Konservative Maskerade Dekolleté statt Kampfanzug

Washington, London, Berlin: In den Zentren der westlichen Welt hat ein politischer Wandel eingesetzt, der die Koordinaten nach links verschiebt. Als besonders anpassungsfähig erweisen sich ausgerechnet die Konservativen - mit ihrem Versprechen, Unvermeidbares sanft zu moderieren.
Von Gabor Steingart

Die Konservativen häuten sich. Weltweit streifen sie den Kampfanzug ab, um in freundlicheren Farben vor ihr Publikum treten.

George W. Bush brannte sich in unser Gedächtnis mit den Worten Angriffskrieg und Guantanamo ein. John McCain, der die amerikanischen Republikaner in den nächsten Wahlkampf führen wird, präsentiert sich hingegen als Konservativer mit menschlichem Antlitz. Er will das Straflager schließen, der CIA das Foltern verbieten und verspricht, sich für den Klimaschutz einzusetzen.

Der junge David Cameron, der in London die Tories anführt, hat mit Maggie Thatcher so viel gemein wie die heutige Bundeswehr mit der Wehrmacht. Wäre die Eiserne Lady noch im Geschäft, würde sie ihn wohl einen Bastard nennen.

Ihr Kriegsgeschrei lautete: Flexibilisierung, Deregulierung, Privatisierung. Es gibt nichts, was wir Gesellschaft nennen könnten, sagte sie einst. "There is no such thing as society."

Cameron sagt, die Welt sei reicher, aber die britische Gesellschaft ärmer geworden: "Wir gehören alle zusammen und dürfen keinen zurücklassen."

In Schweden heißen die Konservativen jetzt Die "neuen" Moderaten

Überall im Westen die gleiche Maskerade. Die Konservativen vom Schlage Strauß, Goldwater und McCarthy wurden aus dem Parteigedächtnis gelöscht. In Schweden haben sich die Konservativen (Moderaten) sogar umbenannt, sie nennen sich jetzt die "neuen" Moderaten.

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel vollzieht die Häutung sogar im Regierungsamt, was eine hohe Kunstfertigkeit erfordert. Als Oppositionsführerin waren ihr die Reformen der SPD-geführten Regierung zu klein, nun wird das Kleine weiter geschrumpft. Vorher hieß es: streichen, kürzen, Zähneklappern. Heute gibt es mehr Geld für Rentner, Wohngeldbezieher und Hartz-IV-Empfänger. Früher zeigte sie Härte, heute ihr Dekolleté.

Die Verwandlung der Konservativen ist kein lokales Ereignis. Das Geschehen folgt einem globalen Trend, der alle westlichen Wohlstandsgesellschaften erfasst hat. Drei Orte symbolisieren den Wandel: Bagdad, Peking, New York.

In Bagdad erlebten die konservativen Militärstrategen ihr Waterloo. Die teuerste Armee der Welt kann auch nach dem fünften Jahrestag des Einmarsches den Irak nicht befrieden. Die Botschaft ist klar: Das Militär ist wichtig, kann aber die Diplomatie nicht ersetzen. Nun hält die Wählerschaft in den USA Ausschau nach einem, der beidhändig Klavier spielen kann.

Peking setzt mit seinem frühzeitlichen Kapitalismus die halbe Welt unter Anpassungsdruck. Hungerlöhne, Umweltverschmutzung, Ideenklau und ein unzureichendes soziales Sicherheitsnetz: Der Westen konkurriert mit seiner eigenen Vergangenheit. Seit auch die Mittelklasse fröstelt, sind Politiker mit Beschützerqualitäten gefragt.

New York ist seit jeher eine Heimstatt der Spekulanten. Immobilienkrise und Hedgefonds-Boom haben diesen Ruf erneuert. Millionen machten am eigenen Leib die Erfahrung, dass auf eine Geldanlage an der Wall Street kein Verlass ist. Sie kann strahlen wie ein Diamant - oder stinken wie eine tote Katze. Kein Wunder also, das der Wähler sich einen Politikertypus wünscht, der die unsichtbare Hand des Marktes, von der Adam Smith einst sprach, mit der eisernen Hand des Staates zu kombinieren weiß.

Gefragt ist nicht Radikalität - sondern Rückversicherung

Nützt der politische Klimawandel eher den Linken? Das ist nicht ausgemacht. Womöglich sind Konservative auf die Begleitung der Veränderung sogar besser vorbereitet. Sie verteidigen seit jeher den Status Quo. Ihr Gencode macht sie zur Partei der Langsamkeit.

Die Bevölkerung erwartet keine Konterrevolution gegen die Zeitläufe, sondern eher eine Moderation des Unvermeidbaren. Alles Radikale lehnt sie ab, heute sogar mehr denn je. Denn Veränderungen gibt es genug, da soll nicht noch eine mutwillige Änderung der Lebensverhältnisse dazukommen. Der Wechsel, den die Menschen sich wünschen, ist nicht der Wechsel ihres Lebens, sondern der Wechsel jener Kräfte, die ihr Leben durcheinanderwirbeln. Cameron, sagt einer seiner Berater, gehe es um "reassurance, not radicalism", um Rückversicherung, nicht um Radikalität.

Die Wähler sind ja keineswegs über Nacht Überzeugungslinke geworden; sie sind, wenn man so will, eher Angstlinke. Sie fürchten sich vor einem Wettbewerb, der sie überfordert. Sie fürchten sich vor einem Krieg, den sie nicht gewinnen können. Sie fürchten sich vor einer Umwelt, die sich rächen könnte.

Ist die Entwicklung zu einem gemäßigten, in Teilen auch opportunistischen Konservatismus damit unumkehrbar? Mit Sicherheit nicht. In jeder Bewegung steckt bereits die Gegenbewegung. Innerhalb der konservativen Parteien grummelt es, in Deutschland, in London, auch in Amerika.

Wenn die Anpassungsleistung nicht mit Wahlsiegen belohnt wird, naht der Tag der parteiinternen Abrechnung. Was heute klug genannt wird, wird dann Verrat heißen.

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