Krieg gegen Rebellen Äthiopien meldet Tod von bis zu tausend Islamisten in Somalia

Äthiopiens Premier Meles hat den Tod von bis zu tausend islamistischen Kämpfern im Nachbarland Somalia verkündet. Die Milizen seien "auf dem vollen Rückzug", man habe ihnen "das Rückgrat gebrochen". Die Milizen teilten dagegen mit, es handle sich nur um einen taktischen Rückzug.


Hamburg – Premier Meles Zenawi sagte, die Islamisten in Somalia seien nach den äthiopischen Luftangriffen in vollem Rückzug. Bei einer Bodenoffensive zusammen mit Truppen der offiziellen Regierung des Nachbarlandes seien bis zu 1000 Kämpfer der Milizen getötet und 3000 verwundet worden. "Unglücklicherweise gibt es auf der anderen Seite schwere Verluste", sagte er. "Die Streitmacht der somalischen Regierung und Äthhiopiens hat den internationalen terroristischen Kräften das Rückgrat gebrochen." Unter den Toten seien "einige Somalier, aber die meisten sind ausländische Kämpfer".

Bomben in Mogadischu - Viele Einwohner laufen nach der Bombardierung zum Flughafen.
DPA

Bomben in Mogadischu - Viele Einwohner laufen nach der Bombardierung zum Flughafen.

Unabhängig abgesicherte Toten-Zahlen gibt es bisher nicht. Nach Informationen des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) sind mehr als 800 Menschen verletzt worden. Dies ergebe sich aus verschiedenen aktuellen Berichten der Gesundheitsdienste vor Ort, teilte eine Sprecherin mit.

Jetzt bewegen sich die äthiopischen und offiziellen somalischen Truppen den Angaben zufolge auf die Hauptstadt Mogadischu zu. "Die äthiopischen Truppen sind etwa 70 Kilometer von Mogadischu entfernt", sagte Abdikarin Farah, der somalische Botschafter in Äthiopien. Das Nachbarland hatte angekündigt, die somalische Übergangsregierung zu unterstützen. Diese ist zwar international anerkannt, der größte Teil des Landes ist aber bisher unter der Kontrolle der Miliz der islamischen Gerichte.

Die international anerkannte Übergangsregierung forderte die Miliz zur Kapitulation auf und bot den Kämpfern eine Amnestie an. "Wir fordern die Miliz der islamischen Gerichte auf, sich der Regierung zu ergeben, bevor sie von ihr bestraft wird", sagte Regierungssprecher Abdirahman Dinari in der Stadt Baidoa, wo die Übergangsregierung ihren Sitz hat.

Der Führer des Rats der Islamischen Gerichte, Sheik Sharif Sheik Ahmed, gab sich jedoch unbeugsam und sagte, die Miliz habe sich lediglich zu einem taktischen Rückzug entschlossen. "Der Krieg tritt in eine neue Phase ein", sagte Ahmed. "Wir werden sehr lange gegen Äthiopien kämpfen und erwarten, dass sich der Krieg auf alle Orte ausweitet." Islamisten-Sprecher Abdi Kafi sagte, es werde der Tag des jünsten Gerichts für die Angreifer. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis man sie aus allen Richtungen attackieren werde.

Islamisten verlegen Stellungen zurück

An der Hauptfront nahe der im Westen gelegenen Stadt Baidoa verlegten die Einheiten des Rats der Islamischen Gerichte ihre Stellungen mehr als 50 Kilometer nach Südosten, wie Augenzeugen berichteten. Außerdem gaben sie ihre Stellung in Bur Hakaba auf. "Wir sind heute morgen aufgewacht, und die Stadt war leer, kein einziger islamischer Kämpfer ist noch da", sagte ein Bewohner von Bur Hakaba. Im Norden des Landes zogen Regierungstruppen und äthiopische Einheiten in der Stadt Bulo Barde ein. Dort hatte ein islamischer Geistlicher vor zwei Wochen mit der Hinrichtung für alle gedroht, die sich nicht fünf Mal am Tag zum Gebet niederließen.

SPIEGEL ONLINE
Premier Meles Zenawi hatte am Samstag offiziell den somalischen Islamisten den Krieg erklärt. Er begründete dies mit dem Kampf gegen internationale Terroristen und der Wahrung äthiopischer Interessen. Daraufhin griffen äthiopische Kampfflugzeuge am Montag die beiden internationalen Flughäfen in Mogadischu und Baledogle an.

Somalia ist seit Beginn des Bürgerkriegs in den neunziger Jahren ein zerfallenes Land, in dem die offizielle Staatsmacht bisher faktisch keine Kontrolle mehr hatte. Vor Monaten verlor die international anerkannte Regierung die Macht über die Hauptstadt Mogadischu und zog sich nach Baidoa zurück. Auch dort kam sie jüngst unter Bedrängnis der Truppen der islamischen Gerichte. Das Land ist faktisch dreigeteilt: Im Süden kämpfen die offizielle Regierung und die islamistischen Truppen um die Macht. Letztere haben es zuletzt geschafft, große Teile der von vielen Stammes- und Provinzfürsten bestimmten Gebiete auf ihre Seite zu bekommen und die von ihnen beherrschten Regionen weitgehend zu kontrollieren. Der Norden, Somaliland, hat sich 1991 vom Rest Somalias faktisch abgespalten und für unabhängig erklärt. Im Nordosten folgte 1998 Puntland, das in diesem Jahr jedoch auch von den Truppen der islamischen Gerichte bedrängt wurde.

Das stark christlich geprägte Äthiopien unterstützt mit den Angriffen die offizielle Regierung Somalias gegen die Bewegung der islamischen Gerichte. Die Islamisten werden von Äthiopiens Erzfeind Eritrea unterstützt - dies ist der Grund, warum Diplomaten einen Krieg größeren Ausmaßes am Horn von Afrika fürchten, der extremistische Kämpfer anziehen und zu Terrorattentaten in der Region führen könnte.

Äthiopien sieht sich seit langem durch die Regierungen der Nachbarstaaten Eritrea im Norden und Sudan im Nordwesten bedroht, fürchtet Begehrlichkeiten von Nachbarstaaten auf fragile äthiopische Provinzen - und will deshalb eine Machtübernahme der Islamisten in Somalia um jeden Preis verhindern. International steht Premier Menes wegen seines militärischen Vorgehens in der Kritik.

sac/Reuters



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.