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21. Januar 2012, 17:28 Uhr

Konflikt mit dem Westen

Pakistan schließt deutsches Spitzelbüro

Von , Islamabad

Das Verhältnis zwischen Pakistan und dem Westen spitzt sich zu, jetzt wird auch Deutschland in den Konflikt hineingezogen: Die Polizei hat in der Stadt Peschawar drei Deutsche verhört und anschließend der Stadt verwiesen - es soll sich um Mitarbeiter des BND gehandelt haben.

Am Samstag hat die Polizei in der nordwestpakistanischen Stadt drei Deutsche vorläufig festgenommen und verhört. Anschließend wurden sie in die Hauptstadt Islamabad geschickt und dort an die deutsche Botschaft übergeben. Nach Angaben der örtlichen Polizei handelt es sich um zwei Männer und eine Frau, die für den Bundesnachrichtendienst (BND) gearbeitet hätten. Das BND-Verbindungsbüro in Peschawar wurde geschlossen und versiegelt.

Es gilt als offenes Geheimnis, dass der BND seit Jahren ein nicht offiziell genehmigtes Büro in der Hauptstadt der Krisenprovinz Khyber Pakhtunkhwa betreibt. Peschawar liegt nahe der Grenze zu Afghanistan, die Stadt gilt als Treffpunkt von Mitgliedern extremistischer Organisationen. In den angrenzenden Stammesgebieten halten sich nach Erkenntnissen westlicher Geheimdienste weltweit gesuchte Terroristen versteckt, darunter Kommandeure der Taliban und Mitglieder des Terrornetzwerks al-Qaida.

Weder BND noch das Auswärtige Amt bestätigen die Existenz des Büros in Peschawar, bei den pakistanischen Behörden sind die für nachrichtendienstliche Aufklärung zuständigen Beamten jedoch bekannt. "Selbst wenn sie es wollten, könnten Ausländer auf lange Zeit in Peschawar nicht unerkannt bleiben", sagte ein pakistanischer Geheimdienstmitarbeiter SPIEGEL ONLINE.

Getarnt als Entwicklungshelfer?

Für Verwirrung sorgte nach pakistanischen Angaben, dass die drei angeblich ein Fahrzeug der deutschen Entwicklungsorganisation GIZ nutzten und Visitenkarten mit dem Logo der GIZ mit sich führten. "Wir gehen davon aus, dass diese Leute keine Entwicklungshelfer sind, sondern Mitarbeiter des BND", sagte ein mit dem Vorfall vertrauter pakistanischer Beamter. Die Nachrichtenagentur dpa zitiert einen pakistanischen Geheimdienstoffizier, wonach einer der Deutschen ein Offizier im Rang eines Obersts sei.

Warum die BND-Leute ausgerechnet jetzt aus Peschawar hinausgeworfen wurden, blieb unklar. Ein pakistanischer Polizist sagte SPIEGEL ONLINE jedoch, die drei Deutschen hätten keine Genehmigung vorweisen können, nach Peschawar zu reisen. Tatsächlich benötigen Ausländer für das Reisen in bestimmte Regionen eine Unbedenklichkeitserklärung der pakistanischen Behörden. Die drei Deutschen hatten ein solches Schreiben nicht zur Hand.

Doch das scheint eher ein vorgeschobener Grund für die Schließung des Büros zu sein. Das Verhältnis zwischen den USA und Pakistan, Partnern im Anti-Terror-Krieg, ist seit einigen Monaten extrem belastet. Washington wirft Pakistan vor, heimlich Extremisten zu unterstützen, Islamabad wiederum sieht sich oft als Werkzeug amerikanischer Expansionspolitik missbraucht.

Zuletzt schossen Ende November Nato-Flugzeuge auf pakistanische Grenzposten, 24 Soldaten kamen dabei ums Leben. Seither überarbeitet Pakistan seine Außenpolitik bezüglich der USA. Die Schließung des Büros könnte im Zusammenhang mit dieser Neuausrichtung stehen. Zwar steht es um die Beziehungen Pakistans zu Deutschland besser als um die zu den USA, doch letztlich sieht man Deutschland als engen Verbündeten der Amerikaner.

Die deutsche Botschaft in Islamabad und das Auswärtige Amt wollten zu dem Vorfall keine Stellung beziehen. "Uns sind keine Festnahmen bekannt", sagte eine Sprecherin in Berlin auf Nachfrage. "Wir sind um Aufklärung bemüht."

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