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15. Oktober 2012, 17:36 Uhr

Krieg gegen Assad

Uno spricht von 30.000 Toten in Syrien

Der Bürgerkrieg in Syrien erreicht laut Uno eine neue Dimension. Die Vereinten Nationen gehen mittlerweile von mehr als 30.000 Toten aus. Folter und Erschießungen seien inzwischen Alltag.

Aleppo - Seit 20 Monaten tobt die Gewalt in Syrien. Nun melden die Vereinten Nationen, dass seit Beginn der Kämpfe mehr als 30.000 Menschen getötet worden sind. "Wir haben nicht die Möglichkeit, genaue Zahlen festzustellen oder zu überprüfen. Aber wir müssen mittlerweile von 30.000 Toten ausgehen", sagte der Uno-Untergeneralsekretär für Politische Fragen, Jeffrey Feltman, im Sicherheitsrat. "Die Gewalt des Konflikts hat erneut eine neue Dimension erreicht. Folter und Erschießungen sind alltäglich", sagte Feltman weiter.

Bei den Kämpfen zwischen syrischen Regierungstruppen und bewaffneten Rebellen in Aleppo hat zudem eine weitere Kulturstätte großen Schaden genommen: die Umajjaden-Moschee in der Altstadt. Wie ein AFP-Reporter berichtete, wurden in der im achten Jahrhundert erbauten Moschee Teppiche verbrannt, Fensterscheiben zertrümmert und kostbare Gegenstände entwendet. Reliquien, die nach der Überlieferung vom Propheten Mohammed stammten, verschwanden aus einer Truhe.

Auch eine unbekannte Anzahl wertvoller Bücher wurden aus den Schränken gestohlen, auf dem Boden lagen neben zahllosen Patronenhülsen zerrissene und verbrannte Koran-Exemplare. Mehrere Holzmöbel in einem Gang im Innenhof waren komplett verbrannt. Die Umajjaden-Moschee liegt in der zum Welterbe gehörenden Altstadt der syrischen Handelsmetropole.

Am Samstag hatten die Rebellen das Gotteshaus teilweise eingenommen. Am Sonntag wurde es von den Regierungstruppen wieder zurückerobert, wie Militärvertreter und eine syrische Nichtregierungsorganisation berichteten. Nach Angaben der amtlichen Nachrichtenagentur Sana berief Präsident Baschar al-Assad am Montag eine Kommission, um die Moschee zu restaurieren.

In der Altstadt liegt auch der weltberühmte Souk von Aleppo, der größte überdachte Basar im Nahen Osten. Bei den Kämpfen gerieten Ende September auch Teile des Souks in Brand, zahlreiche Geschäfte wurden komplett zerstört.

Waffenruhe zum Opferfest?

Bei den diplomatischen Bemühungen um eine Lösung des Dauerkonflikts hat der internationale Syrien-Gesandte Lakhdar Brahimi einen neuen Vorstoß gewagt. Er rief die Konfliktparteien zu einer Waffenruhe zum islamischen Opferfest Eid al-Adha auf. Brahimi hatte bei seinem Besuch in Teheran die iranischen Behörden gebeten, ihm bei der Durchsetzung einer Waffenruhe während "eines der heiligsten Feste der Muslime weltweit" zu unterstützen. Id al-Adha wird zum Höhepunkt der jährlichen muslimischen Pilgerfahrt nach Mekka gefeiert. In diesem Jahr beginnt das dreitägige Opferfest am 26. Oktober.

Brahimi hält sich derzeit zu einer Vermittlungsmission im Syrien-Konflikt in der Region auf. Nach Saudi-Arabien und der Türkei traf er am Sonntag in Iran ein, einem der Hauptverbündeten der Führung in Damaskus. Am Montag reiste er dann nach Bagdad weiter.

EU verweigert Aufnahme von syrischen Flüchtlingen

Nach Angaben der politischen syrischen Opposition erwägt Brahimi zur Beilegung des Konflikts auch die Entsendung von Uno-Blauhelmsoldaten. Die "Idee" werde derzeit noch genauer geprüft, sagte der Vertreter des Syrischen Nationalrats, Ahmad Ramadan, in der katarischen Hauptstadt Doha der Nachrichtenagentur AFP. Dort tagt derzeit das Führungsgremium des Syrischen Nationalrats. Nach Angaben Ramadans geht es bei den Beratungen um die Lage in Syrien und das Flüchtlingsproblem.

Keine Fortschritte gibt es bei dem immer massiveren Flüchtlingsproblem. Die Europäische Union lehnt eine Aufnahme von Vertriebenen aus Syrien im großem Stil weiter ab. "Der klare Schwerpunkt muss sein, die Flüchtlinge vor Ort zu versorgen", sagte der deutsche Außenminister Guido Westerwelle in Luxemburg bei einem Treffen der EU-Außenminister. Ihren russischen Kollegen Sergej Lawrow konnten die Außenminister offenbar nicht von einer härteren Haltung gegenüber Syrien überzeugen.

Vor dem blutigen Konflikt zwischen Aufständischen und Regierung in Syrien sind Schätzungen der Uno zufolge bisher mehr als 300.000 Menschen in die Nachbarländer geflohen. In den Auffanglagern der Türkei ist inzwischen die Zahl von 100.000 Flüchtlingen überschritten, wie das türkische Katastrophenschutzamt mitteilte.

Der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu hatte bereits im Sommer erklärt, die Schwelle von 100.000 Flüchtlingen markiere das Ende der Aufnahmefähigkeit seines Landes.

jok/AFP/dapd/dpa

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