Aufstand im ostukrainischen Donezk Mit Eisenstangen für Russland

Sie rufen die "Republik Donezk" aus und preisen Putin: In der ukrainischen Industriestadt hat sich eine Gruppe von prorussischen Aufständischen im Gebäude der Gebietsverwaltung verschanzt und wartet auf einen Angriff der ukrainischen Anti-Terror-Einheiten.
Prorussische Besetzer eines Verwaltungsgebäudes in Donezk: "Geht nicht nach Hause!"

Prorussische Besetzer eines Verwaltungsgebäudes in Donezk: "Geht nicht nach Hause!"

Foto: Roman Pilipey/ dpa

Die Gebietsverwaltung der Stadt Donezk gleicht am Montagabend einer Festung: Vor dem Eingang liegen Hunderte Autoreifen, darüber Stacheldraht. Junge Männer, bewaffnet mit Eisenstangen und Knüppeln, in Camouflage und mit Helmen, patrouillieren zwischen den Barrikaden. Auf dem Vorplatz stehen einige Hundert Donezker Bürger, patriotische sowjetische Musik schallt ihnen aus Lautsprechern entgegen, hoch oben am Flaggenmast hängt die russische Trikolore. Ein junger Mann ergreift das Mikrofon und brüllt: "Geht nicht nach Hause, um euch das hier vom Sofa anzuschauen. Wir müssen jetzt die Macht des Volkes verteidigen. Bürger des Donbass, habt Vertrauen in Eure Macht!"

"Das ist die Reaktion des Volkes auf den Umsturz in Kiew", sagt Natalja, eine 50-jährige Ingenieurin aus dem Bergbauinstitut, die am Rande der Demonstration steht. "Man hat versucht, den Menschen hier etwas aufzuzwingen, und jetzt wehren sie sich", ist sie überzeugt.

Anschluss an Russland? Alle dafür, ohne Gegenstimme

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Donezk: Neuer Brennpunkt in der Ukraine

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Was sich an diesem Montag vollzogen hat, scheint wie eine Wiederholung der Operation Krim. Am Sonntag hatten nach einer Demonstration einige hundert Männer die Gebietsverwaltung besetzt. Am Montag ging es dann Schlag auf Schlag: Im Hauptsaal der Verwaltung verkündet ein älterer Mann mit Vollbart am Mittag die Gründung der unabhängigen Donezker Republik. An die hundert Aktivisten der "Volksrates", wie sich die Besetzer nennen, klatschen, rufen "Russland, Russland!". Für den 11. Mai fordern sie ein Referendum über die Republik. Für den Fall, dass Kiew sich dagegen sträuben würde, sei man gezwungen, Russland um militärische Hilfe zu bitten.

Schon folgt der nächste Akt: Ein jüngerer Aktivist fordert, die neue Republik Russland anzugliedern. Der "Volksrat" stimmt ab: Alle dafür, keine Gegenstimme. "Putin, Putin!", rufen sie. Dann wird das Ergebnis der Menge vor der Verwaltung präsentiert - jetzt schreien an die tausend Menschen "Russland, Russland!". An den Fahnenmasten wird die russische Trikolore und eine neu erfundene Flagge der "Republik Donezk" gehisst, ohrenbetäubend schallt nun die sowjetische Nationalhymne über den Platz, dann die Internationale. Seit Wochen hatte die Kiewer Regierung vor einer Wiederholung des "Krim-Szenarios" in der Ostukraine gewarnt. Ist es nun Wirklichkeit geworden?

Auf den ersten zwei Etagen der Verwaltung bereiten sich die Besetzer, allesamt junge, kräftige Männer, auf den Sturm durch ukrainische Anti-Terror-Spezialeinheiten vor. Einer zerlegt ein Treppengeländer und verteilt die Eisenstangen, andere umwickeln sie mit Klebeband. Auf dem ausladenden Balkon über dem Eingang werden Molotowcocktails abgefüllt. Igor, ein 33-jähriger kräftiger Zweimeterriese in Armeejacke und Turnschuhen, ist der Kommandant der Besetzer. Igor hat in den 90er Jahren in der russischen Armee gedient. "Am Flughafen sind gerade ein paar hundert Leute von der Nationalgarde angekommen, jeder mit zwei Maschinengewehren, mit Bazooka und Schützenpanzern", redet ein Mann auf ihn ein. "Was sollen wir machen?"

Igor setzt sich und überlegt. "Ein Angriff in der Nacht ist sehr wahrscheinlich. Wir müssen uns verteidigen", sagt er. Haben seine Leute Waffen? Am Nachmittag hatten ukrainische Medien die Meldung verbreitet, dass die Besetzer über Maschinengewehre und eine Panzerfaust verfügten. "Alles Propaganda, um eine gewaltsame Niederschlagung zu rechtfertigen", sagt Igor.

Steuert der Kreml den Aufstand - oder sind es ukrainische Oligarchen?

Die neue Kiewer Regierung sieht hinter den Separatisten die Hand Moskaus. "Das ist die zweite Welle einer russischen Spezialoperation gegen die Ukraine", sagte Übergangspräsident Turtschinow am Mittag. Mit markigen Worten kündigte Turtschinow am Nachmittag eine "Antiterroristische Aktion" gegen die Besetzer im Osten der Ukraine an.

Der bekannte Donezker Journalist Denis Kasanskij ist überzeugt, dass hinter den Separatisten lokale Eliten stehen. "Sie versuchen, auf diese Weise mit Kiew um die Macht im Osten zu feilschen", sagt er gegenüber SPIEGEL ONLINE. Kasanskij glaubt, dass es der enge Kreis um Janukowitsch sei, in erster Linie der heutige Vorsitzende der "Partei der Regionen", Alexander Jefremow. Daneben sei auch Rinat Achmetow in die Geschehnisse verwickelt. Achmetow ist mit 15,4 Milliarden der reichste Ukrainer, sein Wirtschaftsimperium gründet auf der Schwerindustrie der Ostukraine. Achmetow finanzierte Janukowitschs "Partei der Regionen" und benutzte sie zur Durchsetzung seiner Ziele.

Auch Igor Grinyw, Rada-Abgeordneter und enger Berater des Präsidentschaftskandidaten Pjotr Poroschenko, glaubt an die Hand der lokalen Eliten. "Sie beginnen jetzt, in enger Abstimmung mit Russland ein Szenario zu entwickeln, das ihren Interessen entspricht", sagt er zu SPIEGEL ONLINE. Das Ziel sei es, die Präsidentschaftswahlen zu verhindern. Denn allen Umfragen zufolge würde der nächste Präsident nach den Wahlen Ende Mai Poroschenko heißen. "Und er hat allen Oligarchen in persönlichen Gesprächen klar gemacht, dass sie sich in der neuen politischen Wirklichkeit aus der Politik heraushalten müssen", so Gryniw.

Die heutigen Ereignisse zeigen, dass die ostukrainischen Oligarchen mit dieser Rollenverteilung so nicht einverstanden sind. Am Abend verkünden auch die Besetzer der Verwaltung in Charkow die Gründung einer unabhängigen Republik.

In Donezk stehen die Zeichen auf Sturm.

Muttersprachen in der Ukraine

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