Bürgermeisterwahlen in Russland Revolution in der Stadt der Zarenmörder

Triumph in Jekaterinburg: Die Opposition stellt in Russlands viertgrößter Stadt jetzt den Bürgermeister. Jewgenij Roisman ist ein Parteigänger des Finanzmagnaten und Ex-Präsidentschaftskandidaten Michail Prochorow - wegen seiner kriminellen Vergangenheit aber angreifbar.

Jewgenij Roisman: Politik-Star, Boxer, Lyriker, Mafioso
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Jewgenij Roisman: Politik-Star, Boxer, Lyriker, Mafioso

Von Claudia Thaler und , Moskau


Polit-Star, Boxer, Lyriker, Mafioso. Dem charismatischen und jugendlich wirkenden Jewgenij Roisman haben seine Anhänger und Gegner schon viele Etiketten angeklebt. Nun kann er sich bald mit einem offiziellen Titel und einem wichtigen Amt schmücken. Als Kandidat der Partei "Bürgerplattform" des Finanzmagnaten und Ex-Präsidentschaftskandidaten Michail Prochorow schlug er gestern seinen Gegenspieler von der Kreml-Partei "Einiges Russland" bei den Bürgermeisterwahlen in Jekaterinburg, Russlands viertgrößter Stadt.

Die am Uralgebirge gelegene Industriemetropole hat 1,4 Millionen Einwohner und wird 2020 die Weltausstellung "Expo" ausrichten. Die Stadt spielt in Russlands Politik schon seit langem eine große Rolle. Hier wurden 1917 der letzte Zar, Nikolai der Zweite, und seine Familie erschossen. Hier lernte Boris Jelzin als Chef der Kommunistischen Partei das politische Handwerk, ehe er später Russlands demokratische Revolution anführte und nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 zum ersten freigewählten Präsidenten des größten Staates der Erde aufstieg.

Nun ist die aufstrebende Uralstadt Schauplatz eines mittleren politischen Erdbebens: Nicht nur in Moskau, auch in der Provinz kann sich der Kreml nicht mehr sicher sein, dass Putin-treue Kandidaten gewinnen. Roisman, 50, erhielt 33 Prozent der Stimmen, der Kreml-Kandidat Jakow Silin unterlag knapp mit 30 Prozent. Ein Bewerber der links-orientierten Partei "Gerechtes Russland" kam auf 20 Prozent. Für den Kreml bietet der Newcomer weiter viele Angriffspunkte. Und das liegt an Roismans Vergangenheit.

Volksheld durch Drogenkampf

Roisman, heute Vater von drei Kindern, wurde 1962 im sowjetischen Swerdlowsk geboren. Sein Vater verdiente sein Geld als Stahlarbeiter in der größten Zeche der Stadt. Jewgenij studierte Geschichte und wollte eigentlich Spezialist für Ikonenmalerei werden. Mit 20 Jahren saß er wegen Waffenbesitzes und Diebstahls zwei Jahre im Gefängnis. In den neunziger Jahren stellte Roisman Schmuck her und entwarf eigene Juwelenkollektion. 2004 ging er in die Politik und errang ein Abgeordnetenmandat in der Duma, dem russischen Parlament. Damals kandidierte er noch für die Partei "Gerechtes Russland". Erst im vergangenen Oktober schloss er sich der liberalen "Bürgerplattform" des Oligarchen Prochorow an.

Zum Volkshelden wurde Roisman durch seine Kampagne "Stadt ohne Drogen", die er 1999 begann. Dass Roismans private Drogenfahnder dabei auch Junkies an Betten fesseln ließen und er selbst nationalistische Parolen verbreitete, war nach dem Geschmack der Mehrheit. Eine harte Hand bevorzugt sie allemal gegenüber allzu liberalen Ideen.

Zum Problem wird nun für Roisman, dass er bei der Gründung seiner Klinik womöglich Hand in Hand mit Männern der gefürchteten Mafia-Gruppe "Uralmasch" zusammengearbeitete hat, seinen alten Freunden, wie Roismans Gegner behaupten. Roisman bestreitet jedwede Kooperation mit der Mafia. Den staatlichen Sender "Kanal 5" will er nun wegen Rufmordes verklagen. Die Fernsehmacher hatten in einem prominenten Abendprogramm Roismans angebliche Mafiaverbindungen zum Thema gemacht.

Bürgernah zum Erfolg

Sollten sich die Vorwürfe erhärten, wäre das ein schwerer Schlag für die Opposition, die Wert auf ihr Saubermann-Image legt und deren Galionsfigur Alexej Nawalny die Kreml-Partei "Einiges Russland" erfolgreich als "Partei der Gauner und Diebe" brandmarkte. Fürs Erste hat Roisman die Fernsehattacke gut überstanden. Sie hat ihm jedenfalls nicht so geschadet, dass er die Wahl verloren hätte.

