Korruption in Thailand Der nette Herr Supoj mit den Millionen im Keller

Im thailändischen Transportministerium verdient man nicht schlecht, aber wie kam Staatsdiener Supoj Saplom an Millionen? Einbrecher fanden im Keller des Hauses ein Vermögen - jetzt diskutiert das ganze Land über den Fall. Eine Geschichte von Lügen und Korruption.
Von Freddy Surachai

Supoj Saplom war immer ein achtenswerter und geachteter Mann. Mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern bewohnt er ein stattliches Anwesen in der Lat-Phrao-Straße in Bangkok. Das große, schmiedeeiserne Tor ist reich mit Gold verziert, wie es die Thais lieben. Jeden Morgen holte ihn eine Dienstlimousine ab. Er ließ sich in sein Büro im Transportministerium fahren, wo er eine Art beamteter Staatssekretär war. Kurz: Supoj Saplom und seine Familie führten das angenehme Leben einer begüterten thailändischen Familie.

Das änderte sich schlagartig am 12. November. Eigentlich sollte es ein Freudentag für Supoj und seine Familie werden: Die jüngste Tochter heiratete einen Amerikaner, mit dem sie nach Dubai übersiedeln wollte. Vater Supoj wollte eine Million Baht (umgerechnet etwa 25.000 Euro) Mitgift springen lassen. Doch die Hochzeitsfeier geriet für ihn und seine Familie zum Albtraum - und wuchs sich zu einer Räuberpistole im Hollywoodformat aus.

Denn am Abend des 12. November erstattete Supoj bei der Polizei seines Wohnbezirks Anzeige, die Mitgift sei geklaut worden. Später gab er an, insgesamt seien sogar fünf Millionen Baht aus dem Keller seines Hauses entwendet worden. Die Polizei wurde, wie es sich bei einem so prominenten Bürger gehört, sofort aktiv. Mit Hilfe der Überwachungskameras wurden schnell zwei Verdächtige festgenommen.

Von da an wurde der Fall Supoj mysteriös. Denn die Festgenommenen plauderten bereitwillig aus, dass sie zu einer größeren Gang gehörten und insgesamt 200 Millionen Baht aus dem Keller des Staatssekretärs gestohlen hätten. 18 Millionen wurden bei ihnen und vier weiteren festgenommenen Gangmitgliedern sichergestellt. Die restlichen rund 180 Millionen, so gaben sie zu Protokoll, habe ihr Bandenchef in Laos in Sicherheit gebracht. Und in Plastiksäcken und Pappschachteln verpackt sei noch viel mehr Geld in dem Supoj-Anwesen versteckt gewesen, insgesamt wohl eine Milliarde Baht, schätzten die Räuber. Mehr jedenfalls, als sie hätten tragen können.

Gegenseitige Vorwürfe zwischen Regierung und Opposition

Politik, Polizei, das Anti-Geldwäsche-Büro (AMLO) und die Nationale Anti-Korruptions-Kommission (NACC) gerieten in helle Aufregung. Woher, so fragten sich alle, konnte ein biederer Beamter so viel Geld haben? Der Fall machte Schlagzeilen. Supoj selbst erklärte im Brustton der Überzeugung, er sei unschuldig, habe sich nichts vorzuwerfen und sei wahrscheinlich Opfer eines Komplotts geworden. "Ich hätte doch nie eine Anzeige erstattet, wenn ich etwas zu verbergen gehabt hätte", klagt er nicht ohne eine gewisse Logik. Bei einer Überprüfung seiner Konten fand die Polizei allerdings 28 Millionen Baht, ein Vielfaches dessen, was er in seinem Ministerium im Jahr verdient. Haus und Grundbesitz wurden auf 50 Millionen Baht geschätzt. Inzwischen wird sogar grenzübergreifend nach Finanztransaktionen des Beamten geforscht.

Für Vize-Premier Chalerm Yubamrung war die Sache schnell klar: Es handele sich um Bestechungsgeld, erklärte er dem Parlament. Geflossen sei es im Zusammenhang mit dem Bau von zwei Eisenbahnlinien, die noch die Vorgängerregierung in Auftrag gegeben habe. Das Geld, das bei der Vergabe des Auftrags an eine japanische Firma geflossen sei, sei unter den oberen Rängen im Transportministerium aufgeteilt worden. Der frühere Transportminister Sohpon Zarum versicherte eilig, er habe damit nichts zu tun. Er drohte Chalerm mit einer Verleumdungsklage. Seitdem belegen sich Regierung und Opposition gegenseitig mit Korruptionsvorwürfen, Verdächtigungen und Spekulationen.

