Krawalle in Griechenland Gewaltausbruch bei Gewerkschaftsdemo

Ein Generalstreik hat weite Teile Griechenlands stillgelegt. Die Demonstranten protestieren gegen die Regierung - und den Tod eines 15-jährigen Jugendlichen durch Polizeikugeln. Anwälte des Todesschützen behaupten, ihr Mandant werde durch die ballistische Untersuchung entlastet.


Athen - Schulen blieben geschlossen, in Ministerien wurde die Arbeit niedergelegt, alle Flüge bis Mitternacht sind gestrichen: Ein Generalstreik hat weite Teile Griechenlands lahmgelegt. Ladenbesitzer haben ihre Fenster vernagelt - aus Angst vor neuen Gewaltakten.

Gewerkschaftsdemo in Athen: Steinewerfer lösen sich aus der Menge
AFP

Gewerkschaftsdemo in Athen: Steinewerfer lösen sich aus der Menge

In Athen versammelten sich Arbeiter und skandierten Sprechchöre gegen die Regierung. Im Laufe des Tages ist eine Kundgebung geplant, zu der die beiden größten Gewerkschaften aufgerufen haben. Der Protest richtet sich gegen die Wirtschaftspolitik der konservativen Regierung von Ministerpräsident Kostas Karamanlis. Die Beteiligung am Streik sei "umfassend", sagte ein Sprecher des Gewerkschaftsbundes GSEE. "Das ganze Land steht still."

Der Generalstreik kommt inmitten einer seit vier Tagen anhaltenden Welle von gewalttätigen Ausschreitungen. Auslöser war der Tod des 15-jährigen Alexandros Grigoropoulos, der von einem Polizisten erschossen worden war. Der Polizist gab an, nur einen Warnschuss abgegeben zu haben. Gegen ihn wird wegen Mordverdachts ermittelt. Die Gewaltwelle schwappte schnell auf mehr als zehn griechische Städte über.

Der griechische Polizist, aus dessen Waffe der tödliche Schuss auf den Jungen abgegeben worden war, wird nach Angaben seines Anwalts durch die ballistische Untersuchung der Kugel entlastet. "Die Untersuchung spricht für meinen Mandanten", sagte am Mittwoch der Rechtsanwalt des mutmaßlichen Schützen. Eine offizielle Bestätigung gab es dafür bislang nicht.

Der 37-jährige Polizist hatte mehrmals ausgesagt, er habe drei Warnschüsse abgefeuert, das Opfer sei von einem Querschläger getroffen worden. Er hofft nun, nicht wegen Totschlags oder Mord, sondern nur wegen fahrlässiger Tötung belangt zu werden. Se inem 31-jährigen Kollegen wird bislang Beihilfe zum Totschlag vorgeworfen. Am Mittwochnachmittag sollten die beiden Polizisten, die sich in Untersuchungshaft befinden, dem Untersuchungsrichter vorgeführt werden, berichtete das Staatsradio.

Am Rande einer Demonstration, bei der es um höhere Löhne ging, ist es nun zu neuen Ausschreitungen zwischen Autonomen und der Polizei in Athen gekommen. Die Randalierer lösten sich aus einer friedlichen Demonstration von mehr als 15.000 Menschen heraus und warfen mehrere Molotow-Cocktails und Steine auf die Polizei vor dem Parlamentsgebäude. Die Polizei setzte massiv Tränengas und Schlagstöcke ein, um die rund 300 Randalierer auseinander zu treiben, wie Augenzeugen berichteten.

Auch in Paris, Berlin, London, Den Haag und in Zypern protestierten Griechen. Der Generalstreik richtet sich wie bereits frühere Protestaktionen gegen Privatisierungen in der Wirtschaft, gegen die Rentenreform und den Anstieg der Lebenshaltungskosten. "Hände weg von unseren Rechten!", forderten einige Demonstranten. Auf einem Transparent stand: "Die Reichen sollen für ihre Krise zahlen".

