Kongo-Krieg Massaker, Hungertod und dicke Geschäfte

3,5 Millionen Menschen sind in einem der grausamsten Kriege nach dem Zweiten Weltkrieg bereits getötet worden. Die Armeen aus Ruanda, Uganda, Angola und Simbabwe haben sich aus dem Kongo zurückgezogen, doch die Schlächtereien zwischen verfeindeten Stämmen und Rebellengruppen gehen weiter - und die Geschäfte mit Bodenschätzen ebenso.
Von Alexander Schwabe

Murati war froh. Er hatte zwei Kisten erhalten, voll gepackt mit gespendeten Medikamenten. Seine Freude währte jedoch nicht lange. Zwei Soldaten drangen in das kleine Gesundheitszentrum in Kabanda, Süd-Kavu, ein. Sie durchwühlten die Kisten, nahmen sich, was sie brauchen konnten und hielten dann ihre Gewehrläufe an Muratis Kopf. Der Krankenpfleger hielt nicht lange still. Eine innere Stimme befahl ihm, die Gewehrläufe zu packen, um sie von sich weg zu richten.

Der Kampf mit den Soldaten dauerte fünf Minuten. Dann schoss einer der Eindringlinge Murati zweimal ins Bein. Die Soldaten ließen den unter Schock stehenden Pfleger in seinem Blut liegen. Eine Schwester fand ihn später, verband seine Wunden und brachte ihn in einer Nacht- und Nebelaktion zu einer katholischen Missionsstation. Der Priester fuhr den Schwerverletzten - nachdem er die Frühmesse zu Ende zelebriert hatte - in ein Krankenhaus nach Bukavu an der kongolesisch-ruandischen Grenze. Dass ein Arzt Muratis Bein amputieren wollte, konnte er gerade noch verhindern. Nach 72 Tagen wurde er entlassen.

Murati kam in einem der grausamsten Kriege seit dem Zweiten Weltkrieg mit dem Leben davon. Unzählige andere starben in dem Krieg, den man auch den vergessenen nennt. Von 1998 bis September 2002 wurden allein in den fünf Ostprovinzen der Demokratischen Republik Kongo, dem früheren Zaire, zwischen drei und dreieinhalb Millionen Menschen abgeschlachtet.

Über Jahre hatten die Armeen Ruandas, Ugandas, Angolas und Simbabwes im Kongobecken immer wieder neue Gräueltaten begangen und rivalisierende Gruppen aufgerüstet. Seit ihrem Rückzug vor wenigen Wochen - einige Kommandos sind nicht abgerückt, einige Einheiten sind schon wieder zurückgekehrt - ist das Land jedoch keinesfalls befriedet.

Selbstbedienungsschatullen der Mächtigen

Der Abzug von rund 22.000 ruandischen, 10.000 ugandischen, 4000 angolanischen und rund 10.000 simbabwischen Soldaten hat zu einem Machtvakuum geführt. Immer neue Kämpfe flammen zwischen rivalisierenden Milizen und Stämmen auf. Skrupellose Banden beuten das Land aus und zögern nicht, ihre Interessen mit brutaler Gewalt durchzusetzen.

In dem Land, das so groß ist wie Westeuropa, herrscht in weiten Teilen Anarchie, obwohl - oder gerade weil - in der Hauptstadt Kinshasa Joseph Kabila an der Regierung ist. Es gibt keine öffentliche Ordnung mehr, weil sich die öffentlichen Kassen längst in Selbstbedienungsschatullen der Mächtigen verwandelt haben. Dies galt bereits unter Mobutu Sese Seko, dies galt unter Laurant Desirée Kabila und dies gilt auch für dessen Stiefsohn Joseph Kabila.

Die Abschöpfmentalität von Politikern und Militärs geht so weit, dass sie nicht einmal ihre eigenen Truppen bezahlen. Soldaten nehmen ihre Finanzierung daher selbst in die Hand. Mordend und plündernd ziehen sie durch Dörfer und Stadtbezirke und leben auf Kosten der Bevölkerung, die sie zu beschützen hätten.

Das "Elite-Netzwerk"

Die Uno spricht von einem "Elite-Netzwerk" aus Militärs, Politikern und Geschäftsleuten, die sich Konzessionen an Gold-, Diamanten-, Kupfer-, Kobalt- und Coltanminen gesichert haben. Für teures Geld holte Kabila Schutztruppen ins Land. Simbabwes Diktator Robert Mugabe etwa verdient durch die militärische Präsenz im Kongo genug, um sich im eigenen Land an der Macht zu halten. Angolas Staatschef José Eduardo dos Santos, ebenfalls Unterstützer Kabilas, ist mit seinen Truppen zudem im Kongo, um mögliche Rückzugsgebiete der angolanischen Widerstandsbewegung Unita zu versperren.

Um im Sattel zu bleiben, gingen die Machthaber in Kinshasa alle möglichen dubiosen Geschäfte ein. Nicht nur mit belgischen, südafrikanischen, französischen und amerikanischen Firmen schlossen sie Joint ventures, sondern auch mit der Volksrepublik China und mit Nordkorea.