Gesetze sind vorhanden, jedoch schwer umzusetzen

Supoj wurde vorsorglich von seinem Posten entfernt und - bis zur Klärung der Vorwürfe gegen ihn - auf einen "inaktiven" Job im Büro der Premierministerin versetzt. All die Jahre im Transportministerium hatte der vermeintlich so rührige Beamte allerdings an der Quelle gesessen: Alle großen und lukrativen Staatsaufträge gingen über seinen Schreibtisch - der Bau von Eisenbahnlinien, Straßen, Hafenanlagen, auch Bangkoks Hochbahn, der "Skytrain", und die U-Bahn der Stadt.

Es war ein verführerischer Job: Die Universität der thailändischen Handelskammer hat in einer Umfrage herausgefunden, dass 80 Prozent aller Unternehmen fest davon ausgehen, dass bei der Vergabe von Regierungsaufträgen Schmiergeld fließen muss. 71 Prozent der befragten Unternehmen wussten auch genau, wie hoch die Summe sein musste, um erfolgreich zu sein und den Auftraggeber zufriedenzustellen. Das Business Anti-Corruption Portal schrieb im Juni 2011: "Bestechung ist vor allem auf die Bereiche der Regierung konzentriert, in denen große Finanztransaktionen vorgenommen werden, die Behörden für Liegenschaften, Steuern, Zoll, Transport, und auf die Polizei."

Obwohl schon die Regierung des Technokraten Abhisit der landesweiten Korruption den Kampf angesagt hatte, lag Thailand auch 2011 auf dem Korruptionsindex von Tranparency International nur auf Platz 80 von 183 untersuchten Ländern. Der Korruptionsindex lag bei 3,4 von zehn erreichbaren Punkten, wobei zehn der beste Wert ist. Transparency-Sprecher Kanokkan Anukansai sagt: "Die rechtlichen Rahmenbedingungen in Thailand sind wirklich gut. Aber sie in die Praxis umzusetzen, ist eine andere Sache." Ein Überblick der in Hongkong ansässigen Political and Economic Risk Consultancy kommt 2010 sogar zu einem noch dramatischeren Urteil: "Thailand gehört von den 16 Asean-Staaten zu den fünf korruptesten." Nur in Ländern wie Kambodscha und Burma geht es schlimmer zu. Die "Bangkok Post" befand im Februar 2011 kurz und bündig: "Thailand bleibt ein Hort der Korruption." Politiker, Abgeordnete, Polizisten und Militärs seien die Berufsgruppen, die am leichtesten bestechlich seien.

Korruption als fester Bestandteil der thailändischen Kultur

Die deutsche Sozialwissenschaftlerin Mona Schankin hat in ihrer Diplomarbeit das in Thailands Geschichte tief verwurzelte Korruptionswesen untersucht und kommt ebenfalls zu dem Schluss: "Man sieht es noch heute als selbstverständlich an, dass ein Amtsträger eine gewisse Summe von jemandem erhält, damit er ihm bei einer Angelegenheit behilflich ist. Dies wird allerdings nicht als korrupter Vorgang verstanden, sondern als 'gift of goodwill', als fester Bestandteil der alten thailändischen Kultur."

In den Ministerien werden die Summen, die mehr oder weniger offen über den Tisch geschoben werden, laut Zeitungsberichten "Teegeld" genannt. Für Supoj Saplom scheint der Tee etwas zu stark gewesen zu sein: Die Anti-Korruptions-Kommission fand bei der Untersuchung des bei seinen Räubern sichergestellten Geldes kurz vor Weihnachten heraus, dass die Banderolen der Geldbündel eindeutig zu Unternehmen führen, die Aufträge vom Transportministerium bekommen haben.

Bis zum 11. Januar hat Supoj noch eine Galgenfrist: Bis dahin muss er erklären, woher das Geld aus dem Keller sowie seine weiteren Vermögenswerte stammen. Dann wird sich herausstellen, ob er wirklich Opfer einer Verschwörung geworden ist oder in den Knast wandert - und vielleicht noch andere mit sich zieht. Senator Khamnoon Sitthisamarn hat bereits gefordert, die Regierung sollte alle zweifelhaften Auftragsvergaben der thailändischen Behörden aus den vergangenen fünf Jahren untersuchen lassen.