Kranke Kriegsveteranen Vergessene Helden

Hunderttausende US-Soldaten warten auf George W. Bushs Befehl, um als Helden Amerikas ihrer patriotischen Pflicht nachzukommen. Ihre Vorgänger kämpfen währenddessen in der Heimat - als kranke Veteranen des ersten Golfkrieges - um Anerkennung und Entschädigung. Bis heute weigert sich die US-Regierung, für die Folgen des "Gulf War Syndrom" aufzukommen.

Von Johannes Honsell


Golfkrieg 1991: US-Soldaten klagten danach über schwere Gesundheitsschädigungen
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Golfkrieg 1991: US-Soldaten klagten danach über schwere Gesundheitsschädigungen

Fast mitleidig klingt US-Soldat Robert Jones, 47, als er von jenen ungleichen Kämpfen berichtet, die sich im Februar 1991 in der kuweitischen Wüste zutrugen. Wenn seine Artillerieeinheit unter irakischen Beschuss kam, konnten die GIs das Feuer kaum erwidern, so schnell donnerten amerikanische Apache-Kampfhubschrauber über ihre Köpfe hinweg und brachten die irakischen Kanonen zum Schweigen. "Unsere Waffen waren so überlegen. Die Iraker hatten keine Chance."

Für Robert Jones begann der eigentliche Kampf erst, als der Waffenstillstand schon lange unterzeichnet war. Nach der Rückkehr zu seinem Stützpunkt in Nürnberg hörte sein Körper nach und nach auf zu funktionieren. Die Gelenke schmerzten, er musste das Tennisspielen aufgeben, Magenkrämpfe und Durchfall quälten ihn. Bei Übungsmanövern wurde ihm schwindelig, er war ständig müde.

Bald wurden auch seine Frau und seine Kinder krank. Jones vermutet, dass verseuchter Wüstensand dafür verantwortlich ist. "Die Kisten mit unserer Ausrüstung wurden direkt zu mir nach Hause geschickt. Sie wurden nicht dekontaminiert. Als meine Frau die Kisten öffnete, wirbelte Staub auf und Sand rieselte heraus." Als er den Sand analysieren ließ, fanden sich Sporen eines tödlichen Pilzes darin.

Die Helden von einst müssen um Entschädigung kämpfen

Was immer es war, was 1991 im persischen Wüstenstaub umherwirbelte, es griff das Gehirn an, die Lungen, die Nieren, die Leber. 1996 waren die Jones bereits schwer krank. Ihnen ging es wie zehntausenden Veteranen, die nach ihrer Heimkehr über Magenkrämpfe, chronische Müdigkeit, Hautausschlag, Gedächtnisverlust oder neurologische Störungen klagten. Für das breite Spektrum der Symptome fand sich schnell ein Name: "Gulf War Syndrome". Das Pentagon will bis heute von einem solchen Golfkriegssyndrom nichts wissen. Immer noch ist für die Helden von einst der Kampf um Behandlung und Entschädigung eine tour de force mit ungewissem Ausgang.

Für Rita Hawkins aus Florida dauerte die Tortur neun Jahre. Nach ihrer Heimkehr vom Golf wurde die mittlerweile 53-Jährige sehr krank. Arthritis, Ermüdung, chronische Schmerzen waren nur einige der Beschwerden, die ihrem Körper zusetzten. Heute muss sie zehn verschiedene Medikamente pro Tag einnehmen, längere Strecken kann sie nur im Rollstuhl bewältigen. Wieder und wieder brachte die Veteranin ihre medizinischen Gutachten ein, füllte Formulare aus, erhielt ablehnende Bescheide. Im Jahr 2000 gewährte das Department of Veteran Affairs (VA) ihr für 40-prozentige Behinderung schließlich 441 Dollar monatlich. Erst im Frühjahr 2002 erhielt sie den vollen Satz für hundertprozentige Versehrtheit: 2193 Dollar im Monat.

Kaum mehr darf Robert Jones für sich und seine Familie erwarten, wenn er nun, nach zwanzig Jahren im Dienst der Armee, in den Ruhestand geht. Über seinen Antrag auf hundertprozentige Versehrtheit dürfte vergleichsweise rasch entschieden werden. "Wenn man noch in der Armee ist, muss das Ministerium den Antrag innerhalb von 60 Tagen bearbeiten. In vielen Fällen dauert es allerdings bis zu einem Jahr", sagt Jones.

