Krieg im Kaukasus Abchasien droht Tiflis mit zweiter Front

Der Einmarsch in Südossetien alarmiert die Regierung in Georgiens anderer abtrünniger Provinz Abchasien. Außenminister Sergej Schamba kündigt im Interview mit SPIEGEL ONLINE Attacken an, wenn Tiflis nicht einlenkt - und fordert von Russland hartes Vorgehen.


SPIEGEL ONLINE: Wie reagiert Abchasien nun auf die Vorfälle in Südossetien?

Schamba: Wir haben eine Absprache mit Südossetien, wie in Krisensituationen zu handeln ist. Danach werden wir jetzt auch vorgehen. Unser Sicherheitsrat hat die ganze Nacht getagt und heute Morgen hat sich unsere Armee in Richtung der georgischen Grenze bewegt.

SPIEGEL ONLINE: Wird nun also in Abchasien eine zweite Front eröffnet?

Schamba: Das hängt davon ab, wie sich die Lage in Südossetien weiter entwickelt. Wir verstehen sehr gut, dass wir Abchasen nach Südossetien an der Reihe sein werden. Wenn die Situation sich nicht wieder stabilisiert, dann müssen wir die zweite Front eröffnen.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist die Situation gerade jetzt eskaliert?

Schamba: Nach der Anerkennung des Kosovo hat sich die Situation verschärft und Georgien sieht, dass es Südossetien und Abchasien verliert. Weitere Gespräche entfernen die beiden Republiken nur weiter von Georgien. Deshalb haben die Georgier selbst angefangen, die Situation zu verschärfen, frühere Vereinbarungen zu verletzen und einen stetigen Druck auszuüben. Das hat natürlich zu Gegenreaktionen geführt und darum ist diese Situation außer Kontrolle geraten. Man hat es eigentlich in Abchasien erwartet, aber jetzt passiert es in Südossetien.

SPIEGEL ONLINE: Was erwarten Sie nun in dieser Situation von Russland?

Schamba: Von Russland und allen Mitgliedern des Uno-Sicherheitsrats erwarten wir ein hartes Vorgehen. Wir erwarten, dass sie die Dinge beim Namen nennen. Bisher gab es nur abstrakte Erklärungen, in denen Georgien nie konkret beschuldigt wurde. Dies führte dazu, dass Georgien entsprechend handelte und jetzt auf niemanden Rücksicht nimmt. Aber es gibt wenig Hoffnung auf eine gerechte Beurteilung. Denn wir denken, dass Georgien von seinen Partnern eine Carte Blanche für dieses Vorgehen erhalten hat. Sonst hätte Georgien nicht so gehandelt. Vor allem nicht an dem Tag, an dem die Olympischen Spiele eröffnet werden.

SPIEGEL ONLINE: Denken Sie denn, dass Russland so handeln wird, wie Sie es fordern?

Schamba: Es gab schon viele Erklärungen von russischer Seite, dass sie eine georgische Aggression nicht zulassen werden. Aber wir haben uns immer auf die eigenen Kräfte verlassen.

SPIEGEL ONLINE: Treffen bei Ihnen denn schon Freiwillige aus dem Nordkaukasus ein?

Schamba: Im Moment beobachten wir die Situation. Wenn es zu noch größeren Kampfhandlungen kommt und die zweite Front eröffnet wird, dann werden wir uns an sie wenden. Alle werden bereit sein, uns zu helfen. Genau wie sich jetzt die Freiwilligen auch nach Südossetien aufmachen.

SPIEGEL ONLINE: Warum sollte Abchasien aus Ihrer Sicht überhaupt unabhängig sein?

Schamba: In erster Linie, weil es der Wille unseres Volkes ist, das in seiner ganzen Geschichte immer für seine Staatlichkeit und seine Identität gekämpft hat und meistens war es ein Kampf mit Großmächten, wie zum Beispiel mit Byzanz, Persien, Iran, dem Osmanischen und Russischen Imperium. Dieser Kampf dauert heute immer noch an.

SPIEGEL ONLINE: Fürchten Sie nicht, dass der Einfluss Russlands auf Abchasien zu groß wird?

Schamba: Es ist schwierig für uns, aber die europäischen Staaten lassen uns keinen anderen Ausweg. Sie haben alle anderen Türen für uns verschlossen. Was sollen wir tun? Die Beziehungen zu Russland lösen praktisch alle unsere Probleme. Für das kleine Abchasien sind der große russische Markt, die russischen Touristen oder die Sicherheitsgarantie genug. Wir haben das Recht auf eine Doppelbürgerschaft. Um in verschiedene Länder außerhalb Russlands reisen zu können, haben unsere Bürger auch den russischen Pass.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie keine Angst, dass Russland Abchasien nur als Instrument benutzt für seine eigenen geopolitischen Interessen?

Schamba: Alle instrumentalisieren irgendwen. Wird Georgien nicht von den USA benutzt? Der Kampf findet zwischen den großen internationalen Mächten statt. Abchasien und Georgien sind einerseits Hebel in diesem Kampf, andererseits benutzen auch Abchasien und Georgien diese Mächte für sich. Es gibt eine gegenseitige Instrumentalisierung.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist der Plan des deutschen Vizekanzlers Steinmeier in Abchasien auf Ablehnung gestoßen?

Schamba: Gemäß diesem Plan sollte über die Frage unseres politischen Status erst in der letzten Phase entschieden werden. Und dieses letzte Stadium wird nicht früher als in zehn Jahren erreicht. Das ist natürlich für Deutschland die beste Situation. Sie verursacht keine Kopfschmerzen, es gibt dann keine Konfrontation. Alle sind dann zufrieden - außer uns. Die Frage unseres Status diskutieren wir mit niemandem.

SPIEGEL ONLINE: Was muss passieren, dass es in diesem Konflikt einen Schritt vorwärts geht?

Schamba: Die europäischen Staaten und die USA haben einen großen Einfluss auf Georgien. Aber man muss verstehen, dass es eine Realität gibt wie im Kosovo. Man muss auch so entschieden handeln wie im Kosovo. Dort war Russland im Sicherheitsrat gegen eine Unabhängigkeit. In unserem Fall ist nur Georgien dagegen, das nicht Mitglied des Sicherheitsrats ist. Die EU und insbesondere das Europaparlament haben die kommunistische Vergangenheit und ihr Vermächtnis verurteilt. Aber die unter Stalin geschaffene georgische Sowjetrepublik, in die nach dem Willen Stalins auch Abchasien integriert wurde, wollen sie mit aller Kraft bewahren. Das zeigt schon, wie subjektiv die europäische Politik wirklich ist. Wenn man für den Kosovo bereit war, einen Konflikt mit Russland zu riskieren, dann kann man auch Einfluss auf Georgien nehmen, dass es diese Realität anerkennt. Das wäre eine gerechte Entscheidung und würde zeigen, dass nicht nur die politische Konjunktur zählt.

Das Interview führte Carmen Eller.



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