Kongo EU-Truppe rettet ausländische Botschafter aus Feuergefecht

Ein brennender Hubschrauber und wüste Schießereien - einen Tag nach Bekanntgabe der Wahlergebnisse wird der Kongo von Unruhen beherrscht. Aus der umkämpften Residenz von Vizepräsident Bemba brachten europäische Soldaten ausländische Botschafter in Sicherheit.


Kinshasa - In der kritischsten Phase der ersten freien und demokratischen Wahl im Kongo, regiert in der Hauptstadt Kinshasa das Chaos: Anhänger der beiden Konkurrenten, Präsident Joseph Kabila und Ex-Rebellenführer Jean-Pierre Bemba, liefern sich im Regierungsviertel bewaffnete Auseinandersetzungen. Bei einem Feuergefecht um die Residenz von Bemba gerieten am Montagabend dabei ausländische Botschafter in Gefahr.

Schießerei in Kinshasa: Eufor müht sich um ein Ende der Kämpfe
AFP

Schießerei in Kinshasa: Eufor müht sich um ein Ende der Kämpfe

14 Diplomaten der Gebergruppe Ciat waren in einem Haus eingeschlossen, in dem sie sich Bundeswehr-Oberstleutnant Peter Fuss zufolge mit Oppositionsführer Bemba getroffen hatten. Ein Diplomat berichtete, die Residenz habe eine gute halbe Stunde lang unter schwerem Beschuss gestanden, "wahrscheinlich von Flakgeschützen, Raketenwerfern und schweren Maschinengewehren". Bembas privater Helikopter sei zerstört worden und die Botschafter hätten im Keller des Gebäudes Zuflucht gesucht.

Der Vorfall war Anlass für den ersten Einsatz der europäischen Friedenstruppe EUFOR im Land. 150 Soldaten brachten die ausländischen Botschafter am Montagabend mit gepanzerten Fahrzeugen aus der Gefahrenzone, berichtete Eufor-Sprecher Fuss. "Wir haben sie dann da rausgeholt", sagte der Oberstleutnant. Spanische Eufor-Soldaten sowie ihre Kameraden aus Uruguay hätten die Straße freigehalten, damit die Botschafter das Haus verlassen konnten. Die Soldaten brachten sie in ein Uno-Quartier. Unklar war zunächst, ob auch der deutsche Botschafter sich in dem Haus aufhielt. Unter anderem soll Uno-Botschafter William Swing unter den betroffenen Diplomaten gewesen sein.

Kurze Zeit später beruhigte sich die Lage im Regierungsviertel offenbar wieder. "Nun hat sich die Lage Gott sei Dank stabilisiert, es wird kaum noch geschossen", sagte Fuss kurz vor Mitternacht. Deutsche Truppen waren bei der Aktion nicht zum Einsatz gekommen.

Gegenseitige Schuldzuweisungen für Schießerei

Angaben zu den Hintergründen des Feuergefechtes waren zunächst ungenau und auch widersprüchlich. Die gegnerischen Parteien der Bemba- und Kabila-Anhänger beschuldigen sich gegenseitig, die Unruhen verursacht zu haben. Der kongolesische Informationsminister Henri Mova Sakanyi sagte: "Alles hat damit angefangen, dass eine Zone geschaffen wurde, zu der die Ordnungskräfte keinen Zugang hatten, und mit der Verschleppung zweier Mitglieder der Republikanischen Garde auf das Gelände der Privatresidenz von Bemba." Um die Ordnung wiederherzustellen, mussten die Sicherheitskräfte eingreifen und auf "alle provokanten Handlungen" reagieren. Der Minister machte keine genaueren Angaben über eine mögliche Beteiligung der Republikanischen Garde an den Kämpfen vor der Residenz von Bemba.

Bembas Partei erklärte, Kabilas Leibwächter hätten das Wohnhaus des Vizepräsidenten beschossen. Bembas Sicherheitskräfte hätten zurückgeschossen, nachdem dessen Hubschrauber Feuer gefangen habe. Die kongolesische Militärführung forderte alle Soldaten in der Hauptstadt auf, in die Kasernen zurückzukehren und ihre Waffen niederzulegen. Nach Verkündung des vorläufigen Wahlergebnises war es am Sonntagabend in mehreren Stadtteilen zu schweren Schießereien gekommen, bei denen mindestens fünf Menschen getötet wurden.

Angesichts der Unruhen wurden sämtliche 1100 Soldaten der Eufor-Truppe, darunter 280 Deutsche, in erhöhte Einsatzbereitschaft versetzt. "Wir tragen jetzt alle unsere persönlichen Waffen, die Helme und die Splitterschutzwesten liegen griffbereit", sagte Fuss. Der EUFOR gehören 2000 Soldaten aus EU-Ländern an, unter ihnen knapp 800 Soldaten der Bundeswehr. Ziel der auf vier Monate begrenzten Mission ist es, die Wahlen und den Übergang zur Demokratie zu sichern.

Kabila und Bemba gehen in die zweite Runde

Nach dem am Sonntagabend bekanntgegebenen Wahlergebnis muss Kabila sich Ende Oktober in einer Stichwahl seinem Herausforderer und stärksten Rivalen Bemba stellen. Kabila verfehlte mit 44,81 Prozent der Stimmen in der ersten Wahlrunde vor drei Wochen die absolute Mehrheit.

Sein schärfster Konkurrent Bemba landete mit 20,03 Prozent auf dem zweiten Platz. Kabila sagte in einer Fernsehansprache, er sei sicher, dass ihm die Wähler bei der Stichwahl am 29. Oktober das Mandat für eine weitere Amtszeit erteilen würden. Er dankte seinen Anhängern, die ihm in der ersten Runde zum Sieg verholfen hatten. Das Resultat muss noch vom Verfassungsgericht bestätigt werden, das offizielle Endergebnis soll Ende August bekannt gegeben werden.

Unterdessen hat die belgische Fluggesellschaft SN Brussels Airlines (SNBA) wegen der Unsicherheit in der kongolesischen Hauptstadt die Flüge von Brüssel nach Kinshasa zunächst gestrichen. Ein Großraumflugzeug vom Typ Airbus 330 kehrte am Montag nach einer planmäßigen Zwischenlandung in Douala (Kamerun) nach Brüssel zurück, ohne nach Kinshasa weiter zu fliegen. "Es ist unmöglich, nach Kinshasa zu fliegen", sagte ein Sprecher der Fluggesellschaft, die an die Stele der insolventen Sabena trat. Die Entscheidung, den von 167 Passagieren gebuchten Flug von Kinshasa nach Brüssel zu streichen, sei "nach Rücksprache mit unseren Leuten an Ort und Stelle gefallen".

fok/dpa/ddp/Reuters/AP/AFP



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