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27. April 2018, 14:32 Uhr

Treffen zwischen Nord- und Südkorea

High Moon

Eine Analyse von , Seoul

Das Treffen zwischen Südkoreas Präsident Moon Jae In und dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong Un ebnet den Weg für den Gipfel mit US-Präsident Donald Trump. Davon hängt ab, ob der Atomstreit friedlich gelöst wird.

Eine kleine Abweichung vom Programm des Nord-Südgipfels gab es dann doch. Für einen Moment nahm Nordkoreas Diktator Kim Jong Un seinen Gastgeber, Südkoreas Präsident Moon Jae In, bei der Hand und tat mit ihm einen Schritt auf die nördliche Hälfte der geteilten Halbinsel. Mit dieser jovialen Geste bewies Kim erneut, wie geschickt er derzeit Regie führt bei der Annäherung zwischen Nord und Süd.

Ansonsten aber überließen Moon und Kim kaum etwas dem Zufall in Panmunjom, dem Grenzposten, an dem sie sich trafen. Jeder Meter war seit Tagen vermessen und abgeschritten worden von Vertretern beider Seiten, jeder Händedruck vorher durchgespielt. Denn der Wert des Gipfels lag in der Symbolik, er soll den Weg bereiten zu dem eigentlichen, alles überragenden Polit-Spektakel: dem Gipfel zwischen US-Präsident Donald Trump und Diktator Kim Jong Un.

Von diesem Treffen zwischen Trump und Kim, das Ende Mai oder Anfang Juni stattfinden soll, hängt nun ab, ob der Atomstreit auf der koreanischen Halbinsel friedlich gelöst werden kann.

Grundsätzliche Bereitschaft nuklear abzurüsten

Gemessen an diesem Ziel war die heutige Begegnung zwischen Moon und Kim eine gelungene Generalprobe. Sie setzt die Charmeoffensive fort, mit der Kim seit Anfang des Jahres die Welt verwundert: Erst erklärte er sein Nuklearprogramm für abgeschlossen, dann schaltete er um auf Entspannung. Und dann, mit dem neuen Selbstbewusstsein der Atommacht, signalisierte er seine grundsätzliche Bereitschaft, nuklear abzurüsten.

Diese Bereitschaft haben die beiden Koreas heute, in ihrer Gipfel-Deklaration, bekräftigt. Gemeinsam strebe man eine "vollständige Denuklearisierung" auf der Halbinsel an, verkündete Moon, während Kim neben ihm stand. Kim sagte anschließend dabei nichts zur Denuklearisierung. Aber er hat die Erklärung unterschrieben. Diese ist zwar vage, könnte aber die Erwartungen nähren, dass Kim und Trump den Atomstreit beilegen können.

Die Aufgabe ist gewaltig. Und Moon dürfte den heutigen Gipfel dazu genutzt haben, den Diktator zu konkreten Zugeständnissen im Atomstreit mit den USA zu drängen. Gelegenheit dazu hatte er reichlich bei einem ungewöhnlichen Spaziergang; Dabei saßen beide Führer über eine halbe Stunde ohne Begleitung auf einer blauen Brücke und redeten intensiv miteinander. Allein dieser Austausch, obwohl ebenfalls geplant, zeigt, wie sich die Situation entspannt auf der Halbinsel.

Anders als bei den beiden früheren Nord-Süd-Gipfeln 2000 und 2007 war zwar diesmal von Euphorie eher wenig zu spüren. Trotzdem verdient das Treffen die Bezeichnung "historisch": Zum ersten Mal überschritt ein Führer des Nordens den 38. Breitengrad, die schwer bewachte Demarkationslinie zwischen den beiden Koreas, Richtung Süden - wenn auch nur um knapp 200 Meter. "Eine neue Geschichte beginnt nun", schrieb Kim ins Gästebuch im "Haus des Friedens", dem Tagungsort in Panmunjom.

