Krieg am Horn von Afrika Tausende bei Offensive in Somalia getötet

Beim Marsch der Regierungstruppen auf Mogadischu wurden äthiopischen Angaben zufolge bis zu 3000 Islamisten getötet. Doch die Gotteskrieger sind längst nicht besiegt - Somalia steht ein grausamer Bürgerkrieg bevor, Experten warnen vor einem zweiten Irak.


Mogadischu/Addis Abeba - Der äthiopische Regierungschef Meles Zenawi sagte in Addis Abeba, nach ihm vorliegenden Schätzungen seien "vielleicht zwischen 2000 und 3000" Islamisten getötet und "bis zu 4000 oder 5000" weitere verletzt worden. Zenawi machte keine Angaben zu möglichen Opfern bei den somalischen Truppen, die von äthiopischen Soldaten unterstützt werden. Die Islamisten gaben an, sie hätten hunderte Soldaten getötet.

Truppen der somalischen Übergangsregierung: "Gesetz und Ordnung herstellen"
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Truppen der somalischen Übergangsregierung: "Gesetz und Ordnung herstellen"

Heute zogen sich die islamischen Milizen aus der somalischen Hauptstadt Mogadischu zurück, die sie im Sommer erobert hatten. Wenige Stunden später marschierten die von Äthiopien unterstützten somalischen Regierungstruppen ein. Regierungschef Ali Mohamed Gedi sagte, die Soldaten hätten "in mehreren Bezirken" Mogadischus Stellung bezogen. Die Stadt sei unter ihrer Kontrolle.

Die von Äthiopien unterstützten Soldaten der Übergangsregierung fuhren mit gepanzerten Fahrzeugen, auf die Maschinengewehre montiert waren, in die Stadt ein. Gedi flog mit einem Hubschrauber von Baidoa, dem provisorischen Regierungssitz der vergangenen Monate, nach Mogadischu. Er äußerte die Hoffnung, dass die mächtigen regionalen Kriegsherren - die so genannten Warlords, die unter den Islamisten an Einfluss verloren hatten - die Regierung dabei unterstützen werden, "Gesetz und Ordnung" im Land wieder herzustellen.

Die Milizen der Union der Islamischen Gerichte hatten Mogadischu zuvor aufgegeben - wie sie sagten, um unnötiges Blutvergießen zu verhindern. Ein Teil der Kämpfer floh aus der Stadt, andere entledigten sich lediglich ihrer Uniformen oder Turbane und rasierten sich - wie Augenzeugen schilderten - die Bärte ab. Islamistenführer Scheich Scharif Ahmed erklärte, der Abzug aus der Stadt bedeute keineswegs eine Niederlage: "Mitglieder der Union der Islamischen Gerichte werden sich nicht ergeben. Wir werden uns verteidigen und dem Feind eine Niederlage zufügen." Er warf den äthiopischen Truppen "Völkermord am somalischen Volk" vor. Am Vortag hatte er von "Strategiewechsel" gesprochen und mit Guerillataktik gedroht.

Unter den ersten Maßnahmen, die die Übergangsregierung traf, war die Aufhebung von Verboten, die die Islamisten verhängt hatten. So durften Kinos und Kioske, in denen die als Rauschmittel genutzten Kat-Blätter angeboten werden, wieder öffnen. Auch durfte wieder Unterhaltungsmusik gehört werden.

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Äthiopiens Ministerpräsident Meles Zenawi sagte derweil in Addis Abeba, sein Land habe seine Aufgabe zu 75 Prozent erfüllt. Jetzt müsse Somalia nur noch "von allen Terroristen" befreit werden. Das christlich geprägte Land hatte den Islamisten, die nach dem Fall von Mogadischu im Juni den Großteil Somalias kontrollierten, am vergangenen Wochenende den Krieg erklärt und unter anderem mit seiner Luftwaffe in den Konflikt eingegriffen. Äthiopien unterstützte die Übergangsregierung, um einen islamischen Gottesstaat in Somalia zu verhindern. Die Afrikanische Union hatte am Vortag den sofortigen Rückzug aller ausländischen Truppen auf beiden Seiten der Konfliktparteien gefordert.

Vor dem Einmarsch der Truppen der Übergangsregierung war es in Mogadischu nach Angaben von Augenzeugen auch zu Plünderungen gekommen. Kämpfer verschiedener Warlords bemächtigten sich vieler der von den Islamisten zurückgelassenen Waffen. Andere Gruppen hatten Straßensperren errichtet.

Während sich der Uno-Sicherheitsrat nach einer weiteren ergebnislosen Debatte am Mittwochabend bis auf weiteres nicht mehr mit dem Konflikt befassen wollte, warnten Organisationen und Politiker vor einer humanitären Katastrophe und einer Destabilisierung der Nachbarstaaten.

Der schwedische Diplomat Jens Odlander - der an europäischen Vermittlungsbemühungen beteiligt war - berichtete dem Rundfunk seines Landes aus Kenia, es gebe nun Berichte über heftige Kämpfe zwischen den einzelnen Clans. "Die wenigen Krankenhäuser in Mogadischu und anderen Städten sind nach Tagen heftiger Kämpfe überfüllt."

