Kopftuch-Urteil Festnahmen nach Todesschüssen auf türkischen Richter

Entsetzen und Empörung in der Türkei: Mehr als 15.000 Menschen demonstrieren gegen den Mord an einem Richter. Jetzt nahm die Polizei zwei weitere Verdächtige fest. Der Schütze hatte erklärt, er habe den Juristen aus Rache erschossen - wegen seines Urteils zum Kopftuchverbot.


Ankara - Wie der türkische TV-Sender NTV berichtete, sollen die beiden Festgenommenen in den Anschlag auf den ranghohen Richter des obersten Verwaltungsgerichts verwickelt sein. Die Polizei war zunächst nicht zu einer Stellungnahme bereit. Bei dem Überfall waren gestern ein Richter getötet und vier seiner Kollegen durch Schüsse verletzt worden. Die Polizei nahm den Schützen unmittelbar nach der Tat fest. Als Motiv gab der islamische Extremist Rache für ein Urteil des Gerichts zum Kopftuchverbot an.

In Ankara demonstrierten mehr als 15.000 Menschen gegen den Mordanschlag. Die Demonstranten, unter ihnen zahlreiche Anwälte und Richter, zogen vor das Mausoleum von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk in Ankara, wo sie einen Kranz niederlegten. Einige der Demonstranten trugen die türkische Flagge bei sich und skandierten "Die Türkei ist säkulär und wird säkulär bleiben." Die Kundgebung wurde von mehreren Fernsehsendern live übertragen. Unter den Demonstranten waren auch zahlreiche Gewerkschaftsvertreter und Arbeiter. Auch zur Beerdigung des getöteten Richters Mustafa Yücel Ozbilgin wurden Tausende Trauernde erwartet.

Vier der attackierten Richter, unter ihnen Ozbilgin, wirkten im Februar an einem Urteil gegen die Beförderung einer Grundschullehrerin mit, die außerhalb der Schule ein Kopftuch getragen hatte. Die Polizei nahm den Schützen nach der Tat fest. Am Donnerstag wurden zwei weitere Personen in Gewahrsam genommen, mit denen der Täter vor dem Anschlag telefoniert hatte.

Die Tat stieß in der Türkei und international auf Empörung. "Das ist der 11. September der Türkischen Republik", schreib die Tageszeitung "Hürriyet" am Donnerstag in einem Leitartikel. "Eine der Hauptsäulen des Systems, die Justiz, wurde getroffen. Das ist ein Anschlag gegen uns alle." Nach türkischem Recht dürfen Frauen mit Kopftuch keine Schulen und anderen öffentlichen Gebäude betreten. Kopftuch tragende Ehefrauen von Ministern werden nicht zu Regierungsveranstaltungen und Staatsbanketten zugelassen. Die konservativ-religiöse Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan setzt sich für die Abschaffung des Kopftuchverbots ein.

phw/AP/Reuters



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