Krieg am Horn von Afrika Somalische Regierung meldet Einnahme von Mogadischu

Chaos in Mogadischu: Islamistische Kämpfer entledigen sich ihrer Uniformen, Milizen früherer Warlords übernehmen die Macht auf den Straßen - und die Bewohner verstecken sich aus Angst. Die Regierungsvertreter melden, man habe die somalische Hauptstadt eingenommen.


Mogadischu - Die somalische Hauptstadt Mogadischu ist seit Donnerstag unter Kontrolle der Übergangsregierung. Das meldete die somalische Nachrichtenagentur Shabelle unter Berufung auf Parlamentsabgeordnete. Soldaten der Regierung hätten außerhalb der Stadt Stellung bezogen. Es hieß, sie warteten auf hohe Regierungsmitglieder, um von ihnen in die Stadt begleitet zu werden. Zuvor hatten sich die islamistischen Milizen aus Mogadischu zurückgezogen, um nach eigener Darstellung unnötiges Blutvergießen zu vermeiden.

Augenzeugen in Mogadischu berichten von Plünderungen und Schusswechseln. Milizionäre, die Menschen von der Plünderung eines Waffengeschäftes in Mogadischu abhalten wollten, töteten Augenzeugenberichten zufolge fünf Menschen. "Ich sah vier Leichen auf dem Boden liegen, nachdem die lokale Miliz das Feuer eröffnete", sagte ein Geschäftsmann aus dem Viertel. Zudem sei ein älterer Zivilist von einem Irrläufer tödlich getroffen worden.

Die jüngste Entwicklung nährt Sorgen, es könnten wieder chaotische Zustände in der Stadt einziehen, die ohnehin als eine der gefährlichsten weltweit gilt. Denn die Anhänger des "Rats der somalischen islamischen Gerichte" (SICC) hatten in Mogadischu eine gewisse Stabilität erreicht, unter anderem durch Einführung der Scharia, des islamischen Rechts. Heute erklärten die Extremisten, sie hätten alle Führer und Mitglieder aus Mogadischu abgezogen.

Wie der Abzug einzuschätzen ist, ob als Niederlage oder als Strategiewechsel, ist noch nicht absehbar. Scheich Sharif Ahmed, ein hochrangiger Vertreter der Islamisten, sprach von einer Änderung der Taktik. Ein Kämpfer dagegen sprach offen von einer Niederlage. "Wir sind geschlagen worden. Ich habe meine Uniform ausgezogen, das haben auch die meisten meiner Kameraden getan", sagte er. "Der Großteil der Anführer ist geflohen."

Ausnahmezustand verhängt

Die somalische Übergangsregierung verhängte den Ausnahmezustand. Ein Sprecher der Regierung warf den Milizionären der islamischen Gerichte vor, vor ihrem Abzug die Arsenale geöffnet und Waffen und Munition an die örtliche Bevölkerung ausgeteilt zu haben, um "Chaos und Unruhen" zu provozieren.

Regierungssprecher Abdirahman Dinari sagte, die Regierung biete allen Extremisten eine Amnestie an, die die Seiten wechselten. Der Ministerpräsident werde zunächst im provisorischen Lager in Baidoa bleiben. So bald wie möglich solle die Regierung nach Mogadischu übersiedeln - was 15 Jahre nach dem Sturz von Diktator Mohammed Siad Barre ein deutlicher Schritt hin zur Legitimität wäre.

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Die Vereinten Nationen schalteten sich zunächst nicht in den Konflikt ein. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen setzte seine Beratungen in New York gestern bis auf weiteres aus. Eine schnelle Wiederaufnahme ist nicht zu erwarten, da die Differenzen unter den 15 Mitgliedern nicht ausgeräumt werden könnten.

Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, Unicef, appellierte gleichwohl an die internationale Gemeinschaft, eine politische Lösung zu finden. Es drohe ein gefährliches Machtvakuum. Schon jetzt müssten Hilfsprogramme für die Bevölkerung eingeschränkt oder zeitweise gestoppt werden. Unicef zufolge sind 1,8 Millionen Menschen in Somalia auf Hilfe von außen angewiesen, darunter 340.000 Kinder unter fünf Jahren. Die Gesellschaft für bedrohte Völker warnte ebenfalls vor einer humanitären Katastrophe. Helfer rechneten mit bis zu 200.000 neuen Flüchtlingen, hieß es.

Seit einer Woche hatten sich die Kämpfe in Somalia zugespitzt. Regierungstruppen rückten immer näher auf Mogadischu vor und verdrängten die islamistischen Rebellen aus der Hauptstadt. "Wir haben jetzt die Verantwortung", sagt der Parlamentarier Mohammed Jama Fuuruh. Augenzeugen in den Außenbezirken berichteten vom Einmarsch der Soldaten.

Übergangsregierung besetzt Schlüsselpositionen

Laut Regierungssprecher Dinari sind die Truppen der Exilregierung dabei, die Kontrolle über die Stadt zu übernehmen. Die Islamisten seien in die südliche Hafenstadt Kismayu geflohen. Die Übergangsregierung kontrolliere nun 95 Prozent des Landes am Horn von Afrika.

Anhänger der somalischen Übergangsregierung halten nach eigenen Angaben den Flughafen und den Präsidentenpalast in Mogadischu besetzt. "Wir haben die Kontrolle über den Flughafen übernommen", sagte ein Kommandeur einer lokalen Miliz, Salad Ahmed Mohamed. Die Miliz eines jetzigen Ministers in der Übergangsregierung und früheren Warlords, Hussein Aidid, habe den Präsidentenpalast unter ihre Kontrolle gebracht, sagte ein anderer Kommandeur, Abdullahi Hashi Nur.

Augenzeugen zufolge begrüßten die Bewohner in Außenbezirken Mogadischus die Soldaten überschwänglich. "Die Menschen klatschen und werfen den Truppen Blumen zu", sagte der Einwohner Abdikadar Abdulle zu Reuters. Dutzende Soldaten marschierten vor etwa hundert schwer bewaffneten Fahrzeugen. "Sie haben sich bei mir für die freundliche Begrüßung bedankt", sagte Abdulle.

Der Ministerpräsident Äthiopiens, der die Regierungstruppen des Nachbarlandes unterstützt, sagte, er werde kein Abgleiten der Hauptstadt ins Chaos zulassen. Im Zentrum Mogadischus gaben sich die Menschen gleichwohl vorsichtig. "Es hängt Unsicherheit in der Luft", sagte Bewohner Muktar Abdi. "Meine größte Sorge ist, dass die Hauptstadt wieder zu ihrer alten Anarchie zurückkehrt."

asc/Reuters/AFP/dpa



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