Krawalle Frankreichs Nachbarn werden nervös

In Europa wächst die Angst: Nachdem in Brüssel und Berlin schon die ersten Autos brannten, befürchten Frankreichs Nachbarn ein Überschwappen der Gewaltwelle. Ein Ausbruch der Gewalt in seinem Land sei nur "eine Frage der Zeit" sagte Italiens Oppositionsführer Prodi.


Berlin - In Belgien und Deutschland gibt es schon erste Nachahmer, die nächtens Autos in Brand stecken. In fast allen europäischen Staaten gibt es Befürchtungen über ein mögliches Überschwappen der Gewaltwelle aus Frankreich. Die nächtelangen Ausschreitungen in den vorrangig von Einwanderern bewohnten Vororten französischer Städte könnten nach Befürchtungen einiger Beobachter schon bald auch in anderen Ländern drohen. Die meisten Kommentatoren betonen jedoch die Unterschiede zwischen dem französischen "Integrationsmodell" und dem Umgang mit ausländischen Minderheiten in anderen Ländern.

Besonders drastisch äußerte sich der italienische Oppositionsführer und ehemalige EU-Kommissionspräsident Romano Prodi, der in einer öffentlichen Diskussion in Bologna am Wochenende einen Ausbruch ähnlicher Gewalt in Italiens Trabantenstädten als "eine Frage der Zeit" bezeichnete. "Wir haben die schlimmsten Vorstädte von ganz Europa", bedauerte Prodi und zeigte sich überzeugt, dass nur rasches Handeln von Seiten der Politik eine baldige Explosion verhindern könne, "selbst da, wo nur Italiener wohnen". Die Regierung bezeichnete diese Äußerungen als übertrieben. Italiens Vorstädte seien von den französischen "völlig verschieden", versicherte Außenminister Gianfranco Fini.

Weniger besorgt zeigen sich Experten in den Niederlanden, wo die Städte kleiner und die Bevölkerungsgruppen anders verteilt seien. "Der Graben zwischen den jungen Leuten und der Polizei ist nicht so tief (wie in Frankreich), denn die Polizei bemüht sich sehr um Kontakte mit ihnen", zitierte die Tageszeitung "Trouw" einen Soziologen. Dennoch gebe es auch in den Niederlanden die Probleme der Arbeitslosigkeit, der Diskriminierung und des radikalen Islam, erklärte der Einwanderungsexperte Han Entzinger im "Algemeen Dagblad".

Spanien hält Gewaltwelle für ausgeschlossen

Für mehr oder weniger ausgeschlossen halten Spaniens Experten eine ähnliche Gewaltwelle in ihrem Land. "Die Zunahme der Einwanderung kam gleichzeitig mit einem bedeutenden Wirtschaftswachstum und der Notwendigkeit, Arbeitsstellen zu besetzen, die die Spanier nicht wollten", kommentierte die Tageszeitung "El País". Erleichtert werde die Integration auch durch die Tatsache, dass ein großer Teil der Einwanderer "aus spanischsprachigen Ländern mit christlicher Kultur" stamme.

Die Briten halten das Problem für ausgeräumt, seit es im Juli 2001 in der nördlichen Stadt Bradford gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen aus indischen und pakistanischen Familien und der Polizei gegeben hatte. "Wir haben diese Situation gemeistert, indem die Polizei harte Maßnahmen ergriffen hat", sagte Premierminister Tony Blair mit Blick auf die Krawalle in Frankreich.

In Belgien wurden in der Nacht zum Montag fünf Autos in Brand gesteckt, obwohl die Integration von Einwanderern der Presse zufolge besser organisiert sei als in Frankreich. "In Belgien gibt es nicht diese riesigen Wohnblocks an den Stadträndern, aber das heißt nicht, dass es keine schwierigen Viertel gibt", schrieb der Kriminologe Michel Born in der Zeitung "La Libre Belgique". "Frustration, Verzweiflung und Wut entstehen nicht nur im Schatten von Wohnsilos", warnt der Experte.

Arnaud Bouvier, AFP



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