SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

26. Juli 2008, 07:51 Uhr

Kreml-Jugend Naschi

Im Sommercamp der Putin-Klone

Von Carmen Eller, Moskau

Sie trommelten gegen den Westen und für Wladimir Putin - nach dem Wahlkampf muss sich die Kreml-treue russische Jugendbewegung Naschi neu erfinden. Im Sommerlager pflegen die Nachwuchspatrioten ihren Zusammenhalt mit Morgensport und kruder Propaganda.

Moskau - Nicht weit vom Strand des Seligersees grunzt ein Schwein mit einem boshaften Spitznamen. Vor seinem Verschlag stehen auf einem hölzernen Schild die handgeschriebenen Worte: "Rufname: Ilves."

Das russische Tier trägt den Namen des estnischen Präsidenten. Seit dessen Regierung 2007 einen Bronzesoldaten der Sowjetarmee aus dem Stadtzentrum der Hauptstadt Tallinn entfernen ließ, zählt der baltische Politiker zu den Lieblingsfeinden der Kreml-nahen Jugendorganisation Naschi (Die Unsrigen).

Neben dem symbolträchtigen Stall lümmelt sich ein Schweinehirt in einen silberfarbenen Klappstuhl. Auf dem Kopf trägt er einen Zylinder in den Flaggenfarben der USA. Falsche Dollar-Noten kleben ihm auf T-Shirt und Hose. "Ich symbolisiere die Amerikaner, die das Schwein mit Namen Ilves beschützen", sagt Dmitri Iwanow. Der 20-jährige Russe, der zur Gruppe "Stahl" gehört, einer Unterorganisation der Naschi, ist stolz auf seine Rolle.

Skurrile Polit-Propaganda gehört zum Sommerlager am Seligersee wie Labradorhündin Koni zum russischen Premierminister Wladimir Putin. Zum vierten Mal versammeln sich die Naschi dieses Jahr in einer idyllischen Naturlandschaft rund 350 Kilometer nordwestlich von Moskau. Vor allem aus den russischen Landregionen reisen die jungen Leute an, deren Heimatstädte oft nur ein spärliches Freizeitangebot offerieren. Am Seligersee schlafen sie zwei Wochen lang in Zelten, hören Vorträge und fahren auf Katamaranen über den See.

Politische Veranstaltungen zählen im Lager zum Pflichtprogramm. Vizepremier Igor Schuwalow hält seine Rede unter Ausschluss der ausländischen Presse. Wladimir Tschurow, Vorsitzender des Zentralen Wahlkomitees, übergibt im "Pavillon Staatlichkeit" Urkunden an fleißige Lagerbewohner und doziert über demokratische Wahlen. Im Publikum sitzen auch junge Tschetschenen aus Grosny. Manche tragen T-Shirts, auf denen der tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow mit dunkler Sonnenbrille und weißer Schildmütze in die Kamera grinst.

Abgekochtes Seewasser statt Alkohol

Seit 2005, dem Gründungsjahr der Naschi, bietet das Sommerlager eine bis ins Detail durchdachte Mischung aus Polit-Erziehung und Pfadfinderromantik. Durch die Ansprachen der Anführer geistern große Worte wie Wachstum, Heimatliebe oder Modernisierung. T-Shirts von Teilnehmern stellen Slogans zur Schau. "Wir müssen unser Land gestalten", steht da oder "Wir haben die Wahl". Manchmal auch einfach nur "Einiges Russland", der Name der Regierungspartei.

Das Sommerlager am Seligersee ist eine politische Spielwiese mit klaren Regeln. Das staatliche Erziehungsprogramm ist straff organisiert. Mit Morgensport ab 8 Uhr beginnt der Tag im Naschi-Lager. Die Jungs spurten durch den Wald, die Mädchen schwitzen bei Aerobic. Zum Frühstück gibt es Kascha, den in Russland beliebten Getreidebrei. Alkohol ist tabu. Stattdessen kommt abgekochtes Seewasser auf den Tisch.

Jeder Teilnehmer ist verpflichtet, ständig seinen Lagerausweis mit Namen, Passbild und Registrierungsnummer um den Hals zu tragen. "Wenn man sich nicht an die Spielregeln hält, gibt es Strafpunkte", erklärt Naschi-Mitglied Lena Pawlowa. Wer drei solcher Abmahnungen erhalten hat, fliegt aus dem Lager.

Die 19-Jährige aus der Kleinstadt Wladimir studiert Lasertechnik. Auf die Frage, was Demokratie für sie bedeutet, sagt sie ohne zu überlegen: "Souveräne Demokratie gefällt mir besser. Das heißt, der Staat ist unabhängig vom Einfluss anderer Länder." Oppositionelle könnten "nur protestieren, aber nichts bewegen". So wie Lena sprechen viele Lagerbewohner. In Sätzen voller Schlagwörter, die klingen, als gehörten sie in einen politischen Werbespot.

