Kosovo-Anerkennung Serbien ruft Botschafter zurück

"Zur Berichterstattung" in die Heimat: Serbien hat seine Botschafter aus den USA, Frankreich und der Türkei zurückbeordert - die Länder hatten zuvor als erste die Unabhängigkeit des Kosovo anerkannt. Der serbische Präsident Tadic warnte den Uno-Sicherheitsrat vor einem Domino-Effekt.


New York/Belgrad - Als Reaktion auf die diplomatische Anerkennung der staatlichen Selbstständigkeit des Kosovo hat Serbien seine Botschafter aus den USA, Frankreich und der Türkei zurückgerufen. Die Diplomaten müssten innerhalb von 48 Stunden "zur Berichterstattung" in ihre Heimat zurückkehren, sagte der serbische Außenminister Vuk Jeremic am Abend in Belgrad. Die drei Länder hatten ebenso wie Albanien als erste das Kosovo als neuen Staat anerkannt. Zahlreiche weitere EU-Staaten haben die Anerkennung für die kommenden Tage angekündigt.

Mittlerweile hat auch Großbritannien das Kosovo als unabhängigen Staat anerkannt, wie David Blunt, britischer Repräsentant im Kosovo, in Pristina mitteilte. Präsident Sejdiu seien entsprechende Schreiben von Premierminister Gordon Brown und Außenminister David Miliband übergeben worden. Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy begrüßte das Kosovo am Abend nach Angaben des Elysée-Palasts als "souveränen und unabhängigen Staat".

Unterdessen hat der serbische Präsident Boris Tadic in einer Rede vor dem Uno-Sicherheitsrat vor den Folgen der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo gewarnt. Falls das höchste Uno-Gremium nichts gegen die Abspaltung unternehme, sei mit einem Domino-Effekt zu rechnen. "Wenn sie bei diesem illegalen Schritt die Augen verschließen, wer garantiert ihnen, dass nicht auch Teile ihrer Länder auf gleiche illegale Art ihre Unabhängigkeit erklären?", fragte Tadic.

Am zweiten Tag einer Dringlichkeitssitzung des Sicherheitsrats zur Zukunft des Kosovo äußerte sich auch der chinesische Uno-Botschafter Wang Guangya kritisch. Sein Land sei ernstlich besorgt über die einseitige Unabhängigkeitserklärung des Kosovo, sagte Wang.

In einer Sondersitzung des Parlaments in Belgrad warf Regierungschef Vojislav Kostunica den USA vor, mit der Anerkennung ihr "Gewaltgesicht" gezeigt zu haben. Sein Land werde mit allen Ländern, die das Kosovo anerkennen sollten, gleich verfahren. Mit überwältigender Mehrheit stimmten die Abgeordneten am Abend dafür, die am Vortag ausgerufene Unabhängigkeit des Kosovo für null und nichtig zu erklären.

Eine Explosion erschütterte derweil am Abend die geteilte Stadt Mitrovica im Norden des Kosovo. Die Detonation ereignete sich nahe des Gebäudes der Polizeieinheit der Vereinten Nationen sowie der Büros der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), wie ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP berichtete. Größerer Sachschaden war aber nicht zu erkennen. Polizisten vor Ort sagten, niemand sei verletzt worden. Der Explosionsort sei abgesucht worden. Die Ermittlungen liefen, hieß es weiter.

Neun Jahre nach dem Kosovo-Krieg hatte sich die südserbische Provinz Kosovo am Sonntag für unabhängig erklärt. Am Montag erkannte die USA Kosovo als neuen Staat an. Deutschland und die meisten EU-Staaten kündigten den Schritt für die kommenden Tage an. Gegen eine Anerkennung sind unter anderem Russland, China und Spanien. Die Länder sehen in der Abspaltung der Provinz von Serbien ein Verstoß gegen das Völkerrecht.

tno/Reuters/dpa/AP/AFP



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