Kreml Helle Empörung über Interview in US-Fernsehen

Ein Interview mit dem tschetschenischen Rebellenführer Schamil Bassajew im amerikanischen Sender ABC hat im Kreml für höchste Verärgerung gesorgt. Der Sender habe einem "der blutrünstigen Terroristen eine Bühne gegeben", hieß es. Die russische Regierung bestellte den stellvertretenden US-Botschafter ein.


Bassajew: "Ich bin ein übler Kerl"
AFP

Bassajew: "Ich bin ein übler Kerl"

Moskau - "Wir haben den stellvertretenden Chef der US-Botschaft eingeladen, um unserer Sicht über die Übertragung eines Interviews mit seinem Terroristen Ausdruck zu verleihen ... Wir haben unsere Empörung ausgedrückt", sagte ein Sprecher des russischen Außenministeriums. Dies sei ein "extrem negativer" Vorgang, erklärte das Außenministerium in Moskau. Mit der Ausstrahlung der Interviews sei "einem blutrünstigen Terroristen eine Bühne gegeben worden".

Die US-Botschaft lehnte einen Kommentar zu der Angelegenheit ab. Nach dem Abschied des früheren US-Botschafters Alexander Vershbow gibt es derzeit noch keinen Nachfolger für dessen Posten in Moskau.

Die russische Regierung betrachtet den seit Jahren andauernden Krieg gegen Separatisten in Tschetschenien als Teil des weltweiten Kampfs gegen den Terrorismus. Sie hat Bassajew und andere Aufständische mehrfach mit der Extremistenorganisation al-Qaida um Osama bin Laden in Verbindung gebracht. Westlichen Regierungen hat Präsident Wladimir Putin auf Grund deren Werbens für eine politische Lösung des Kaukasus-Konflikts Doppelmoral vorgeworfen. Russland lehnt Verhandlungen mit den Rebellenführern über eine Unabhängigkeit der russischen Republik strikt ab.

Der russische Sender Perwi Kanal zeigte Auszüge aus dem am Donnerstagabend gesendeten ABC-Interview ohne Ton. Das von dem russischen Journalisten Andrej Babizki geführte Interview enthält keine unerwarteten Äußerungen von Bassajew, der sich seit Jahren nicht mehr in einem Fernsehinterview geäußert hatte. Er bestritt, bei dem Schulattentat von Beslan im vergangenen Sommer für den Tod von Kindern verantwortlich zu sein. "Weder ich noch meine Mudschaheddin haben Kinder getötet", sagte Bassajew, der sich zu dem Überfall bekannt hatte.

Die russischen Sicherheitskräfte seien an dem Blutbad mit 330 Toten schuldig, sagte Bassajew. "Ich räume ein, ich bin ein übler Kerl, ein Bandit, ein Terrorist. Aber als was wollen Sie die (die russische Seite, d. Red.) bezeichnen? Die Russen sind selbst Terroristen." In Russland ist die Ausstrahlung von Bassajew-Äußerungen verboten. Die Regierung hat auf seine Ergreifung ein Kopfgeld von zehn Millionen Dollar ausgesetzt.



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