Uran-Geschäfte mit Nordkorea

In einem Expertenbericht der Uno an den Weltsicherheitsrat heißt es: "Die Regierung der Demokratischen Republik Kongo hat in ihrem Bemühen, ihr Territorium zu verteidigen und die Versorgung mit Kriegsmaterial zu sichern, einen Vertrag im Wert von mehreren Millionen US-Dollar mit der Volksrepublik China abgeschlossen." Dafür bekämen die Chinesen eine Minenkonzession.

In dem Deal mit Nordkorea wurde vereinbart, dass die Nordkoreaner kongolesische Kämpfer ausbilden. Dafür bekamen sie laut Uno-Bericht eine Konzession für Uranminen im Gebiet von Shinkolobwe. In der bereits radioaktiv verseuchten Region bauten schon die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg Material für die Hiroshima- und Nagasaki-Bombe ab.

Im Gebiet der Kabila-feindlichen Kräfte sieht es nicht anders aus: Im Osten tobt ein chaotischer Krieg zwischen Clans, Stämmen, Milizen und Rebellenorganisationen, die von Uganda oder Ruanda weiterhin entweder unterstützt oder bekämpft, jedenfalls gegeneinander ausgespielt werden. Indem sie die ethnischen Konflikte am Köcheln halten, machen die Machthaber in Kigali, Paul Kagame, und Kampala, Yoweri Kaguta Museveni, kräftig Reibach.

Getötet und in Teile zerhackt

Im Südosten bekämpfen sich Mai-Mai-Krieger, darunter viele Kindersoldaten, Soldaten der "Bewegung für die Befreiung Kongos" (MLC) und der ruandisch unterstützten, völlig zersplitterten Rebellenbewegung RCD ("Kongolesische Sammlung für Demokratie"). Weiter nördlich kommt es zu erbitterten Schlachten zwischen Lendu und Ngiti und verfeindeten Bira und Hema, die von Uganda unterstützt werden. Allein im Krieg dieser Stammesgruppen wurden in den vergangenen Jahren rund 30.000 Zivilisten umgebracht.

In den Orten nahe des Albertsees hat sich in den vergangenen Wochen alles geändert. Die an Infrastruktur ohnehin schwache 100.000-Einwohner-Stadt Bunia, wichtig für den Goldhandel, ist um das Fünffache angewachsen. Aus Boga, Bischofssitz der Anglikaner, flohen rund 5000 Menschen nach Uganda, weil die Stadt über dem See von einem benachbarten Stamm angegriffen worden war. In Nyankunde, 45 Kilometer westlich von Bunia, starben bei einem Massaker im September mindestens 600 Menschen. "Die Schlachterei ging über das hinaus, was man sich vorstellen kann", berichtet ein Augenzeuge, der nicht genannt werden will, weil er Repressionen fürchtet. Menschen wurden getötet und in Teile zerhackt.

In der Region Ituri kommt es immer wieder zu blutigen Zusammenstößen zwischen Bahemas und Balendus. In Uvira, südlich von Bukavu, in Dungu an der sudanesischen Grenze, in Kisangani, dem früheren Stanleyville, im Herzen des Kongo, gab es Gemetzel und heftige Kämpfe. Uno-Einheiten sind zwar mit rund 4000 Mann im Kongo stationiert, in die Kämpfe aber greifen sie nicht ein.

Reiches Land, bitterarme Bevölkerung

Der Krieg trifft alle. Die Zahlen sind erschreckend: Die Sterblichkeitsrate bei Kindern unter fünf Jahren ist auf 35 Prozent angestiegen, berichtet die Uno. Die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" hat eine Studie vorgelegt, aus der hervorgeht, dass im Süden Katangas ein Viertel der Kinder ihren zweiten Geburtstag nicht erleben.

Allein im nördlichen Katanga mussten 350.000 Menschen ihre Heimat verlassen. Unter der Landbevölkerung Nord-Kivus sind vier von fünf Bewohner seit 1998 mindestens einmal auf Grund der Bürgerkriegswirren vertrieben worden - die höchste Zahl von Zwangsvertriebenen, die in Afrika je festgestellt worden ist.

Der jahrelange Krieg hat zu Gesetzlosigkeit geführt. Immer mehr Frauen werden vergewaltigt, immer öfter werden Kinder rekrutiert oder in die Minen geschickt, wo sie sich beim Abbau wertvoller Bodenschätze schinden müssen.

Geplünderte Farmen und zerstörtes Ackerland haben dazu geführt, dass auf den Märkten kaum noch etwas angeboten wird. Die schlechte Ernährungslage wiederum lässt die Anfälligkeit für Krankheiten steigen. Kriminelle Banden tun ihr übriges. In Bunia etwa haben Milizen die Wasserversorgung auf dem Gebiet eines Stammes zerstört, um die Bewohner der armseligen Hütten zu zwingen, aus dem Fluss zu trinken und sich die Cholera zu holen.

Arbeit zu finden ist inzwischen aussichtslos. 90 Prozent der Bevölkerung lebt von weniger als einem Dollar pro Tag, nimmt gerade mal eine Mahlzeit am Tag zu sich. Frauen sehen sich in die Prostitution getrieben, um überleben zu können. Die hygienischen Verhältnisse sind miserabel, Geschlechtskrankheiten nehmen zu. Die Aids-Quote steigt. Die Krankenversorgung liegt nach unzähligen Plünderungen am Boden. Murati weiß: Kisten voller Medikamente kommen selten.

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