Konflikt mit Iran Washington fürchtet Alleingang Israels

Mit dem Sturm auf die britische Botschaft könnte das Mullah-Regime seinen letzten Kredit verspielt haben. Amerikaner und Europäer basteln an massiven Sanktionspaketen gegen Iran. Washington hofft nun auf ein Einlenken Teherans - und sorgt sich um einen möglichen Alleingang Israels.

Getty Images

Von , Washington


Es ist eine verstörende Erinnerung, die der Sturm auf die britische Botschaft in der amerikanischen Öffentlichkeit geweckt hat. 444 Tage hielten einst islamistische Revolutionäre die US-Botschaft in Teheran besetzt und 52 US-Bürger in Geiselhaft. Das Trauma liegt jetzt gut 30 Jahre zurück, aber es wirkt nach. Und es mag die Deutlichkeit erklären, mit der US-Präsident Barack Obama das Mullah-Regime nach der aktuellen Attacke auf die Briten verurteilte: "Dass Demonstranten eine Botschaft überrennen und in Brand stecken können, zeigt, dass die iranische Regierung ihre internationalen Verpflichtungen nicht ernst nimmt."

Dieses Verhalten, sagte Obama, sei "nicht hinnehmbar". Das klingt ultimativ. Es heißt: Der Druck auf Iran wird weiter wachsen.

Dabei hatte sich Obama seit Amtsantritt um Entspannung mit Teheran bemüht; sogar die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen schien nicht mehr ausgeschlossen zu sein. Doch die Führung des 74-Millionen-Einwohner-Landes hat in den letzten Monaten offenbar allen Kredit verspielt.

Droht der Kalte Krieg heiß zu werden?

Im Oktober deckten US-Behörden einen mutmaßlichen Terrorplot zweier Iraner gegen den Botschafter Saudi-Arabiens in Washington auf; im November legte die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) einen beunruhigenden Bericht zu Irans Atomprogramm vor: Es gebe "glaubwürdige Hinweise" für eine militärische Dimension. Die USA, Großbritannien und Kanada erhöhten den Sanktionsdruck. Und am Dienstag folgte schließlich der offenbar vom Regime orchestrierte Angriff auf die britische Botschaft.

Die Lage ist angespannt wie selten zuvor. Ist noch auszuschließen, dass der Kalte Krieg zwischen Iran und der Weltgemeinschaft heiß werden könnte?

Die Verhandlungen übers iranische Atomprogramm jedenfalls seien nun "tot", stellt Ali Ansari fest, der Direktor des Instituts für Iran-Studien der Universität von St. Andrew in Schottland: "Wir kommen jetzt in eine Phase der Eindämmung und Isolation." Man befinde sich nicht in einer militärischen Konfrontation mit Iran, aber der Westen werde jetzt versuchen, "die Schlinge enger zu ziehen".

Großbritannien hat am Mittwoch sein gesamtes Botschaftspersonal aus Teheran abgezogen und gleichzeitig den iranischen Botschafter in London aus dem Land gewiesen. Verschiedene EU-Staaten und Norwegen zogen mit: Deutsche, Franzosen und Niederländer beorderten ihre Botschafter jeweils zu "Konsultationen" in die europäischen Hauptstädte zurück. Weitere Schritte sollen bei einem EU-Außenministertreffen an diesem Donnerstag beraten werden. Frankreich denkt bereits über ein EU-Embargo gegen iranische Ölexporte sowie eine Sperrung der Konten der iranischen Zentralbank nach.

Dies würde Iran, den weltweit fünftgrößten Ölexporteur, ohne Frage hart treffen. Würden aber die EU-Partner beim Ölboykott tatsächlich mitziehen? Großbritannien lehnte dies bisher ab, Beobachter rechnen aber damit, dass die Briten ihre Haltung mit Blick auf die jüngsten Ereignisse überdenken. Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) hatte sich bereits vor dem Botschaftsangriff für ein Ölimport-Embargo ausgesprochen. Westerwelle kündigte gegenüber der "Rheinischen Post" zudem an, er werde "das Gespräch mit der iranischen Führung suchen, um eine vollständige Aufklärung des Vorfalls zu erreichen und die volle Gewährleistung des Schutzes der diplomatischen Vertretungen sicherzustellen".

Besorgte Blicke auf Israel

Zuletzt hatten die Deutschen einigen Ärger der Partner auf sich gezogen, weil sie einer iranischen Fluglinie auf Umwegen sogar einen ausgemusterten Kanzler-Airbus verkauft hatten. Die USA verfolgen aufmerksam die deutschen Wirtschaftsexporte nach Iran. Zwar haben sich große Konzerne wie die Deutsche Bank oder ThyssenKrupp aus dem Land zurückgezogen, doch allein in den ersten acht Monaten dieses Jahres lag der Wert der deutschen Ausfuhren bei 2,055 Milliarden Euro, so die jüngste Statistik des Bundeswirtschaftsministeriums.

