Koranfeindliches Video "Meine Karikatur muss aus Wilders' Film raus"

Der Prophet Mohammed mit Bomben-Turban: Mit diesem Bild beginnt das koranfeindliche Video des niederländischen Rechtspopulisten Wilders. Der Däne Kurt Westergaard hat es gezeichnet - und erklärt im SPIEGEL-ONLINE-Interview, warum er jetzt gegen Wilders klagt.


SPIEGEL ONLINE: Herr Westergaard, der koranfeindliche Film des niederländischen Politikers Geert Wilders startet mit Ihrer Karikatur, die Mohammed mit einer Bombe als Turban zeigt. Sie haben rechtliche Schritte gegen Wilders angekündigt. Warum?

Westergaard: Die dänische Journalistengewerkschaft wird eine einstweilige Verfügung gegen Wilders Film beantragen. Meine Karikatur muss aus dem Film genommen werden. Denn ich wehre mich dagegen, dass meine Zeichnung aus ihrem ursprünglichen Kontext gerissen wird. Mein Cartoon sollte auf fanatische islamistische Terroristen abzielen - also nur auf einen kleinen Teil des Islam. Die Karikatur richtete sich nicht gegen die muslimische Gesellschaft an sich. Das war absolut nicht meine Absicht.

SPIEGEL ONLINE: Diese Intention sehen Sie aber bei Wilders?

Westergaard: Wilders verallgemeinert stark und nimmt Muslime grundsätzlich als potentielle Terroristen wahr. Ich kenne aber viele Muslime in Dänemark, die in vollkommener Übereinstimmung mit der Demokratie leben - und für die ihre Religion Privatsache ist. Und ich hoffe, dass sich alle Muslime an die säkulare Gesellschaft anpassen. Im Moment gibt es heftige Reibereien zwischen der christlichen und der muslimischen Kultur. Aber ich bin sicher, dass unsere westliche Demokratie sich gegen die dunklen Spielarten des Islam durchsetzen wird.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind auch gegen eine dänische Gruppe, die vor der Islamisierung Europas warnt, vorgegangen, weil sie Ihren Cartoon benutzt hat. Warum?

Westergaard: Aus denselben Gründen, aus denen ich gegen Wilders vorgehe. Ich weiß, dass ich es nicht immer verhindern kann, dass meine Zeichnung von anderen genutzt wird. Sie ist mittlerweile zu einer Ikone geworden. Wenn ich aber die Möglichkeit habe, gegen Missbrauch vorzugehen, tue ich es.

SPIEGEL ONLINE: Ähnlich wie Wilders werden Sie von radikalen Muslimen bedroht und stehen unter ständigem Polizeischutz. Haben Sie Angst, dass sich Ihre Situation noch verschlechtert, weil Sie jetzt direkt mit Wilders' Thesen in Verbindung gebracht werden?

Westergaard: Ich habe heute noch nicht mit meinem Agenten vom Geheimdienst PET gesprochen, was ich sonst fast jeden Tag tue. Aber ich bin informiert über die Gefahrensituation.

SPIEGEL ONLINE: Nachdem im Februar vorübergehend mehrere Männer festgenommen wurden, die einen Mordanschlag auf Sie geplant haben sollen, hat Ihre Frau ihren Job verloren. Ihr Arbeitgeber wollte nicht mehr für Ihre Sicherheit garantieren. Vermissen Sie Verständnis für Ihre Situation?

Westergaard: Nein, darüber kann ich mich nicht beklagen. Meine Frau hat ihren Job mittlerweile auch zurück.

SPIEGEL ONLINE: Wilders kann seine Ehefrau nur alle ein, zwei Wochen sehen. Für Sie war Weihnachten die einzige Möglichkeit, Ihre Familie zu treffen. Ist das ständige Versteckspiel nicht eine große Belastung für persönliche Beziehungen?

Westergaard: Ja, das ist sehr deprimierend. Gestern mussten wir das siebte Mal seit November unsere Wohnung wechseln. Ich weiß nicht, wie lange es dauert, bis wir wieder nach Hause können. Aber ich habe meinen Mut nicht verloren. Die Bedrohungen machen mich einfach wütend.

SPIEGEL ONLINE: Geert Wilders hat die dänische Regierung und die dänische Gesellschaft gelobt. Anders als die niederländische Regierung würden die Dänen nicht vor Muslimen einknicken. Wie empfinden Sie dieses Lob von einem rechtsgerichteten Politiker?

Westergaard: Ich war immer dafür, dass Wilders die Freiheit hat, seinen Film zu machen und zu zeigen. Und in Dänemark hätte es keinen Politiker gegeben, der gesagt hätte, man solle den Film lieber nicht zeigen. Insofern ist das ein Unterschied zu den Niederlanden - aber ich will mich nicht in die holländische Politik einmischen. Ich kann nur für mein Land sprechen.

SPIEGEL ONLINE: Bereuen Sie es heute manchmal, Mohammed mit der Bombe am Turban gezeichnet zu haben?

Westergaard: Nein, denn ich bin überzeugt davon: Wenn es nicht die Karikaturen gewesen wären, hätte ein Buch, ein Film oder ein Theaterstück den Proteststurm unter Muslimen ausgelöst. Wir müssen jetzt da durch. Und ich hoffe, dass unsere muslimischen Landsleute begreifen, was es bedeutet, in einer Demokratie zu leben. Selbst wenn man gegen Demokratie ist, kann man in ihr leben, wenn man mit friedlichen Mitteln kämpft. In Dänemark sagen wir, dass die Demokratie mit ihren Feinden ins Bett geht - nicht aus Begierde, sondern aus Prinzip.

Das Interview führte Anna Reimann



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