Vor der Küste Jemens sind nach Angaben der Vereinten Nationen zwei Boote mit Kriegsflüchtlingen aus Somalia gekentert. Dabei seien mindestens 17 Menschen ums Leben gekommen, rund 140 würden noch vermisst, teilte das Flüchtlingshilfswerk UNHCR in Zürich mit. Viele der Überlebenden gaben der Organisation zufolge an, vor dem Konflikt zwischen den von Äthiopien unterstützten somalischen Regierungstruppen und den Islamisten geflohen zu sein. Die Boote seien am Mittwochabend gekentert.

Kritik an den USA

Ein Ende des seit über 20 Jahren andauernden Bürgerkrieges ist mit dem Rückzug der Islamisten noch nicht in Sicht. Beobachtern zufolge beweist der von Washington unterstützte Armeeeinsatz Äthiopiens vor allem, dass die USA an einem weiteren Brandherd der Welt mit ihrer Strategie gescheitert sind, auf militärische Übermacht statt auf Diplomatie zu setzen.

Die USA verfolgten eine rein militärische Politik, die frei von jeglichen Frieden schaffenden Elementen sei, kritisiert John Prendergast, Afrika-Experte der International Crisis Group (ICG). Nur allzu deutlich sei die Abwesenheit von US-Diplomaten bei den meisten diplomatischen Initiativen für Friedensverhandlungen gewesen, die von der Europäischen Union in diesem Monat initiiert worden seien. "Das Ergebnis ist, dass sowohl Äthiopien als auch die Islamischen Gerichte glauben, die USA unterstützten eine militärische Lösung in Somalia". Die Folge dieser Einschätzung: Die Spannungen würden weiter angeheizt und ein Frieden zu einem "entfernten Traum", sagt Prendergast.

Seit dem Sturz des somalischen Diktators Siad Barre im Jahr 1991 sind die Erfahrungen der USA in dem Land am Horn von Afrika geradezu traumatisch. Der Versuch, inmitten einer katastrophalen humanitären Situation 1993 die Herrschaft der Warlords zu beenden, scheiterte kläglich: 18 US-Soldaten wurden getötet, ihre von Kugeln durchsiebten Leichen von einer johlenden Menge durch die Straßen geschleift. Mehr als ein Jahrzehnt später änderte die CIA im Rahmen des Anti-Terror-Kampfes ihre Taktik und begann, eben jene früher bekämpften Warlords zu unterstützen, um den rasch wachsenden Einfluss der Islamisten zu schwächen.

Stellvertreterkrieg: Äthiopien, USA gegen Saudi-Arabien, Iran, Syrien

Als auch diese Strategie nicht aufging, schaltete sich das US-Außenamt in diesem Jahr in Vermittlungsbemühungen zwischen den Islamisten und der somalischen Übergangsregierung ein. Ein erneutes Umdenken wurde erkennbar, als der Afrikabeauftragte des Außenministeriums, Jendayi Frazer, vor dem angeblich zunehmenden Einfluss des Terrornetzwerks al-Qaida auf die Islamisten in Ostafrika warnte. Zwar widersprachen andere US-Experten Frazers Einschätzung, das Ergebnis war jedoch, dass sich die USA wieder aus den diplomatischen Initiativen zurückzogen. Denn Verhandlungen mit Islamisten sind für Washington schlicht undenkbar.

Stattdessen geben die USA nun ihrem engen Verbündeten Äthiopien Rückendeckung bei seinen Militäraktionen in Somalia. .

Nach einem kürzlich veröffentlichten Uno-Bericht sind mindestens zehn Staaten in Somalia direkt oder indirekt involviert, ein deutliches Zeichen für die strategische Bedeutung des Landes am Horn von Afrika. Die Islamisten werden demnach unter anderem von Eritrea, dem Erzfeind Äthiopiens, aber auch von Saudi-Arabien, Iran, Syrien und Libyen unterstützt. Augenzeugen berichten auch von pakistanischen Kämpfern in Somalia.

Nach Ansicht mancher Experten ähnelt die politische Situation in Somalia der Lage im Irak zu Beginn des Krieges. Sollte diese Analyse zutreffen, dann ist das militärische Vorgehen Äthiopiens gegen die Islamisten in Somalia nur der Auftakt eines lange anhaltenden Konflikts. "Ähnlich wie im Irak beobachten wir schnelle militärische Erfolge gegen die Islamisten zu Beginn der Auseinandersetzungen", erläutert Matt Bryden, Berater der International Crisis Group. Aber das bedeute noch lange nicht, dass die Islamisten besiegt seien.

Es sei zu erwarten, dass die Islamisten künftig auf Guerillataktik setzen und die somalische Übergangsregierung und die verbündeten Äthiopier durch gezielte Terroranschläge bekämpfen. Wie das aussehen könnte, haben die Somalis bereits erlebt: In diesem Jahr gab es erstmals einen Selbstmordanschlag in Somalia, Präsident Abdullahi Yusuf entkam ihm nur knapp. Zwar bestritt die Union der Islamischen Gerichte, in den Anschlag verwickelt gewesen zu sein, doch es ist nach Meinung von Beobachtern nicht unwahrscheinlich, dass zumindest Sympathisanten der Islamisten dahinter steckten.

asc/dpa/AFP/Reuters/AP



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