Einen besorgten Blick richtet man in Washington dieser Tage auch auf Israel. Im Falle einer iranischen Aggression gilt der Verbündete als erstes Ziel, Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad lässt keinen Zweifel daran, dass er das Land am liebsten von der Landkarte tilgen will; Adolf Hitler gilt ihm als faszinierende Persönlichkeit. Alles nur Rhetorik? Oder zeigt der Sturm auf die britische Botschaft eine neue Bereitschaft iranischer Hardliner zu aggressiverem Vorgehen?

Klar ist wohl: Israel, inoffizieller Atomwaffenstaat, wird nicht vor einem Präventivschlag zurückschrecken, um Iran von nuklearer Bewaffnung abzuhalten. Die Sorge der USA: Israel könnte auf eigene Faust handeln und seine Partner nicht vor einem Militärschlag kontaktieren. Der Nachrichtenagentur Reuters antwortete US-Generalstabschef Martin Dempsey auf die Frage, ob Israel die USA zeitig genug vor einem Angriff informieren würde: "Ich weiß es nicht."

Dempsey bestätigte demnach außerdem Differenzen zwischen den Vereinigten Staaten und Israel über den Umgang mit Irans Atomprogramm. Die USA seien überzeugt, dass Sanktionen und diplomatischer Druck der richtige Weg seien, so Dempsey. Gleichzeitig müssten aber "alle Optionen auf dem Tisch bleiben". Das bedeutet: Militärische Aktionen in der Zukunft dürfen nicht ausgeschlossen werden. "Ich bin mir nicht sicher, ob die Israelis unsere Einschätzung teilen", fügte Dempsey hinzu.

Den Amerikanern gilt ein Militärschlag gegen Iran gegenwärtig nicht als zielführend. Die Annahme ist, dass er das Atom(waffen)programm des Landes nur verzögern, nicht aber stoppen würde. Stattdessen hofft mancher Stratege auf einen Regimewechsel in Teheran. Doch seit der Niederschlagung der sogenannten Grünen Revolution im Jahr 2009 ist ein Hoffnungszeichen in dieser Richtung ausgeblieben.

insgesamt 150 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
derknecht 01.12.2011
1. fürchten?
Das bezweifel ich doch stark. Denke eher sie wünschen es sich. Der Angriff ist doch bereits seit langem geplant und nicht nur von israelischer Seite aus. Die USA warten doch nur drauf das sie helfen dürfen um die Menschenrechte zu verteidigen...
qqaayy 01.12.2011
2. Parallelen, Parallelen
Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, daß gab es alles schon mal. Die Welt, zumindest der Westen, steht am wirtschaftlichen Abgrund, der Systemabsturz, wenigstens der Reset droht. Ach was könnte ein Krieg doch heilsam sein. Dem Volk droht, ob der Existenzangst, die politische Radikalisierung, nach links, wie nach Rechts. Ein Messias droht mit der Rückkehr aus den Vereinigten Staaten um eine neue rechtskonservative Partei zu gründen. Würden sich nicht vielleicht auch Leute finden lassen, die gegen Bezahlung eine Botschaft stürmen? Wer diejenigen bezahlt hat, da kann man abwegigste Vermutungen anstellen...
heraldik 01.12.2011
3. Konflikt Nahost Alleingang Israel
Israel wird nie ohne Zustimmung der USA starten. Es wird nur nach außen so dargestellt damit die USA nicht sofort im öffentlichen Feuer stehen. Das dieser Konflikt jetzt gestartet wird ist das Ergebnis der Finanzkriese die durch den anstehenden Krieg elegant gelöst wird. Diese Entwicklung war absehbar, leider.
Frank Zappa 01.12.2011
4. Mir sind Ihre Behauptungen rätselhaft
Zitat von heraldikIsrael wird nie ohne Zustimmung der USA starten. Es wird nur nach außen so dargestellt damit die USA nicht sofort im öffentlichen Feuer stehen. Das dieser Konflikt jetzt gestartet wird ist das Ergebnis der Finanzkriese die durch den anstehenden Krieg elegant gelöst wird. Diese Entwicklung war absehbar, leider.
Haben Sie irgend einen Beweis dafür, dass dieser Konflikt das Ergebnis dieser Finanzkrise ist? Können Sie mir erklären, wie die Finanzkrise "elegant" durch einen Krieg gelöst werden soll.?
Reqonquista 01.12.2011
5. Sinnvoll?
Warum sollte Israel den Iran angreifen? Der Iran hat doch auch sein Recht an Atomwaffen, genauso wie Israel. Es würde dann wieder ein Gleichgewicht entstehen. Warum regen wir uns so darüber auf, überalle auf der Welt gibt es Atomwaffen und sie wurden seit 1945 nicht mehr eingesetz. Iran ist nur ein Papiertiger der sein Volk mit Anti Israel einen will und von den eigenen Schwächen damit ablenkt. Ein gemeinsames Feindbild solidarisiert! Sonst käme ja noch jmd auf die Idee die Mullahs zu kritisieren.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.