Kosovo-Präsident Rugova Der "Gandhi des Balkans" ist tot

Er war die Symbolfigur des gewaltfreien Kampfes für die Unabhängigkeit des Kosovo: Ibrahim Rugova, der Präsident der Unruheprovinz, ist im Alter von 61 Jahren gestorben - nur wenige Tage vor der möglichen Erfüllung seines politischen Lebenstraums.


Pristina - Er war das Aushängeschild der Kosovo-Albaner in ihrem Kampf für Unabhängigkeit, ein international hoch geschätzter Politiker und für manche gar der "Gandhi des Balkans": Am Samstag ist der gemäßigte Führer der Kosovo-Albaner, Ibrahim Rugova, im Alter von 61 Jahren an den Folgen seiner Lungenkrebs-Erkrankung gestorben.

Seit März 2002 war Rugova erster Präsident der unter Uno-Verwaltung stehenden serbischen Provinz Kosovo. Selbst nach seiner im September 2005 diagnostizierten Krebskrankheit gab er sein Amt nicht auf, um weiter an der Zukunft des Kosovo mitzuarbeiten.

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Ibrahim Rugova: Friedenspolitiker in Kriegszeiten

Nun starb der Schriftsteller, dessen Seidenschal zum Markenzeichen wurde - und das nur wenige Tage vor der möglichen Verwirklichung seines politischen Lebenstraums. In der kommenden Woche sollten in Wien die Verhandlungen über den endgültigen Status des Kosovo beginnen. Die Gespräche wurden nun auf auf Februar verschoben.

Zehn Jahre lang leistete Rugova der brutalen Zentralisierung durch den damaligen jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic - der heute wegen Kriegsverbrechen in Den Haag vor Gericht steht - konsequenten, aber gewaltfreien Widerstand. Der verheiratete Vater dreier Kinder bildete damit das politische Gegengewicht zu den Kämpfern der Kosovo-Befreiungsarmee UCK.

Friedenspolitik in Kriegszeiten

Vor allem sein kompromissloses Bekenntnis zum Gewaltverzicht hob Rugovas Politikstil immer maßgeblich von dem seiner politischen Konkurrenten ab. 1998 erhielt Rugova den Toleranzpreis der Stadt Münster und den Sacharow-Preis des Europaparlaments. 1996 hieß es in der Urkunde zur Verleihung seiner Ehrendoktorwürde der Universität von Paris über Rugova: "Er ist einer der großen Apostel der Gewaltfreiheit unserer Zeit." Dennoch wurde er im März 2005 in Pristina zum Ziel eines Bombenanschlags, dem er nur knapp entkam. Die Drahtzieher konnten nie ermittelt werden.

Gerade seinen Pazifismus machten albanische Hardliner Rugova immer zum Vorwurf. Insbesondere während der Nato-Bombardements auf Jugoslawien im Frühjahr 1999 geriet sein Prinzip, Konflikte mit Worten und nicht mit Waffen lösen zu wollen, in die Kritik. Die früheren UCK-Rebellen werden es Rugova wohl nie verzeihen, dass er sich kurz nach dem Beginn des Krieges in Belgrad mit Milosevic beim Händedruck ablichten ließ. Die Hintergründe des Treffens liegen bis heute im Dunkeln. Bei den Kosovo-Albanern machte sich aber das Gefühl breit, Rugova übertreibe es mit seiner Gesprächsbereitschaft.

Über die Literatur in die Politik

Rugova wurde 1944 in dem Dorf Cerrce im Osten der Provinz Kosovo geboren. Er wuchs dort in einem intellektuellen Umfeld auf. Sein Vater war für seine umfangreiche Bibliothek berühmt. Rugova schrieb sich an der Universität Pristina für albanische Studien ein und legte 1984 eine literaturwissenschaftliche Dissertation vor. Über die Literatur fand er in die Politik: Als er 1989 an die Spitze des Schriftstellerverbandes im Kosovo gewählt wurde, entwickelte sich die Standesvertretung unter seiner Leitung zur geistigen Speerspitze der Opposition gegen Belgrad.

Im selben Jahr noch wurde Rugova dann zum Vorsitzenden der wichtigsten albanischen Partei, der Demokratischen Liga des Kosovo (LDK), gewählt. Unter seiner Führung bauten die Kosovo-Albaner ein eigenes Verwaltungssystem auf, boykottierten alle von Belgrad angesetzten Wahlen, riefen 1990 die Unabhängigkeit der Republik Kosovo aus und ließen sie in einer Volksabstimmung bestätigen.

1992 gewann die LDK erneut die Wahl, die allerdings von der Belgrader Führung für illegal erklärt wurde. 1998 wurde Rugova nochmals als Präsident der Kosovo-Albaner bestätigt. Seine Präsidentschaft wurde jedoch nicht offiziell anerkannt. Erst vier Jahre später war das Ziel erreicht. Nach dem Sieg seiner LDK bei der Parlamentswahl wählte das Parlament Rugova offiziell zum Präsidenten. Im Oktober 2004 wurde er in seinem Amt bestätigt.

André Birukoff, AFP



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