Lieber Fußball als Patriotismus

Nicht alle aber üben sich in ideologischer Rhetorik. Konstantin Kotschetkow etwa macht wenig Worte. In der Nähe des Seeufers stößt der 25-Jährige einen Spaten ins Gras. Mit nacktem Oberkörper arbeitet er in der Sonne, Schweißtropfen laufen ihm über die Stirn. "In die Löcher kommen die Pfosten für die Tore, denn später spielen wir hier Fußball", erklärt der Lastenträger aus Rjasan und lächelt schüchtern. Das Lager gefällt ihm, weil "man hier mit jungen Leuten zusammenkommt und Neues erfährt". Über Politik mag er nicht viel sagen, ihn interessiert vor allem das Sportangebot. Am Seligersee können die Naschi-Mitglieder nicht nur schwimmen, sondern auch klettern und Kanu fahren. Am Ufer stemmen muskulöse Männer Hanteln.

Von Anfang an war mit der Naschi ein konkretes Ziel verbunden. Die jungen Patrioten, als deren geistiger Vater Wladimir Surkow gilt, der stellvertretende Leiter der Präsidialadministration, sollten in Russland verhindern, was in der Ukraine 2004 bereits geschehen war: eine Orange Revolution. Daneben belagerten die Naschi-Aktivisten die estnische Botschaft in Moskau, propagierten "Putins Plan" und trommelten mit spektakulären Straßenaktionen gegen westliche Kritiker.

Vier Teilnehmer des Sommerlagers erzählen SPIEGEL ONLINE von ihrem politischen Engagement und ihren Zukunftsträumen.

Doch nun ist der Umsturz ausgefallen und Russlands neuer Präsident Dmitrij Medwedew gewählt. Wie also geht es weiter mit der Putin-Jugend nach dem Ende der Ära Putin?

"In den vergangenen drei Jahren war es unsere Hauptaufgabe, die Souveränität Russlands zu bewahren, und diese Aufgabe wurde erfüllt", erklärte kürzlich der Naschi-Vorsitzende Nikita Borowikow, dessen sparsame Gestik und stakkatoartige Intonation ihn wie einen jungen Putin wirken lässt. "Unser neues Ziel ist wesentlich schwieriger: die Wirtschaft neu aufzubauen. Dafür müssen wir so gut wie möglich unser menschliches Kapital erschließen."

Beim diesjährigen Sommerlager, das offiziell "Gesamtrussisches Ausbildungs- und Innovationsforum" heißt, dürfen sich die Jugendlichen von Firmenvertretern beraten lassen, Foren zu Themen wie wirtschaftliche Modernisierung oder touristische Entwicklung besuchen oder mit einem fiktiven Startkapital ein eigenes Unternehmen gründen. Rund 5000 Naschi-Mitglieder sollen sich dieses Mal am See eingefunden haben, im Jahr zuvor lag die offizielle Zahl noch bei 10.000.

Nach Putin ist vor Putin

Trotz aller Neuerungen aber gilt am Seligersee: Nach Putin ist vor Putin. Das Konterfei des früheren Präsidenten prangt zwischen Bäumen auf Flaggen und Fotos, sein Name steht auf Fußball-Shirts unter der "Nummer 1". Zwar schüttelt auf einem Foto am "Grosny"-Zelt auch mal Präsident Dmitri Medwedew dem tschetschenischen Oberhaupt Ramsan Kadyrow die Hand. Gleich daneben aber hängt vorsorglich die entsprechende Aufnahme mit Wladimir Putin. "Putin und Medwedew sind zwar unterschiedliche Leute, gehören aber zu einer Mannschaft", erklärt der Naschi-Vorsitzende Borowikow.

Nach wie vor übertreffen sich die jungen Patrioten darin selbst, Putins Worte in werbewirksame Bilder zu übersetzen. Zwischen Vortragszelten und einem Stand mit patriotischen Kleidern der Jungdesignerin Antonia Schapowalowa steht ein dunkelhaariger Junge, der zwei Pfoten aus Plüsch nach oben hält.

"Das hier ist eine Anspielung auf Putins Worte gegen Korruption", erklärt er zwei Mädchen, die neugierig stehengeblieben sind. "Er meinte, man solle den bestechlichen Beamten die Pfoten abhacken." Sie lächeln erfreut, als der Naschi-Aktivist auch ihnen zwei plüschige Tierpfoten in die Hände drückt. Ein paar Meter weiter nimmt ein Aktivist im russischen Bärenkostüm Lagerbewohner in den Arm. Es lebe der Kuschelpatriotismus.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung