Konfrontation mit Finanzminister Medwedew lässt sich vorführen

Russlands Finanzminister Kudrin hat nach Medwedews Verzicht auf eine zweite Amtszeit offen die Konfrontation mit dem Kreml-Chef gesucht. Vor laufenden Kameras lieferten sie sich ein Wortgefecht, der Noch-Präsident feuerte den Putin-Vertrauten. Doch er wirkte dabei wie ein hilfloser Schuljunge.

Kontrahenten Kudrin, Medwedew: "Solange ich Präsident bin, treffe ich Entscheidungen"
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Kontrahenten Kudrin, Medwedew: "Solange ich Präsident bin, treffe ich Entscheidungen"

Von , Moskau


Als Dmitrij Medwedew, Russlands noch bis Mai amtierender Präsident, am Montag eine Atom-Forschungsanlage in der Wolgastadt Dimitrowgrad besuchte, konnte er den Ausführungen der Institutsleitung kaum folgen. Die Modernisierungskommission des Kremls sollte tagen, einst auf Medwedews eigene Initiative gegründet. Das Staatsoberhaupt aber stand geistesabwesend vor einer riesigen Forschungsanlage. Hinter einer Luke beschossen Wissenschaftler hochradioaktives Uran mit Neutronen, um Isotope zur Behandlung von Krebskranken zu gewinnen. Eine meterdicke Glasscheibe schirmte den Staatschef von dem strahlenden Material ab.

Vor den Attacken seines eigenen Finanzministers aber schützte ihn niemand. Alexej Kudrin, seit dem Jahr 2000 im Amt, hatte angekündigt, unter einem Premierminister Dmitrij Medwedew nicht mehr zur Verfügung zu stehen. "Ich habe viele Meinungsverschiedenheiten mit Medwedew bezüglich der Wirtschaftspolitik", sagte Kudrin. "Vor allem was die erheblichen Militärausgaben betrifft." Das war eine Ohrfeige für den noch amtierenden Präsidenten, der am Samstag seinen Abschied aus dem Kreml verkündet, gleichzeitig aber versprochen hatte, er wolle ab Mai 2012 Premierminister werden.

In Dimitrowgrad stellte er den Rebellen Kudrin zur Rede. "Solche Äußerungen, die in den Vereinigten Staaten gemacht wurden, sind unanständig", schimpfte der Präsident. Sie könnten "durch nichts gerechtfertigt werden". Trotz seines Entschlusses, bei den kommenden Präsidentschaftswahlen nicht anzutreten, habe "niemand die Disziplin und Hierarchie in der Regierung aufgehoben". Kudrin, drohte Medwedew, bleibe nur eine Möglichkeit: "Reichen Sie Ihren Rücktritt ein", sagte Medwedew und forderte eine sofortige Antwort.

Showdown vor laufenden Kameras

Der knorrige Finanzminister Alexej Kudrin ist der Architekt von Putins umsichtiger Finanzpolitik. In Moskau nennt man ihn auch "Mister Stabilität". Nach elf Jahren im Amt strebte der Wirtschaftsliberale aber offenbar nach Höherem. Russische Medien kolportierten, Kudrin wolle selbst im kommenden Frühjahr Premierminister unter Putin werden. In Dimitrowgrad suchte er die offene Kraftprobe mit Medwedew, dem Staatsoberhaupt auf Abruf.

Er werde seine Entscheidung treffen, "nachdem er sich mit dem Premierminister (Putin) beraten" habe, erwiderte Kudrin trocken.

Medwedew: "Wissen Sie, Sie können sich mit wem auch immer beraten, aber solange ich noch Präsident bin, treffe ich solche Entscheidungen selbst."

Kudrin: "Jetzt haben Sie doch mir vorgeschlagen, eine Entscheidung zu treffen."

Medwedew: "Sie sollten sich schnell darüber klar werden und mir heute eine Antwort geben."

Es war ein Showdown vor laufenden Kameras. Medwedews Wirtschaftsberater Arkadij Dworkowitsch, zwei Plätze neben seinem Präsidenten sitzend, strich während des Wortgefechts betreten über seine Finger. Wladislaw Surkow, der mächtige Vize-Chef der Präsidialamtsverwaltung, starrte ins Leere. Das Staatsfernsehen schnitt für die Abendnachrichten die brisantesten Stellen aus dem Wortgefecht heraus. Doch der Konflikt zwischen zwei von Putins mächtigsten Männern wirft Fragen auf: Wie belastbar ist das Bündnis zwischen Putin und Medwedew noch? Haben die Kreml-Strategen doch einen Fehler gemacht, als sie Putin schon jetzt zum neuen Präsidentschaftskandidaten ausriefen, Medwedew gleichzeitig aber zur "lame duck" degradierten?

Noch am Abend meldeten russische Medien, Kudrin habe seinen Rücktritt eingereicht. Der Kreml dementierte prompt: Medwedew selbst habe den störrischen Minister gefeuert.

