Kreml-TV Der neue Primetime-Präsident

Dmitrij Medwedew auf allen Kanälen - die russischen Fernsehsender machen kräftig Werbung für Putins mutmaßlichen Nachfolger. Schon klagt die Journalistenunion: Der Umfang der Propaganda hat inzwischen Ausmaße erreicht wie zu Sowjetzeiten.

Moskau - Die Primetime beherrscht Dmitrij Medwedew schon jetzt unangefochten. Zwar ist Präsident Wladimir Putins Kronprinz noch nicht gewählt und im Volke bei weitem nicht so beliebt wie der scheidende Staatschef - auf Russlands Bildschirmen hat er seinem Förderer aber schon die Show gestohlen.

Obwohl er sich als einziger Kandidat weigert, an TV-Diskussionen teilzunehmen, ist Dmitrij Medwedew auf den Mattscheiben allgegenwärtig. Das Fernsehen zeigt ihn in der Kirche, im Gespräch mit Gasprom-Mitarbeitern im Blaumann oder mit einem Kleinkind auf dem Schoß. In der abendlichen Hauptsendezeit widmet der staatliche "Erste Kanal" Dmitrij Medwedew 51,5 Prozent der Sendezeit, die sich im Januar mit den Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen am 2. März oder dem Amtsinhaber befassten. Das geht aus einer Untersuchung der Fernsehnachrichten der russischen Journalistenunion hervor.

Putin, der unter dem kommenden Präsidenten Medwedew als Premierminister dienen will, muss sich mit dem zweiten Rang und 37 Prozent der Sendezeit begnügen. Die anderen vier Kandidaten, darunter der inzwischen von der Wahl ausgeschlossene Demokrat Michail Kassjanow rangieren unter ferner liefen.

Kritische Medien ohne entscheidenden Einfluss

Einträchtig haben auch die anderen beiden staatlichen Sender, "Rossija" und "TV Zentr" Medwedew zur Nachricht Nummer eins ausgerufen. Bei Rossija entfallen 48,6 Prozent auf den Thronfolger, bei TV Zentr gar zehn Prozentpunkte mehr. Kommunistenführer Gennadi Sjuganow kommt dort nur auf 0,3, der Vorsitzende der demokratischen Partei Andrei Bogdanow auf ein halbes Prozent. Die Berichterstattung des Privatsenders NTW ist nicht weniger einseitig, so die Ergebnisse der Analyse.

Ein offenbar völlig anderes Bild bietet sich dagegen dem Leiter der Zentralen Wahlkommission, dem Putin-Intimus Wladimir Tschurow. Die meiste Aufmerksamkeit hätten die Medien nicht dem Favoriten des Kreml, sondern dem gescheiterten Liberalen Michail Kassjanow gewidmet. "Medwedew ist vielleicht auf dem dritten oder vierten Platz", beteuert Tschurow. "Offensichtlich haben Herr Tschurow und wir unsere Untersuchungen in völlig verschiedenen Ländern durchgeführt", kontert Oleg Panfilow, Direktor der Journalistenvereinigung.

Nennenswerte Berichterstattung über Kassjanow habe es nur auf dem kleinen Privatsender "Ren-TV" gegeben. "Das ist damit zu erklären, dass es einen objektiven Grund für die verstärkte Berichterstattung über ihn gab: die Schwierigkeiten bei seiner Wahlkampagne", betont Panfilow.

Wie ein schlechter sowjetischer Witz am Abend

Doch verhältnismäßig kritische Medien wie Ren-TV haben lediglich einen kleinen Marktanteil. Nur deshalb lasse sie die Staatsmacht gewähren, meint Igor Jakowenko, Generalsekretär der Journalistenunion. "Medien wie Ren-TV, Radio Echo Moskau oder die Tageszeitung 'Nowaja Gaseta' haben eine Alibifunktion", glaubt Jakowenko. Wenn der Westen die russische Führung wegen der Lage der Pressefreiheit kritisiere, dann könne der Kreml stets auf die kleine "Nowaja Gaseta" oder Ren-TV verweisen. "Nur: All diese Medien zusammen haben nicht ein Zehntel des Einflusses von einem der großen Kanäle. Sie sind dafür da, ein bisschen Dampf abzulassen, aber das ist völlig ungefährlich für die Staatsmacht", unterstreicht Jakowenko.

Die Meinung im Riesenreich Russland machen andere: die drei großen staatlichen Kanäle und der Privatsender NTW, der im Jahr 2001 vom Staatskonzern Gasprom aufgekauft wurde. "Im Unterschied etwa zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland sind die russischen Kanäle ein reines Instrument der Staatsgewalt", sagt Panfilow. Putin hat die Medienmaschinerie perfektioniert. Nach Angaben der Journalistenunion lag zu Beginn von Putins erster Amtszeit im Jahr 2000 der Anteil von extrem positiver Berichterstattung über den Präsidenten im Fernsehen bei 30 Prozent. Bei seiner Wiederwahl vor vier Jahren waren es 47 Prozent. "Heute zählen wir 96 Prozent Propaganda", erläutert Panfilow. "Das erinnert schon stark an sowjetische Zeiten."

Damals kursierten bittere Witze über das sowjetische Fernsehen. So dichteten die Russen etwa ihren Nachrichtensprechern folgenden Satz an: "Meine Damen und Herren, jetzt folgen die neuesten Nachrichten über den Parteichef Leonid Breschnew und zwei Minuten über das Wetter."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.