Kein Verlass auf medizinische Behandlung durch die Armee

Wie für viele Soldaten war für Robert Jones der erste Schritt das Comprehensive Clinical Evaluation Program (CCEP). Das medizinische Evaluationsprogramm war 1994 vom Verteidigungsministerium wegen der steigenden Zahl ungeklärter Krankheitsfälle ins Leben gerufen worden. Robert Jones und seine Frau durchliefen alle Stadien der Prozedur, ohne Resultat. Also schickten die Militärärzte das Paar ins Walter Reed Army Medical Center in Washington, das größte Militärhospital der amerikanischen Streitkräfte. Dort erklärte man ihnen lediglich, wie man mit chronischer Erkrankung umgehen kann. "Sie behandelten uns aber nicht. Also suchten wir Hilfe bei der Privatmedizin. Wenn wir uns auf das medizinische System der Armee verlassen hätten, wären wir heute wohl nicht mehr am Leben."

Golfkrieg 1991: Rauch der brennenden Öl-Quellen in Kuweit
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Golfkrieg 1991: Rauch der brennenden Öl-Quellen in Kuweit

Solch drastische Vorwürfe erstaunen in einem Land, das mehr Geld als jedes andere für die Versorgung seiner Soldaten ausgibt. Das Department of Veteran Affairs (VA) verfügt im Jahr 2003 über ein Budget von 59,7 Milliarden Dollar. Zu den Leistungen zählen medizinische Versorgung, Kompensationszahlungen für Kriegsversehrte und Pensionen. In jedem amerikanischen Bundesstaat steht mindestens ein Krankenhaus des VA, insgesamt sind es 163. 2001 erhielten 4,2 Millionen Veteranen und deren Angehörige medizinische Unterstützung.

Doch das System kann schwerlich greifen, solange das dem VA übergeordnete Pentagon das Golfkriegssyndrom nicht anerkennt. Veteranenverbände beklagen, dass in den Krankenhäusern der Armee die gesundheitlichen Beschwerden der Soldaten oft als psychologische Folgewirkung des Krieges abgetan werden. "Die Veteranen erhalten Prozac und werden nach Hause geschickt. Wenn sie in die Formulare für Entschädigung das Gulf War Syndrome eintragen, wird der Antrag automatisch abgelehnt", sagt Joyce Riley von der American Gulf War Veterans Association.

Solche Szenarien könnten sich nach einem neuen Krieg am Golf wiederholen. Der Chef des VA, Anthony Principi, bat in einem Brief an US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld vom Februar um mehr Informationen über mögliche Gesundheitsrisiken im Irak. Nach Ansicht Principis hätten die vielen Kontroversen über die Gesundheitsprobleme der Veteranen von 1991 vermieden werden können, "wenn mehr Überwachungsdaten gesammelt worden wären." Einige Senatoren zeigen sich bereits besorgt, dass die Vorbereitung der Truppen auf biologische und chemische Gefahrenpotenziale angesichts der raschen Stationierung von über 300.000 Soldaten am Golf hinterherhinke.

Armenparade am Veteran's Day

Einmal im Jahr, am 11. November, ist "Veteran's Day", an dem die Helden der Kriege von gestern über die Straßen Washingtons defilieren. Ehemalige Soldaten mit unerklärlichen Krankheiten passen allerdings kaum in dieses harmonische Bild der "nation in arms". Schon nach dem Vietnam-Krieg mussten US-Soldaten, die vom massiv eingesetzten Entlaubungsmittel Agent Orange gesundheitliche Schäden davongetragen hatten, über Jahre auf Entschädigung durch die Chemiekonzerne warten.

Für die Golfkriegsveteranen sieht es kaum besser aus. Zwar würden exakt 163.989 Anträge von Veteranen auf finanzielle Entschädigung für Verletzungen oder Erkrankungen im Zusammenhang mit dem Golfkrieg vom VA genehmigt. Bei der großen Mehrzahl davon geht es allerdings um 104 Dollar - die Summe für eine zehnprozentige Behinderung. 213 Millionen Dollar hat das Department of Defense bislang für medizinische Studien ausgegeben, um das Golfkriegssyndrom zu untersuchen. Resultat: Zwischen den Erkrankungen und dem Krieg am Golf bestehe kein wissenschaftlich nachweisbarer Zusammenhang.

Diese Erkenntnis muss den Soldaten Jones dünken wie Hohn. Für ihn brachte der Krieg am Golf neben vollständiger Arbeitsunfähigkeit und physischer Versehrtheit auch den finanziellen Ruin. Er gab Tausende von Dollar aus, um zu Spezialisten nach Kalifornien zu fliegen. Die Army zahlte nur einen Bruchteil der Kosten. Inzwischen ist kein Geld mehr übrig, zwei Hypotheken lasten auf dem Haus. Robert Jones ist schwer krank und hoch verschuldet. Immerhin: Die Armee kommt für die vielen verschiedenen Medikamente auf, die Jones jeden Tag nehmen muss, darunter Morphium und große Mengen Kopfschmerztabletten. "Das ist wie ein Pflaster auf eine Amputation. Sie sollten mir viel eher helfen, wieder auf die Füße zu kommen", meint der Veteran und ergänzt verbittert: "Aber immerhin lassen sie mich nicht leiden."



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