Konferenz in Berlin Ringen um Afghanistans Schicksal

Großes Aufgebot in Berlin: Spitzenpolitiker aus 56 Staaten beraten ab heute in der Hauptstadt über den Wiederaufbau Afghanistans. Die Regierung Karzai kann mit neuen Finanzspritzen in Höhe von rund neun Milliarden Dollar rechnen. Die Uno warnt, das Land könne ins Chaos absinken, wenn sich die Sicherheitslage nicht bessert.


Kanzler Schröder mit Präsident Karzai am Vorabend der Konferenz
AP

Kanzler Schröder mit Präsident Karzai am Vorabend der Konferenz

Berlin - Zweieinhalb Jahre nach dem Ende der Taliban-Herrschaft in Afghanistan wollen Politiker aus 56 Staaten heute in Berlin über den Wiederaufbau des kriegszerstörten Landes beraten. Die zweitägige Konferenz wird von Bundeskanzler Gerhard Schröder und dem afghanischen Präsidenten Hamid Karzai eröffnet. Zu den rund 700 Delegierten gehören unter anderem US-Außenminister Colin Powell und Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer.

Afghanistan kann nach Angaben der Bundesregierung mit neuen internationalen Hilfszusagen in Höhe von rund neun Milliarden Dollar (7,4 Milliarden Euro) rechnen. Bundeskanzler Schröder sicherte Karzai bei einem Treffen gestern "den festen Willen" zu, Afghanistan weiter zu helfen.

Der afghanische Finanzminister Ashraf Ghani rief die Bundesregierung auf, deutsche Investitionen in seinem Land zu erleichtern. Dem "Handelsblatt" sagte Ghani: "Wir sind an Projekten aus jedem Land interessiert, speziell auch aus Deutschland. Aber die deutsche Regierung muss hier wirklich beschleunigt an dem Thema der Risikoabsicherung, also Hermes-Garantien, arbeiten."

Grundsätzlich äußerte sich der Finanzminister zufrieden mit der internationalen Hilfe für sein Land. "Die Zusagen der Geberkonferenz in Tokio 2002 sind mit einer Quote von 104 Prozent sogar übererfüllt worden", erklärte Ghani. Die anschließende Umsetzung von Projekten brauche nun Zeit.

Die für September geplanten Wahlen in Afghanistan werden nach einem Bericht der "Financial Times Deutschland" zu den teuersten gehören, die je von der internationalen Gemeinschaft bezahlt worden sind. Unter Berufung auf Informationen aus Uno-Kreisen berichtet das Blatt, die Weltorganisation rechne mit einer Summe von mehr als 225 Millionen Dollar.

Der Uno-Repräsentant in Afghanistan, Jean Arnault, mahnte die Nato-Staaten, vor den Wahlen mehr zur Verbesserung der Sicherheitslage zu unternehmen. Die Uno hätte dies in ihren Berichten an den Sicherheitsrat wiederholt gefordert. "Doch wegen der anstehenden Wahlen haben wir Gründe, diese Forderung lauter zu stellen", sagte Arnault der FTD. Der Zeitdruck, der durch den Wahltermin aufgebaut werde, biete eine Chance, die Entwaffnung in den afghanischen Provinzen voranzutreiben.

Auch eine Konferenz von nichtstaatlichen Vertretern Afghanistans forderte die raschere Entwaffnung der von regionalen Provinzfürsten befehligten Milizen. Die Entwaffnung sei der Schlüssel zum Friedensprozess und müsse unter Aufsicht der internationalen Schutztruppe Isaf und der Nato geschehen, hieß es gestern in einer gemeinsamen Erklärung in Berlin.

Nato-Generalsekretär De Hoop Scheffer versicherte unterdessen in der "Bild"-Zeitung, Afghanistan habe für die Nato Priorität. "Wir bleiben dort so lange, bis wir unseren Job erledigt haben. Deshalb konzentrieren wir uns nicht auf Zeitpläne, sondern auf die Schritte, die nötig sind, um den Friedensprozess in Afghanistan voranzubringen. Die Konferenz in Berlin sei dafür "ein wichtiger Meilenstein".



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