Kreml-Experte "Putin hat keinen Masterplan"

Wladimir Putin ist nur zufällig Imperator geworden, sagt der Moskauer Autor Michail Sygar. Der Präsident habe kein Konzept für die Gegenwart und schon gar nicht für seine Nachfolge.

Präsident Putin
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Ein Interview von


Zur Person
  • Anna Lavrowa
    Michail Sygar, Jahrgang 1981, ist einer der am besten vernetzten Journalisten in Moskau. Nach Stationen bei der angesehenen Tageszeitung "Kommersant" und der russischen Ausgabe von "Newsweek" war er von 2010 bis 2015 Chefredakteur des unabhängigen Senders TV Rain. In seinem Buch "Endspiel: Die Metamorphosen des Wladimir Putin" zeichnet er den Aufstieg Wladimir Putins nach.

SPIEGEL ONLINE: Die Kreml-Partei Einiges Russland erringt drei Viertel aller Mandate im Parlament. Wieso lässt der Kreml überhaupt wählen?

Sygar: Das ist auch eine rituelle Handlung. Ich vergleiche das gern mit einem gewissen Kult auf Inseln vor der Küste Australiens. Seit dort mal ein Flugzeug mit Konserven und Alkohol abgestürzt ist, bauen die Ureinwohner aus Bambus Gerüste in Flugzeugform. Sie hoffen, dass sich das wundersame Ereignis wiederholt. Wahlen in Russland sind schematische Imitationen. Sie werden durchgeführt, ohne ihren Kern zu verstehen.

SPIEGEL ONLINE: Wieso ist der Kurs des Kreml in Russland so populär?

Sygar: Man kann die Beziehung zwischen der Bevölkerung und Putins Elite vereinfacht mit einer Art Pakt beschreiben: Die Bevölkerung verzichtete lange auf Freiheit und politische Mitbestimmung, genoss aber im Gegenzug wachsenden Wohlstand und Sicherheit. Die Leute kauften sich Autos, Handys, Wohnungen. Jetzt ist der Pakt ein anderer. Die Leute sind vertraut mit den Segnungen des Kapitalismus und die Öldollar sprudeln nicht mehr so. Die Bürger verzichten aber weiter auf politische Freiheiten, im Gegenzug für ein Gefühl des nationalen Stolzes.

SPIEGEL ONLINE: Warum fehlt das den Russen?

Sygar: Ein großer Teil der Bevölkerung fand sich in den Neunzigerjahren in erniedrigender Armut wieder. Leider wurde der Zerfall der Sowjetunion nie richtig aufgearbeitet. Dabei könnte das russische Volk stolz sein. Es waren die Russen, die den totalitären Staat besiegten, als sie sich im August 1991 dem Putsch sowjetischer Hardliner entgegenstellten. Das russische Volk hat die Sowjetunion beerdigt. Aber auch im Westen wird das genau umgekehrt dargestellt: Russland hat den Kalten Krieg verloren, heißt es da.

SPIEGEL ONLINE: In ihrem Buch beschreiben Sie Putin als einen Mann, "der zufällig König" wurde. Will er die Macht gar nicht?

Sygar: Putin hat nie danach gestrebt, Präsident zu werden. Er ist auf diesem Posten im Zuge eines komplizierten Auswahlprozesses gelandet, einer Art Casting. Die Leute im Kreml, die alte Jelzin-Elite, wählten ihn aus, weil er ihr Problem lösen sollte. Sie drohten, die Macht zu verlieren und wären dann ihren Gegnern ausgeliefert gewesen. Putin sollte das verhindern. Er war nie heiß auf diese Position und wollte etwas Ruhigeres, weniger Riskantes. In Moskau wird eine Legende erzählt. Man trug Putin die Präsidentschaft an und er sagte: Nein! Lasst mich doch lieber Gasprom führen. Sein Aufstieg war Zufall.

SPIEGEL ONLINE: Angela Merkel hat gesagt, Putin lebe in einer anderen Realität.

Sygar: Kein Mensch hält sich selbst für einen Unhold. Putin ist keine Ausnahme. Er ist der Meinung, man habe ihn zu gewissen Schritten genötigt. Er hält sich entweder für einen Helden oder ein Opfer, aber ganz sicher nicht für einen Aggressor. In seinen Augen hat er alles getan, um eine Konfrontation mit dem Westen zu verhindern. Dabei aber erinnert er sich immer nur an die Anstrengungen, die er unternommen und nie an die Hindernisse, die er selbst für eine Annäherung aufgetürmt hat.

SPIEGEL ONLINE: Welche Stärken hat sein System?

Sygar: Die Propaganda hat ein Niveau erreicht, das weltweit ihresgleichen sucht. Sie greift viele Aspekte des Kinogeschäfts und moderner Serien auf. Sie ist sehr emotional, orientiert sich in vielem am US-Kanal Fox News.

SPIEGEL ONLINE: Glaubt Putin die eigene Propaganda?

Sygar: Was war früher da: Huhn oder Ei? Die Propaganda arbeitet so, weil Putin so denkt. Glaubt er der Propaganda? Natürlich. Aber ich kenne viele russische Propagandisten, die ehrlich davon überzeugt sind, was sie schreiben: dass die Amerikaner Russland aufteilen wollen und so weiter.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die Schwächen des Systems?

Sygar: Es gibt keine politischen Institute mehr außer Putin. Die schrecklichste Frage, die Sie in Moskau stellen können, lautet: Was passiert, wenn Putin nicht mehr da ist? Wenn er stirbt? Eine Antwort hat niemand. Deshalb ist das System maximal instabil. Das zweite Problem ist die Wirtschaft. Die Stagnation hat 2013 begonnen, vor Verhängung der Sanktionen. Das alte Wachstumsmodell hat sich erschöpft, ein neues gibt es nicht.

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