Ohne USA und China können Nord und Süd keinen Frieden aushandeln

Allein die Tatsache, dass Nord und Süd auf höchster Ebene miteinander reden, ist ein Fortschritt. Im vergangenen Jahr ignorierte Kim noch die Gesprächsofferten von Moon; mit seinen Atom- und Raketentests fachte er die Spannungen immer weiter an.

Aber das heutige Treffen macht auch klar: Nord und Süd besitzen auf bilateraler Ebene kaum Spielraum, um gemeinsam Frieden auf der Halbinsel zu schaffen. Das gilt gerade für ihre heutige Absichtserklärung, einen "dauerhaften und stabilen Frieden" auf der Halbinsel anzustreben. Er soll den Waffenstillstand ersetzen, der seit Ende des Koreakriegs (1950-53) in Kraft ist. Ein ähnliche Ankündigung gab es schon 2007. Nur: Ohne die übrigen Kriegsbeteiligten, die rivalisierenden Supermächte USA und China, können Nord und Süd keinen Friedensvertrag aushandeln. Und das dürfte nicht einfach werden.

Anders als bei früheren Nord-Süd-Gipfeln verkündeten Moon und Kim diesmal keine konkreten neuen Wirtschaftsprojekte. Solange der Atomstreit nicht gelöst ist, bleiben die Sanktionen der Vereinten Nationen gegen den Norden in Kraft.

Und so richtet sich der Blick nun erst recht auf das kommende Treffen zwischen Trump und Kim. Der Gipfel der beiden Superegos, die sich unlängst noch als "kleiner Raketenmann" und "seniler Greis" beschimpften, stellt schon jetzt alle anderen globalen Termine in den Schatten. Er könnte in Asien stattfinden, denn Kims Flugzeuge können nur wenige tausend Kilometer am Stück fliegen. Doch wichtiger als der Ort wird das Ergebnis sein: Wenn Kim seine Strategie des Lächelns so weiter treibt, wie heute in Panmunjom, könnte der Gipfel mit Trump einen historischen Durchbruch bringen.

Beide Koreas könnten tatsächlich mit Friedensgesprächen beginnen

Nicht auszuschließen ist, dass Kim den USA gar einen kompletten Verzicht auf Atomwaffen anbietet. Im Gegenzug könnte Trump ihm die Aufnahme diplomatischer Beziehungen und wirtschaftliche Hilfen gewähren.

Eine solche Einigung könnte geopolitisch eine Menge in Bewegung bringen: Nordkorea könnte sich aus der ungeliebten Abhängigkeit vom übermächtigen China befreien, sich gegenüber dem Rest der Welt öffnen und seine Wirtschaft modernisieren. Und die beiden Koreas könnten tatsächlich beginnen, was sie heute in Aussicht stellten: Friedensgespräche.

Soweit das Traum-Szenario, auf das der Entspannungspolitiker Moon beharrlich hinarbeitet. Doch die Hürden sind enorm: Zunächst einmal müssen die USA und Nordkorea sich darauf einigen, was sie überhaupt unter "Denuklearisierung" verstehen. Trump pocht darauf, dass der Norden sofort beginnt, sein Atomarsenal abzubauen, unumkehrbar. Kim hat bislang nur eine schrittweise Abrüstung der Atomwaffen angedeutet, auf die er seine Macht stützt.

Und selbst wenn Kim sich jemals verpflichtet, auf sein Atomprogramm zu verzichten: Wie lassen sich seine Zusagen überprüfen? Schon früher hat der Norden ein Versprechen nach dem anderen gebrochen - um dann weiter atomar aufzurüsten.

Umgekehrt dürfte sich aber auch Diktator Kim fragen, wie viel er auf mögliche Zusagen der USA geben kann. Denn derzeit droht Trump ausgerechnet jene Errungenschaft aufzukündigen, die als Orientierungshilfe für eine Lösung des koreanischen Nuklearstreits dienen könnte: das Atomabkommen mit Iran. Kim dürfte sehr aufmerksam verfolgen, wie der Präsident sich entscheidet.

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