Ähnlich wie Alexej Nawalny in Moskau hatte Roisman einen bürgernahen Wahlkampf hingelegt. Und wie sein Parteichef Michail Prochorow hatte er seine Wähler bei Kundgebungen immer wieder aufgefordert, nicht auf den korrupten Staat zu vertrauen, sondern das eigene Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. "Mach es einfach selbst", hatte er einem Bürger zugerufen, der darüber klagte, dass die Stadtverwaltung sich zu wenig um die Renovierung seines Plattenbaus kümmere.

Es wäre ein Paradigmenwechsel in einem Land, dessen Einwohner in jahrhundertelanger Zarenherrschaft und während sieben Jahrzehnten Kommunismus stets mehr Untertan als Bürger waren. Eigenverantwortung in die Köpfe und Herzen der Jekaterinburger zu pflanzen, käme einer Revolution gleich.

Roisman muss nun zeigen, ob er dafür der richtige Mann ist.



insgesamt 10 Beiträge
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zyrtezyrte 09.09.2013
1. Expo 2020
Weiß der SPIEGEL mehr? Ich dachte, die Entscheidung, wo die Expo 2020 ausgerichtet wird, ist noch nicht gefallen.
Gulugulu 09.09.2013
2. Ach wie niedlich!
Zitat von sysopAPTriumph in Jekaterinburg: Die Opposition stellt in Russlands viertgrößter Stadt jetzt den Bürgermeister. Jewgenij Roisman ist ein Parteigänger des Finanzmagnaten und Ex-Präsidentschaftskandidaten Michail Prochorow - wegen seiner kriminellen Vergangenheit aber angreifbar. http://www.spiegel.de/politik/ausland/kommunalwahlen-in-russland-opposition-gewinnt-in-jekaterinburg-a-921171.html
Och, irgendwie tut mir der Autor dieser "packenden Analyse Russlands" fast schon wieder leid. Muss er doch als Mc-Cloy Stipendiat gestählt (Young leaders Program heisst das Stipendien-Programm bei der NATO-gesponserten Kaderschmiede) und aktuell als Auftragsschreiberling der Atlantikbrücke e.V., jetzt zum Start seiner Karriere bei der Speerspitze des deutschen "Qualitätsjournalismus" (ja, lang lang ist es her!) aus jeder russischen Mücke eine Revolution basteln um pöses pöses Putin-Russland anzupinkeln. Wie niedlich! Fein, immer feste druff, so wird es was mit der Karriere! Zum Thema: In Jekatarinenburg ist ein Vodka-Glas umgekippt. Putin hat sich vor Angst in die Hosen gemacht, gääähn.
skell100 09.09.2013
3. ...
SPON, warum schreibt ihr nicht, dass bei dieser Wahl Putin der große Verlierer ist? Zweimal am Tag ist nicht zuviel. Im Übrigen freue ich mich für die Jekaterinenburger, dass sie nun auch einen lupenreinen Demokraten als Bürgermeister haben.
Polyprion 09.09.2013
4. Schön, daß der Spiegel Position bezieht...
aber das ist nicht Journalistenarbeit im Sinne von Henry Nannen. Die Welt ist eben kein Ponyhof und das "Hochschreiben" eines jeden kleinen Wahlerfolgs der "Opposition" und einer jeden "Aktion durch Aktivisten" führt eher zu einer Spaltung mit den tatsächlichen Machthabern und das kann für Deutschland in keinem Fall gut sein. Ich bin kein Putin-Freund, glaube aber, daß an dessen Aussage, ein Risenreich wie Russland könne man nicht nach westlich-demokratischen Masstäben regieren, etwas dran ist.
möhrli 09.09.2013
5. mal sehen
Mal sehen wie lange Roisman Bürgermeister von Jekaterinenburg sein wird. Sein Kollege Urlaschow, der in Jaroslawl den Kreml-Kandidaten bei der Wahl besiegt hatte, wurde wenig später aus dem Verkehr gezogen. Kreml-Kritiker Urlaschow: Medienwirksam inszenierte Festnahme - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/kreml-kritiker-urlaschow-medienwirksam-inszenierte-festnahme-a-909478.html) Von einer grundlegenden Demokratisierung in Russland kann erst dann die Rede sein, wenn Wladimir Putin in Den Haag vor Gericht steht und Russland die Statuten des Europarats, wo es Mitglied ist, einhält. Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg.
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