Nach einer Demonstration vor dem griechischen Konsulat in Frankfurt ist es am Dienstagabend zu Ausschreitungen gekommen. Dabei ging unter anderem das Schaufenster einer Bank zu Bruch, außerdem wurden Mülltonnen und ein Bauzaun demoliert, wie die Polizei am Mittwoch berichtete. Sieben Demonstranten seien vorübergehend in Verwahrung genommen worden. Etwa hundert Menschen hatten zunächst friedlich vor dem Konsulat demonstriert. Danach zogen die Demonstranten in kleineren Gruppen durch die Stadt. Dabei kam es zu den Sachbeschädigungen.

Die Aufforderung der Regierung, den Streik abzusagen, hatten die Gewerkschaften abgelehnt. Die oppositionellen Sozialisten machen Karamanlis für die Krise verantwortlich. Er und seine Regierung hätten das Vertrauen der Bevölkerung verspielt. Als Konsequenz fordern sie vorgezogene Wahlen.

In Athen blieben viele Geschäfte geschlossen. Ihre Inhaber vernagelten die Fenster, um weitere Schäden durch Randalierer zu verhindern. Bushaltestellen und Müllcontainer sind schwarz von den Brandschatzungen, Telefonzellen zerstört, Autos ausgebrannt. An vielen Häusern gibt es Feuerspuren. Die Schäden der Gewaltwelle betragen Dutzende Millionen Euro.

cte/Reuters

insgesamt 1386 Beiträge
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SaT 08.12.2008
1. deren Probleme sind die unsrigen
Polizisten warfen einfach mit den Steinen auf Demonstranten zurück – das Wasser war ausgegangen. Eigentlich eine menschliche Reaktion. Und doch bestätigt es mich in dem Urteil, dass Griechenland als Mutterland Europas noch nicht reif für die EU war und ist – 1981 nicht und heute auch nicht. Zu groß sind die Unterschiede die seit dem West und Oströmischen Reich existieren. Nun ist aber das Land in der EU und deren Probleme sind die unsrigen. Mit den Demonstranten habe ich nicht allzu viel Sympathie. Ich war früher selbst links (inzwischen habe ich dazugelernt) und nahm an Demonstrationen teil – war allerdings nie gewalttätig. Durch das zerstören öffentliches und privates Gut wird sicher nichts besser.
Bre-Men, 08.12.2008
2. ?
Zitat von sysopBahnverbindungen sind blockiert, Universitäten besetzt: In Griechenland haben die schweren Ausschreitungen schon mehr als hundert Millionen Euro Schaden angerichtet. Wie kann das Land seine aktuellen Probleme lösen?
das Thema dürfte die griechisch-stämmige Bevölkerung hier sicher interessieren. Ich fahr dort auch gerne hin in Urlaub. Aber, warum sollen eigentlich wir hier in Deutschland diese Frage beantworten? Können wir hier nicht mal die Leute selbst ihre Probleme regeln lassen?
dragonmasterx2 08.12.2008
3.
So wie ich das sehe ist die derzeitige griechische Regierung unfähig und korrupt.
Xiuhcoatl 08.12.2008
4. Vorurteil
Je weiter man in Europa nach Süden kommt, desto bananenrepublikanischer. (Nicht, dass mir das ansympathisch wäre.)
Michael KaiRo 08.12.2008
5. ?
Zitat von sysopBahnverbindungen sind blockiert, Universitäten besetzt: In Griechenland haben die schweren Ausschreitungen schon mehr als hundert Millionen Euro Schaden angerichtet. Wie kann das Land seine aktuellen Probleme lösen?
Kann SPON in einfachen Sätzen nicht mal erklären, was dort eigentlich los ist? Dass die Demonstrationen / Krawalle nunmehr entgleist sind (angeblich wegen dem Tod eines 15jährigen) habe ich ja noch mitbekommen. Aber was war der Auslöser überhaupt. Worum geht es? Bitte die 5 W beantworten: Wer, was, wann, wie und wo und dann vielleicht noch die letzten beiden Ws: Warum und weshalb. Danke!
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