und Eduard Schewardnadse – führten diesen Kurs leider fort.

Damit sind die nächsten Schuldigen genannt: Im Überschwang des neu erwachten Nationalgefühls Anfang der neunziger Jahre glaubten die früher so weltoffenen Georgier auf einen strengen Einheitsstaat setzen zu müssen, statt den anderen Völkern auf ihrem Territorium neue Formen der Autonomie anzubieten. Schewardnadse kostete das im Abchasien-Krieg fast selbst das Leben. Immerhin war der Ex-Sowjet-Außenminister noch eine eher ausgleichende Natur, was man von seinem Nachfolger Saakaschwili nun wirklich nicht sagen kann.

Spielball der verletzten Großmacht

Das alles hätte sich Mitte der neunziger Jahre, als vorübergehend liberalere Kräfte nicht nur in Tiflis, sondern sogar in Zchinwali und Suchumi regierten, vielleicht noch lösen lassen. Aber dann kam das neue Russland ins Spiel, diese verletzte Großmacht, Leute wie Putin, die ihrerseits nie mit dem Verlust Georgiens fertig geworden waren. In den abtrünnigen Regionen Südossetien und Abchasien erkannten sie ein wunderbares Instrument, um den Staat am Südrand des Kaukasus in Aufruhr zu halten. Als dann auch noch der Westen – und hier zuallererst die USA – Geschmack an der strategischen Lage Georgiens bekam, war es mit der Ruhe in Tiflis endgültig vorbei. Er werde alles tun, um die Aufnahme Georgiens in die Nato zu verhindern, hat Putin immer wieder gesagt – und was eignete sich besser dazu, als all die köchelnden Konflikte künstlich am Leben zu halten.

Wie der Konflikt zu lösen ist? Im Moment wohl gar nicht, müsste man aus heutiger Sicht sagen, wenn man denn ehrlich ist. Später vielleicht dadurch, dass die Südosseten nach Russland übersiedeln, was natürlich den bitteren Beigeschmack einer Deportation hätte und an Stalins Vertreibungen während der vierziger Jahre erinnern würde. Die Abchasen aber brauchen eine weitgehende Autonomie.

Der Westen zaudert

Und der Westen? Er hat, man ist es ja nun fast schon gewohnt, durch seine Zweideutigkeiten die Lage verschärft. Er ist für Georgiens "territoriale Integrität", aber wie der arme Saakaschwili die nun herstellen soll, das sagt er nicht. Diplomatisch scheint es nicht zu funktionieren, der militärische Weg aber ist zu Recht verpönt. Das Hauptproblem aber ist die westliche Haltung zu Russland, seit nahezu 20 Jahren schon. Deutliche Worte mit Moskau zu reden, ist schon lange nicht mehr en vogue, was die Russen stets als Schwäche auslegen. Klare Worte dagegen nehmen sie durchaus ernst. Man müsse Russland "einbinden" und auf Moskaus Empfindlichkeiten Rücksicht nehmen, lautet seit dem ersten Tschetschenien-Krieg 1994 die Parole. Diese Politik hat weder Russlands brutales Vorgehen in Grosny verhindern können, noch den Krieg um Berg-Karabach oder die Massaker von Suchumi und Zchinwali.

Selbsttäuschung, Angst vor einer schwer berechenbaren Großmacht, Unkenntnis der ethnischen Probleme in der Region und heillose Zerstrittenheit im eigenen Haus EU – so bleibt man einflusslos am Kaukasus.