Krieg am Hindukusch Afghanistan-Einsatz erreicht Dauer der Sowjet-Besatzung

An diesem Freitag ist eine historische Marke erreicht: Die von den USA angeführte Anti-Terror-Koalition kämpft seit neun Jahren und 50 Tagen in Afghanistan - genauso lang wie die Sowjetunion Ende der Achtziger. Droht den Verbündeten das Schicksal der Roten Armee?
US-Soldaten in Afghanistan: Krieg mit offenem Ausgang

US-Soldaten in Afghanistan: Krieg mit offenem Ausgang

Foto: DAVID FURST/ AFP

im Oktober 2001 in Afghanistan

Kabul - Zunächst sah es nach einem schnellen militärischen Sieg aus: Infolge der Terroranschläge vom 11. September marschierten die Amerikaner und ihre Verbündeten ein und stürzten rasch das Taliban-Regime. Doch daraus hat sich inzwischen ein langer Krieg mit täglichen Anschlägen, Offensiven und Gegenoffensiven entwickelt - Ausgang offen.

An diesem Freitag sind die internationalen Truppen unter US-Führung exakt neun Jahre und 50 Tage im Einsatz am Hindukusch. Damit erreichen sie die historische Marke der Sowjetunion: Deren Rote Armee zog 1989 nach genau dieser Zeitspanne aus Afghanistan ab.

Die Parallele zur UdSSR fällt in eine Zeit, in der die USA und ihre Nato-Verbündeten diskutieren, wie lang sie selbst überhaupt noch am Hindukusch kämpfen wollen. Erst am vergangenen Wochenende hatte die Nato ein Abzugskonzept beschlossen. Demnach soll schon 2012 die Reduzierung der Einheiten beginnen, ab 2014 sollen die Afghanen selbst für ihre Sicherheit sorgen.

Doch anlässlich seines Berlin-Besuchs Anfang der Woche wollte weder der Isaf-Oberbefehlshaber, US-General David Petraeus, noch Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) mit konkreten Abzugsdaten jonglieren: "Das Wort Geduld wird die Mission weiter begleiten", warnte Guttenberg. Zwar gebe es im Land und im Norden erste Erfolge, doch die internationale Gemeinschaft brauche "einen langen Atem".

Flächenbombardements für den Kommunismus

Als die Truppen der Sowjetunion am 27. Dezember 1979 in Afghanistan einrückten, wollten sie das Land in einen sozialistischen Staat verwandeln. Sie sollten ein kommunistisches Regime stützen, das sich mit einem Aufstand konfrontiert sah. Am 15. Februar 1989 aber zogen sie besiegt ab.

Kaum zu vergleichen ist die Zahl der Opfer: Während der sowjetischen Präsenz von Dezember 1979 bis Februar 1989 wurden bei Flächenbombardements Experten zufolge mehr als eine Million Zivilpersonen getötet. Beim Einsatz der Nato sind nach Angaben afghanischer Wissenschaftler bisher rund 20.000 Menschen ums Leben gekommen.

Rund eine halbe Million Sowjetsoldaten waren in den afghanischen Kriegsjahren im Rotationsverfahren an die afghanische Front befohlen worden. Wehrpflichtige zumeist, die für 20 Rubel Monatssold ihr Leben aufs Spiel setzen mussten. 15.000 fielen, 40.000 wurden verwundet.

Das Fiasko in Afghanistan war die einzige große militärische Niederlage der Sowjetunion während der sieben Jahrzehnte ihres Bestehens. Vier Jahre lang hatte die Rote Armee benötigt, um Nazi-Deutschland in die Knie zu zwingen - am Hindukusch aber gelang ihr auch nach neun Jahren kein Sieg gegen die islamistischen Freischärler, die von den Amerikanern mit Waffen unterstützt wurden.

Der Krieg gegen Afghanistan wurde auch zum Katalysator des schnellen politischen und ökonomischen Verfalls des Riesenreichs. Und auch zum Treibsatz für den Aufstieg von Michail Gorbatschow, dem Vorkämpfer für Offenheit (Glasnost) und Umgestaltung (Perestroika).

Die Freischärler unterschätzt

Beim Einmarsch 1979 hatte die Sowjetführung um den damaligen Parteichef Leonid Breschnew vor allem die Sicherung überkommener Machtstrukturen im Auge. Nur ein Kreml-höriges kommunistisches Regime, so das Kalkül, könne hinreichend Schutz vor der Gefahr bieten, nach Iran nun mit dem von einem Bürgerkrieg zerrissenen Afghanistan einen zweiten religiös-militanten Staat als südlichen Nachbarn zu erhalten.

Als die Rote Armee in Afghanistan einzog, wurde sie allerdings keineswegs als Beschützer bejubelt - sondern als Invasor und Besatzer beschimpft. Ausgerüstet waren die Soldaten vor allem für einen möglichen Gegenschlag des Westens. Doch nicht der Westen griff zur Überraschung der Sowjets ein - sondern die Afghanen selbst. Dafür war die UdSSR mit ihrem schweren Gerät, mit ihren Luftabwehr- und Kurzstreckenraketen gar nicht gerüstet.

Auch operativ und taktisch waren die Sowjettruppen miserabel vorbereitet. Jahrelang versuchten sie, das Land in Großoperationen zu befrieden. Tausende Soldaten rückten mit Panzern, Artillerie und schwerem Gerät in Regionen ein, die von Mudschahidin besetzt waren. Für die in kleinen Trupps beweglich operierenden und geländekundigen Freischärler war es kein Problem, diesen Frontalangriffen auszuweichen.

Tödliches Abenteuer am Hindukusch

Drang die fremde Streitmacht tiefer vor oder setzte sie sich gar in Stellungen fest, überfielen die Islamisten mit großem Erfolg Nachschubkolonnen und Außenposten. Zogen sich die Invasoren wieder zurück, besetzten die Mudschahidin unverzüglich wieder ihre alten Positionen - die sowjetischen Strategen lernten mit zwei Jahrzehnten Verspätung die gleichen Lektionen wie Amerikas Militärs in Vietnam.

Erst als die Sowjetarmee ihre Taktik änderte, schien sich das Kriegsglück zu wenden - vorübergehend: Mit kleinen, selbständig operierenden Einheiten, Hubschraubern sowie massiver Unterstützung durch Kampfflugzeuge gelangen den Sowjets ab 1985 immer häufiger Erfolge gegen die Rebellen. Die fanden schließlich Hilfe bei den Amerikanern. Washington lieferte Stinger-Raketen, von nur einem Mann zu bedienende tödliche Anti-Flugzeug-Waffen. Zeitweise verloren die Sowjets im Schnitt ein Flugzeug oder einen Hubschrauber pro Tag.

Von da an konnten die Sowjets den Krieg nicht mehr gewinnen. Gorbatschow beendete das tödliche Abenteuer am Hindukusch.

sef/dapd
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