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09. November 2006, 13:50 Uhr

Korruptionsbericht

Im Irak versickern Milliarden

Geld verschwindet im Nichts oder landet in den falschen Händen: Korruption in der Regierung ist für den Irak eine teure Angelegenheit: Stuart Bowen, Sonderbeauftragter für den Wiederaufbau des Landes, beziffert den Schaden auf vier Millarden Dollar jährlich.

London - Es ist eine ernüchternde Bilanz: Korruption innerhalb der irakischen Regierung könnte dem Land einen Schaden in Höhe von bis zu vier Milliarden Dollar pro Jahr zufügen. Zu diesem Ergebnis kommt Stuart Bowen, Sonderbeauftragter für den Wiederaufbau im Irak, berichtet der britische Rundfunksender BBC. Viele irakische Regierungsmitarbeiter wären nicht imstande, mit Hilfsgeldern umzugehen, sagte Bowen.

Bowen hat sich bereits in der Vergangenheit kritisch über die Organisation des Wiederaufbaus im Irak geäußert. Erst vor wenigen Monaten warf er in einem Prüfbericht der US-Regierung schwere Versäumnisse und Missmanagement vor und beklagte "pandemische Ausmaße" der Korruption in Irak.

Der BBC sagte Bowen, dass auch häufig Geld an Extremisten fließe. "Das bedeutet noch mehr tote US-Soldaten", sagte Bowen.

Die BBC hat versucht, den Weg von verschwundenen Hilfsgeldern für den Irak nachzuzeichnen. Geld floss reichlich, als US-Präsident George W. Bush den Irak-Krieg für beendet erklärte. 36 Milliarden Dollar kamen aus den USA für den Wiederaufbau des von der Diktatur Saddam Husseins ausgezehrten Landes, aus irakischen Quellen kamen 22 Milliarden Dollar, berichtet die BBC - dabei handelte es sich demnach um Erlöse aus der Ölförderung und übriggebliebenes Geld aus dem früheren Uno-Hilfsprogramm "Öl für Lebensmittel".

Wofür das Geld eingesetzt wurde, ist aber in vielen Fällen bis heute unklar. Der demokratische US-Kongressabgeordnete Henry Waxman übt scharfe Kritik an der Art und Weise, wie die im Mai 2003 von den USA und Großbritannien im Irak eingesetzte Oberste Zivilverwaltung - die "Coalition Provisional Authority" (CPA) - mit den Hilfsgeldern umging. Die CPA habe 8,8 Milliarden Dollar in bar an die irakische Regierung gezahlt, obwohl diese über kein Sicherheits- und Buchhaltungssystem verfügt habe. "Wir wissen nicht, wer dieses Geld bekommen hat", sagt Waxman, es handele sich um einen "großen Skandal".

Dem BBC-Bericht zufolge erfolgten Geldlieferungen per Flugzeug. Aus den USA seien mindestens sechs Maschinen gestartet - an Bord jeweils zwei Milliarden Dollar, in Plastik verpackt. Teile des Geldes, so Bowen, seien für die Gehälter von Tausenden von Staatsbediensteten ausgegeben worden - nur hätten diese Beamten gar nicht existiert.

Der BBC zufolge war David Oliver für die Aufsicht über die Hilfsgelder verantwortlich, als sie per Flugzeug im Irak eintrafen. Oliver war bei der CPA für Finanzfragen verantwortlich und erinnert sich, wie er Geld an Iraker gab: In irakischen Krankenhäusern seien damals frühgeborene Babys gestorben, weil auch Krankenhäuser von Stromausfällen betroffen waren - und es entsprechend keine Versorgung für die Neugeborenen gab.

Er habe damals entschieden, das Geld an Iraker zu geben. "Die haben es innerhalb von acht Tagen geschafft, die Stromversorgung für große Krankenhäuser in Bagdad zu sichern", sagt Oliver. Hätte er sich an den normalen, bürokratischen Weg mit ordentlicher Buchhaltung gehalten, hätte das 30 bis 40 Tage gedauert, sagt Oliver. Es sei wichtiger gewesen, Leben zu retten.

Eine ordentliche Buchhaltung hielt Oliver damals nicht für wichtig. Weiß er, wohin das Geld floss? "Ich habe keine Ahnung, ich kann nicht sagen, ob das Geld in die richtigen Hände ging oder nicht", sagt er dem BBC-Bericht zufolge.

hen

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