Das Ansehen Medwedews schwindet rapide

Medwedews Getreue wenden sich frustriert ab. "Der Präsident hat sein Volk verraten", schreibt Anhänger "Sergej" im Internet. Wirtschaftsberater Dworkowitsch, bislang Medwedews Sherpa bei den G-8-Treffen, hatte noch vor kurzem verkündet, jedem Beobachter von Medwedew sei "klar, dass er eine zweite Amtszeit anstrebt". Nach der Rückzugsrede im Moskauer Eispalast am Wochenende aber twitterte er sarkastisch, die Halle sei einfach "besser zum Eishockey spielen" geeignet.

"Will Medwedew denn nicht den Bürgern, die ihm zugetraut haben, Garant ihrer Rechte und Freiheiten, ihr oberster Befehlshaber zu sein, erklären, warum er plötzlich entschieden hat, seinen Posten zu verlassen", fragt der Radiokommentator Wladimir Warfolomejew vom Sender "Echo Moskaus". Medwedews Verhalten sei "extrem respektlos" der Bevölkerung gegenüber.

Das Ansehen des Kreml-Chefs ist schwer beschädigt: Der Finanzminister hat vor aller Augen seine Autorität in Zweifel gezogen. Medwedew hat zwar den Machtkampf mit Kudrin gewonnen, doch nur um den Preis, dass er dabei wirkte wie ein Schuljunge.

Mitarbeit: Julia Brand



insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
syramon 26.09.2011
1. Blödsinn,
Zitat von sysopRusslands Finanzminister Kudrin hat nach Medwedews Verzicht auf eine zweite Amtszeit offen die Konfrontation mit dem Kreml-Chef gesucht. Vor laufenden Kameras lieferten sie sich ein Wortgefecht, der Noch-Präsident feuerte den Putin-Vertrauten. Doch er wirkte dabei wie ein hilfloser Schuljunge. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,788502,00.html
er hat sich mit Sicherheit mit seinem Freund Putin abgestimmt. Gehen sie mal davon aus. Es geht hauptsächlich immer im Russland. Politiker die ihr eigenes Land/Volk verraten wie bei uns, sind dort unbekannt.
rabenkrähe 26.09.2011
2. nene
Zitat von syramoner hat sich mit Sicherheit mit seinem Freund Putin abgestimmt. Gehen sie mal davon aus. Es geht hauptsächlich immer im Russland. Politiker die ihr eigenes Land/Volk verraten wie bei uns, sind dort unbekannt.
..... Spaßvogel. In wohl kaum einem anderen Land dieser Größenordnung in der Welt, werden die Bürger so veralbert und geringgeschätzt, wie in Rußland. Putin und Medwedew machen ausschließlich, was ihnen und ihrer Clique dient. Und der zu recht kritische Finanzminister kann froh sein, wenn er nicht hinter Gittern landet, oder gleich, völlig zufällig natürlich, sein Leben verliert. rabenkrähe
thomas-b 26.09.2011
3. Alles show
In Russlands Politik ist alles bis ins kleinste Detail geplant. Medwedew kam ins Amt wohl wissend, dass er nie ein richtiger Präsident sein würde. Nun soll Putin wieder etwas aufgebaut werden, denn neben dem jetzt NOCH schwächeren Medwedew wirkt Putin halt noch stärker als ohnehin schon. Darüber hinaus war Medwedews Politik immer Putins Politik. Die einzigen, die das nicht kapiert zu haben scheinen, waren Deutsche Politiker wie Christian Wulff.
Chilango 26.09.2011
4. anderes Land dieser Groessenordnung???
Zitat von rabenkrähe..... Spaßvogel. In wohl kaum einem anderen Land dieser Größenordnung in der Welt, werden die Bürger so veralbert und geringgeschätzt, wie in Rußland. Putin und Medwedew machen ausschließlich, was ihnen und ihrer Clique dient. Und der zu recht kritische Finanzminister kann froh sein, wenn er nicht hinter Gittern landet, oder gleich, völlig zufällig natürlich, sein Leben verliert. rabenkrähe
Aehem, es gibt kein anderes Land dieser Groessenordnung.
borisbender 26.09.2011
5. Deutscher Blickwinkel
Zitat von thomas-bIn Russlands Politik ist alles bis ins kleinste Detail geplant. Medwedew kam ins Amt wohl wissend, dass er nie ein richtiger Präsident sein würde. Nun soll Putin wieder etwas aufgebaut werden, denn neben dem jetzt NOCH schwächeren Medwedew wirkt Putin halt noch stärker als ohnehin schon. Darüber hinaus war Medwedews Politik immer Putins Politik. Die einzigen, die das nicht kapiert zu haben scheinen, waren Deutsche Politiker wie Christian Wulff.
Wer glaubt, dass in Russland etwas bis ins kleinste Detail geplant wird, hat eine viel zu deutsche Sicht auf die Dinge! Seit zwanzig Jahren muss ich mich immer wieder davon überzeugen, dass das Vorgehen in Russland mit deutscher Rationaltät nur schwer zu erfassen ist.
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